Analphabeten
Funktionale Analphabeten
Fast alle Analphabeten in Deutschland sind sogenannte funktionale Analphabeten. Das heißt sie können aufgrund der Schulpflicht einzelne Buchstaben oder sogar Worte wie ihren Namen lesen und schreiben. Ihre Kenntnisse reichen jedoch nicht aus, um zum Beispiel Warnhinweise am Arbeitsplatz oder einen Elternbrief aus der Schule zu lesen. Funktionale Analphabeten sind "nicht in der Lage, Schriftsprache für sich im Alltag zu nutzen", so Marion Döbert vom Bundesverband Alphabetisierung. Sie schaffen es zum Beispiel nicht, Fahrpläne, Bedienungsanleitungen, Straßenschilder oder Namen von U-Bahn-Stationen zu lesen.
Familie
Analphabetismus hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Die Ursache ist meist ein Zusammentreffen verschiedener Faktoren: Zum Beispiel spielen neben individuellen Besonderheiten auch das Elternhaus und die Familiensituation eine wichtige Rolle. Erfahrungsberichte von Analphabeten zeigen, dass oft auch ihre Eltern nicht gut lesen und schreiben konnten. Viele erzählen, dass in ihrer Familie kein Wert auf Bücher und Geschichten gelegt wurde. Oder sie berichten, dass ihre Eltern selten zu Hause waren und nur wenig Zeit mit ihnen verbrachten. Die unterstützten die Kinder schulisch nicht. Oft hemmten sie das Lernen sogar durch massive Abwertung und Geringschätzung des Kindes. Viele Analphabeten berichten von harten Strafen und Vorwürfen wie "Du bist sowieso zu dumm".
Schule
Dazu kommen Probleme in der Schule. Der Wert individueller Förderung und individueller Lernbedingungen für Kinder wurde zwar längst erkannt, wird aus Zeitdruck oder Personalmangel in der Realität aber oft nicht genügend berücksichtigt. Ein Kind, das - aus welchem Grund auch immer - mehr Zeit oder Betreuung braucht als andere, hinkt deshalb im Unterricht meist schon in den ersten beiden Schuljahren hinterher. Lehrer berichten, dass ihnen keine Zeit bleibt, sich stärker für einzelne Schüler zu engagieren. Versteckte Hilferufe und Bemerkungen wie "ich kann das nicht!" werden oft als Störungen des Unterrichts aufgefasst und bestraft. Auch erzählen sehr viele Analphabeten, dass ihre Unkenntnis in der Schule einfach ignoriert wurde. Nicht selten endete ihre Schulkarriere dann ohne Schulabschluss oder auf der Sonderschule. Und dies, obwohl sie meistens viele besondere Fähigkeiten besitzen - wie ein extrem gutes Gedächtnis oder ausgeprägtes handwerkliches Können.
Täuschung als "Überlebensstrategie"
Analphabetismus ist in Deutschland immer noch ein Tabuthema. "Das sieht man dir gar nicht an", bekommen Analphabeten zu hören, die sich zu ihrer Schwäche bekennen. Wer trotz Schule nicht schreiben kann, gilt in unserer Gesellschaft als dumm. Deshalb legen Analphabeten oft großen Wert darauf, nicht als solche "entlarvt" zu werden. Sie verwenden viel Energie und Intelligenz darauf, ihre Schwäche zu verbergen. Ausreden wie "die Brille vergessen" oder "den Arm verstaucht" gehören zum Alltag. Formulare werden mit nach Hause genommen, und im Restaurant heißt es: "Für mich bitte dasselbe". Analphabeten berichten, dass sie ein gesamtes Monopolyspiel oder die kompletten Führerscheinbögen auswendig gelernt haben, damit ihr Makel nicht auffällt.
Vermeidung
So oft es nur geht vermeiden Betroffene Situationen, in denen sie schreiben oder lesen müssten. Analphabeten berichten, dass sie Rückschritte in den verschiedensten Bereichen in Kauf nehmen, damit ihr Schreibproblem nicht auffällt und sie sich nicht "outen" müssen. Das geht oft so weit, dass sie sogar ihre Stelle kündigen, statt eine Fortbildung oder eine Beförderung in Anspruch zu nehmen. Im entscheidenden Moment ziehen sie sich zurück und wählen statt des beruflichen Aufstiegs die Arbeitslosigkeit. Ähnlich verhalten sie sich im Privatleben. Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, erzählen, dass sie eher ihre Freizeitaktivitäten und den Freundeskreis einschränken, als dass sie von ihrer Schwäche erzählen und sich bloßstellen. Neben privaten Problemen führt Analphabetismus also auch zu einem menschlichen Rückzug auf beruflicher und gesellschaftlicher Ebene.
Vertrauensperson und Abhängigkeit
In unserem Alltags- und Berufsleben ist es kaum möglich, auf Lesen und Schreiben zu verzichten. Deshalb sind Analphabeten ständig auf die Hilfe Dritter angewiesen. Sie brauchen Unterstützung bei der Bewältigung von Angelegenheiten im Alltag wie dem Lesen von offiziellen Briefen, von Einkaufszetteln oder von Wegbeschreibungen. Fast immer bestimmen sie jemanden aus ihrem Freundeskreis zur Vertrauensperson. Von dieser Person sind sie dann allerdings stark abhängig. Die Person, die das Lesen und Schreiben übernimmt, meist Partner, Ehefrau, Freund oder Verwandte, hat eine starke Machtposition. Sie hat zum Beispiel bei Bankgeschäften und bei Verträgen freie Hand - und leichtes Spiel, wenn sie es darauf anlegt, denjenigen, der ihr vertraut, zu betrügen.
Angst
Für Außenstehende ist es unverständlich, warum Analphabeten nicht "einfach lesen und schreiben" lernen. Ihnen erscheint der Besuch eines Alphabetisierungskurses viel einfacher als der Umgang mit den vielen Hindernissen im Alltag und das ständige Verbergen der Schwäche. Analphabeten berichten jedoch, dass sich in ihnen im Laufe der Zeit eine riesige Angst aufgebaut hat, die sich immer weiter verstärkt. Sie haben Angst davor, ausgelacht und für dumm gehalten zu werden, und davor, dass sich die negativen Erfahrungen aus ihrer Kindheit und Schulzeit wiederholen. Sie haben Angst vor sich selbst und davor - wie schon so oft - zu versagen und einfach nicht Lesen und Schreiben lernen zu können. Die Angst vor Demütigung, vor der Missachtung der eigenen Person, vor dem Verlust sozialer Integration und Anerkennung ist so groß, dass sie vieles dafür in Kauf nehmen, nicht als Analphabeten aufzufallen. Der schwierigste Schritt beim Lernen von Lesen und Schreiben ist es deshalb, diese Angst zu überwinden.
Lernmotive
Menschen, die sich entschließen, einen Alphabetisierungskurs zu besuchen, wollen unabhängig werden und Schamgefühle, Angst und Unsicherheit überwinden. Kursleiter berichten, dass der Beschluss, Lesen und Schreiben zu lernen, meist auf einen konkreten Auslöser folgt. Der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine veränderte Arbeitssituationen können ebenso Auslöser sein wie die darauf folgende Arbeitssuche, ein Bewerbungstraining, eine Fortbildung oder eine Umschulung. Während früher viele Jobs auch als Analphabet möglich waren, ist es heute nicht nur bei der Suche, sondern auch bei der Arbeit selbst erforderlich, zumindest lesen und schreiben zu können: Schon bei Fließbandarbeit oder "einfachen" Hilfsarbeiten müssen Computer bedient oder Formulare ausgefüllt werden. Ein anderer Auslöser für diesen großen Schritt in die Eigenständigkeit und Selbstsicherheit kann die Einschulung der eigenen Kinder sein, die Hilfe in die Schule benötigen, oder der Verlust der Person, die alle Lese- und Schreibaufgaben übernommen hatte.
Andrea Schultens, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Die Kunst des Schreibens - Von Lettern und Minuskeln, 06.11.2008










