Plastikhormone – Interview mit Dr. Hans-Ulrich Grimm

In Folie verpackte Lebensmittel

Verpackung

Plastikhormone – Interview mit Dr. Hans-Ulrich Grimm

Bisphenol A und Weichmacher, die in der Verpackungsindustrie verwendet werden, um Lebensmittel zu verpacken, wirken als Plastikhormone auf den Körper. Der ehemalige Spiegel-Redakteur Dr. Hans-Ulrich Grimm hat jahrelang Recherchen zu industriell erzeugten Nahrungsmitteln und deren Verpackungen betrieben. Über den aktuellen Stand in Sachen Plastikhormone und ihre Schädlichkeit für uns Menschen führte Planet Wissen ein Gespräch mit dem Journalisten und Autor.

Bisphenol A und Weichmacher kommen in vielen Alltagsgegenständen vor. Beschichtungen von Metalldosen, Deckel von Konservierungsgläsern oder Frischhaltefolien können damit belastet sein. Viele der Plastikhormone sind fettlöslich und gelangen so in die Nahrung.

Unabhängige Studien ergaben, dass diese Stoffe wie ein weibliches Geschlechtshormon auf unseren Körper wirken und unsere Fortpflanzung beeinträchtigen können. Zudem können sie das Wachstum von Fettzellen beschleunigen und zu Übergewicht führen. Seit Neuestem gibt es außerdem den Verdacht, dass diese Plastikhormone zu Diabetes und Herzkrankheiten führen können. Zu diesen Studien gibt es aber auch jede Menge von Gegenstudien, die von der Industrie finanziert wurden und Plastikhormone als unbedenklich einstufen. Eine Meinung, der sich zum Beispiel das Deutsche Bundesamt für Risikobewertung anschließt.

Planet Wissen: Wie ernst kann man Studien zu Plastikhormonen nehmen, welche die Industrie selbst gemacht hat?

Dr. Hans-Ulrich Grimm: Die kann man natürlich nicht so richtig ernst nehmen im Vergleich zu unabhängigen Untersuchungen oder Regierungsstudien. Die meisten Entlastungsstudien, auf die sich die Regierungen beziehen, sind indessen von der Industrie unterstützt. Und das ist für uns Verbraucher natürlich problematisch, wenn Grenzwerte entschärft werden aufgrund von solchen Studien.

Wie kommt es denn, dass ausgerechnet das Bundesinstitut für Risikobewertung sich darauf verlässt und keine eigenen Studien macht?

Die machen normalerweise keine eigenen Studien - ich denke auch aus Kostengründen. Die stützen sich in der Regel auf das, was von der europäischen Lebensmittel-Sicherheitsagentur EFSA kommt und diese hat vor ein paar Jahren die Grenzwerte entschärft. Auf der anderen Seite aber gibt es auch noch das deutsche Umweltbundesamt, ebenfalls eine Regierungsstelle, das gerade wieder eine Stellungnahme dazu abgegeben hat. Diese ist kritisch gegenüber diesen Plastikhormonen und begibt sich mithin in Widerspruch zum Bundesamt für Risikobewertung. Bei uns sind das also zwei Regierungsstellen, die unterschiedliche Auffassungen vertreten.

Bisphenol A wird dennoch nach wie vor verwendet, oder?

Ein Schnuller auf weißem Hintergrund

Gefahr für Babys

In einigen Ländern sind Verbote beschlossen oder auf dem Weg, vor allem, um die Gefährdung von Kindern zu reduzieren. Es geht um Schnuller, Nuckelflaschen und so weiter. Dagegen kämpft die chemische Industrie natürlich mit allen Mitteln. Die haben auch sofort, als der erste Verdacht aufkam, eine Task-Force ins Leben gerufen, die mit Macht wissenschaftlich gegen die Verdachtsmomente arbeiten soll. Für die Aufsichtsbehörden wird es damit schwerer, aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse Verbote zu erlassen.

Etwa 400 Tausend Tonnen Bisphenol A sollen jedes Jahr allein in Deutschland verarbeitet werden. Können wir diesem Stoff überhaupt ausweichen?

Wenn man davon ausgeht, dass das meiste von diesen Plastikhormonen übers Essen aufgenommen wird, dann kann man dem ganz einfach ausweichen, indem man keine Sachen isst, die verpackt sind - in Plastik oder beschichteten Metallbehältnissen. Auch beschichtete Deckel, zum Beispiel von Konservengläsern, können sogenannte Weichmacher enthalten, die als Plastikhormone wirken. Wenn man viel industriell hergestellte Nahrung isst, ist das Risiko größer, dass man diese Plastikhormone aufnimmt.

Bisphenol A ist nur ein sogenanntes Plastikhormon - wie viele davon gibt es denn?

Da gibt es insgesamt etwa 1000 verschiedene Substanzen aus Nahrung und Umwelt, die im Körper wirken wie Hormone. Dazu zählen die Weichmacher, auch die sogenannten Phtalate, aber auch Pestizide oder Lebensmittelzusatzstoffe.

Wie gelangen Plastikhormone in unseren Körper?

Milch wird in ein Glas gefüllt

Plastikhormone in der Milch

In der Regel über die Nahrung. Bisphenol A zum Beispiel ist schon im menschlichen Blut nachweisbar, vor allem bei Kindern. Plastikhormone gelangen dann besser in den menschlichen Körper, wenn sie in der Nahrung aufgelöst werden können. Viele dieser Plastikhormone sind fettlöslich. Wenn man zum Beispiel ein Gläschen hat mit Pesto oder Olivenpaste, da können sie ins Gläschen reinschwimmen. Auch in Fischbüchsen, Milchverpackungen, Käseverpackungen oder Gefrier- und Frischhaltebeuteln hat man schon Plastikhormone nachgewiesen.

In Ihren Büchern gehen Sie hart mit der Lebensmittelindustrie ins Gericht. Worin liegt Ihrer Meinung nach das Kernproblem?

Die Nahrungsmittel werden heute nicht in erster Linie für Menschen produziert, sondern für Supermärkte. Dort muss dann etwa ein Tüten-Kartoffelpüree über ein Jahr halten. Ein Kampf gegen den Verfall, mithin gegen die Natur, der nur mithilfe der Chemie zu führen ist. Also mit Zusatzstoffen. Oder eben Verpackungen.

Was müsste seitens der Verpackungsindustrie passieren?

Ein Gläschen mit Babynahrung steht auf der Küchenarbeitsplatte

Auch Babygläschen können betroffen sein

Es scheint offensichtlich schwierig zu sein für die zuständigen Industrien, hormonell ungefährliche Alternativen zu finden. Sie sind zwar zum Umdenken bereit, jedenfalls unter öffentlichem Druck. Immer wenn ein Nachweis kam, etwa über Plastikhormone in Babygläschen, war die Aufregung groß, und es wurde gehandelt. Aber Wissenschaftler haben mir gegenüber geklagt, dass die Nachfolgesubstanzen oft auch wieder hormonelle Effekte haben. Die Industrie ist ohnehin der Auffassung, dass diese Plastikhormone nicht schaden - deswegen gibt es für sie auch keinen Anlass, daran grundsätzlich etwas zu ändern. Es scheint nicht attraktiv, da nach Alternativen zu suchen. Da geht es eben immer auch um wirtschaftliche Interessen.

Wie könnte man Ihrer Meinung nach dieses Problem in den Griff bekommen?

Als Einzelperson, indem man echtes Essen kauft: Äpfel, Birnen, Blumenkohl, Schweinefleisch und Suppenhuhn. Wo kein Plastik, da kein Plastikhormon. Im globalen Maßstab ist es natürlich schwieriger, weil politische Entscheidungen immer auf wissenschaftlicher Basis fallen müssen. Die Politik müsste zunächst für eine unabhängige Wissenschaft sorgen, denn bisher sind die einschlägigen Experten, namentlich die Professoren, häufig von der Industrie beeinflusst. Unabhängige Nahrungsforschung zum Beispiel gibt es nach Aussagen von Wissenschaftlern in deutschen Universitäten gar nicht, international nur selten.

Hat Ihnen Ihre Arbeit nicht manchmal den schlichten Genuss verdorben?

Im Gegenteil. Wenn Sie alles Künstliche, alle Chemikalien weglassen, dann schmeckt das Essen natürlich viel besser. Denken Sie nur an eine echte Hühnersuppe!

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Lebensmittel aus?

Bei Chemie praktiziere ich Null-Toleranz. Dann gilt der Grundsatz: Wenn Aroma draufsteht, ist irgendwas faul. Ansonsten: Es soll Bio sein, es soll echt sein, es soll gut schmecken.

Autor/in: Interview: Kerstin Zeter

Stand: 23.10.2014, 13:00

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