Mit Haut und Haar: Geschäfte machen mit Leder und Pelz

Leder

Mit Haut und Haar: Geschäfte machen mit Leder und Pelz

Leder und Pelz gelten in Deutschland noch immer als chic. Gerade Pelzbesätze für Winterjacken sind im Trend. In vielen Fällen ist unklar, um welche Art Pelz es sich handelt oder woher er stammt. Und auch dass die Mode-Labels Leder verwenden, hinterfragt kaum einer. Der Reporter Manfred Karremann wollte wissen, woher das Leder und die Pelze stammen – und ging auf Spurensuche in Bangladesch und China.

Woher stammt das Leder?

Die Textilhersteller in Deutschland produzieren die Felle und Leder in der Regel nicht selbst. Sie kaufen diese ein. Bangladesch und China haben sich zu den größten Leder- und Pelzexporteuren entwickelt.

Wie die Lieferanten aus Asien die Tierhäute und -felle herstellen - das wollen viele vermutlich lieber nicht wissen. Wie haben die Züchter die Tiere behandelt? Wie haben sie das Leder und die Pelze verarbeitet?

Antworten auf diese Fragen erhalten die Kunden in Deutschland leider nur selten. Ein Siegel wie Made in Germany bezieht sich nur auf die Verarbeitung. Ein Schuhfabrikant aus Deutschland, der Leder aus Asien verarbeitet, darf also Made in Germany auf die Etiketten drucken. Woher das Leder stammt, bleibt für die meisten Kunden ein Rätsel.

Mensch und Tier leiden unter den Bedingungen

Menschenmassen stehen vor einer vor Kurzem eingestürzten Textilfabrik in Bangladesh.

2013 kamen während eines Fabrikunfalls in Bangladesh mehr als 1000 Menschen um

In Bangladesch beispielsweise arbeiten Erwachsene und Kinder in Gerbereien, die mit hochgiftigen Chemikalien wie Chrom arbeiten. Kaum jemand, der dort arbeitet, trägt Schutzkleidung. Kinder in kurzen Hosen stampfen die Lederstücke in die knietiefe Chemikalienbrühe. Diese macht das Leder geschmeidig und haltbarer.

Was gut fürs Leder ist, schadet der Gesundheit der Arbeiter: Die Chemikalien verätzen die Haut und die Schleimhäute. Bengalen, die in den Lederbetrieben Bangladeschs arbeiten, haben laut Karremann eine deutlich geringere Lebenserwartung als solche, die es nicht tun.

Unter dem Chemikalieneinsatz leidet auch die Umwelt. Die Gifte gelangen in die Flüsse und ins Grundwasser. Die Menschen, die von dem geringen Lohn aus der Lederindustrie leben, wohnen oft nahe bei den Fabriken. Sie sind den Schadstoffen rund um die Uhr ausgesetzt. Strenge Umweltauflagen wie in Deutschland - gibt es nicht.

Manfred Karremann war nur wenige Minuten in den Betriebshallen. Seine Lunge brannte, die Augen tränten, berichtet er. Sein Vorteil: Er kann wieder gehen. Anders als die Menschen, die hier ihren Lebensunterhalt verdienen. 90 Cent am Tag. Weniger als 30 Euro im Monat.

Niedrige Löhne, billige Produktion: Nur so können die Hersteller in Bangladesch im Wettbewerb bestehen. Nur so können die Unternehmen in Deutschland zu geringen Kosten Leder importieren. Das hat seinen Preis.

Im Leder reichern sich Umweltgifte an

Drei Bengalen waschen Plastiktüten in einem Fluss aus.

Schlecht für die Umwelt: Chemikalien auswaschen im Fluss

Im Leder reichern sich Stoffe an, die aus dem Gerbprozess stammen. Sie können dem Körper schaden, je nach Konzentration. Sie reichern sich im Leder an - und damit in Schuhen, Möbeln oder Autopolstern. Die Lederproduzenten aus Bangladesch exportieren nicht bloß Leder, sie exportieren auch Umweltgifte.

Die Kühe fürs Leder stammen oft aus Indien. Lastwagen transportieren sie nach Bangladesch. Manchmal werden auch ganze Herden über die Grenze getrieben. Das kann Tage dauern. Damit die Tiere nicht stehen oder liegen bleiben, reiben die Viehtreiber ihnen Chili in die Augen.

Nach islamischem Recht müssen die Schlachter die Rinder schächten. Sie schneiden den Tieren die Kehle auf, ohne diese vorher zu betäuben. Manche der Tiere werden gehäutet, noch bevor sie tot sind.

Der Käfig ist so groß wie ein Schuhkarton

Ein Marderhund steht in seinem Gehege in Hellenthal.

Das Fell von Marderhunden ist sehr begehrt

In China suchte Manfred Karremann einen Hof auf, auf dem unzählige Marderhunde gezüchtet werden. Die Drahtkäfige, in denen die Tiere ausharren, sind nicht größer als ein Schuhkarton. Die Pelze dieser Tiere sind begehrt, der Handel mit ihnen ist lukrativ.

Die Züchter in China ziehen jedes Jahr etwa zehn Millionen dieser Marderhunde heran. Sie verkaufen die Tiere auf Pelzmärkten. Haben sie einen Käufer gefunden, töten sie die Hunde noch vor Ort. Durch einen Schlag mit einer Metallstange. Auf Kundenwunsch ziehen sie dem Tier auch direkt das Fell ab.

Manfred Karremann und sein Team haben einen Händler begleitet, der eine Fabrik beliefert. In der modernen Großgerberei konnten sie sich einige Zeit umschauen. Vermutlich hielten die Mitarbeiter das Team für Pelzhändler.

Auch hier lag der Geruch von Chemikalien in der Luft. An den Wänden hingen zwar Hinweise zum Arbeitsschutz, die Arbeiter trugen jedoch weder Mundschutz noch Schutzbrille. Als die Reporter Interesse an den Chemikalien bekundeten, wurden die Leute vom Werk misstrauisch.

Das Team sollte die Ton- und Videoaufnahmen löschen. Karremann und seine Kollegen zogen sich zurück, ohne die Daten zu löschen. Mit welchen Chemikalien die Angestellten in der Gerberei hantierten, konnten die Journalisten damit aber leider nicht aufklären.

Für einige Chemikalien gibt es keine Kennzeichnungspflicht

Immer wieder rufen Mitglieder des Deutschen Tierschutzbundes oder der People for the Ethical Treatment of Animals (PETA) aus diesen Gründen zu Protestaktionen auf, etwa vor Läden, die Pelz verkaufen. Die Pelzindustrie erfährt in Deutschland nur wenig Rückhalt.

Mehr als 80 Prozent der Deutschen sprechen sich dagegen aus, Echtpelze zu kaufen oder zu tragen. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Gesellschaft für Konsumforschung.

Auch Pelze können Giftstoffe enthalten, die aus der Produktion stammen. Für viele chemische Stoffe fehlt jedoch eine Kennzeichnungspflicht. Ein echter Pelz muss zwar auch mit "Echtpelz" gekennzeichnet sein, die Herkunft oder die Tierart aber nicht.

Was der Konsument kauft, kann er in vielen Fällen nur vermuten. Am Preis lässt es sich schon lange nicht mehr erkennen. Die billigen Felle aus China kosten nicht mehr als die Imitate. Und von den Zuständen, die Manfred Karremann in Asien aufgedeckt hat, wissen nur wenige in Deutschland.

Autor: Oliver Körting

Stand: 29.04.2016, 10:00

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