Homosexualität
Homosexualität in der Antike
Tatsächlich gibt es Hinweise darauf, dass es schon im antiken Athen die gleichgeschlechtliche Liebe gegeben hat. Vor allem in Gedichten wird die sexuelle Beziehung unter Männern oft thematisiert, aber auch Funde von Vasen zeigen Bilder des homosexuellen Liebesaktes. Historiker gehen deshalb davon aus, dass diese Liebe gesellschaftlich akzeptiert und teilweise sogar gefördert wurde. In der Regel gab es zwischen den Partnern einen sehr hohen Altersunterschied. So waren beispielsweise an der Seite der Götter Apollon und Zeus junge Schützlinge, die durch die Knabenliebe eine gute Erziehung erfahren sollten. Dass die Liebe unter Männern damals kein Tabubruch war, zeigt auch die Formation einer Armee der besonderen Art: 378 vor Christus gab es die Militäreinheit "Heilige Schar", die ausschließlich aus homosexuellen Paaren bestand. Ihr Einsatz wurde damit begründet, dass die insgesamt 300 Soldaten im Beisein des Liebsten mehr Kampfbereitschaft zeigen und dass sie im Todesfall keine trauernden Familien hinterlassen würden.
Ob es wirklich in allen Beziehungen auch zu sexuellen Kontakten unter den Männern kam und Frauen keinerlei sexuelles Interesse bei ihnen auslösen konnten, lässt sich anhand der Quellen nicht eindeutig sagen. Deshalb sollte man vorsichtig damit sein, das heutige Verständnis von "Homosexualität" auf die damalige Zeit zu übertragen. Dennoch sind sich die Historiker einig, dass die Beziehung zu jüngeren Geliebten akzeptiert war, wohingegen die Liebe unter Gleichaltrigen vermutlich eher gesellschaftliche Ächtung erfuhr. Außerdem vermuten die Experten, dass es auch gleichgeschlechtliche Liebe unter Frauen gab, allerdings ließen sich bisher nur wenige Hinweise dafür finden.
Wegen "Unzucht" verurteilt
Mit steigendem Einfluss des Christentums wurden Homosexuelle in Europa immer mehr zu gesellschaftlichen Außenseitern. Im deutschsprachigen Raum galten im christlichen Mittelalter gleichgeschlechtliche Sexualbeziehungen als Sodomie, das heißt sie zählten zu den sexuellen Praktiken, die als pervers und widernatürlich galten. Die Strafverfolgung gegen sogenannte "Unzucht" endete damals nicht selten auf dem Scheiterhaufen. Die homosexuellen-feindliche Einstellung hinsichtlich Norm und Moral existierte im Deutschen Kaiserreich weiter und so kam es am 1. Januar 1872 mit dem Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches zur Geburtsstunde des Paragrafen 175. Darin wurde erstmals für das gesamte Land festgelegt, dass homosexuelle Handlungen unter Männern mit Gefängnis zu bestrafen seien. Zudem konnte es in Einzelfällen auch zur Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte kommen, beispielsweise zum Entzug des Wahlrechtes.
Aufgrund dieser Diskriminierung bildete sich in den Folgejahren die erste Homosexuellenbewegung in Deutschland. Magnus Hirschfeld gilt als deren Begründer, da er in aller Öffentlichkeit die Aufhebung des Paragrafen 175 verlangte und sich massiv gegen dessen Ungerechtigkeit aussprach. Der Arzt und Sexualforscher stützte seine Forderung auf die Ergebnisse jahrelanger Forschungen. Er fand heraus, dass es sich bei dem Verlangen nach gleichgeschlechtlicher Liebe nicht etwa um eine Krankheit handele, sondern vielmehr um eine angeborene sexuelle Neigung. Mit dem Beweis der angeborenen Homosexualität wollte er die Straffreiheit für Schwule erreichen. Am 15. Mai 1897 wurde er zum Mitbegründer des "Wissenschaftlich humanitären Komitees" und hatte somit maßgeblichen Anteil daran, dass der Reichstagsausschuss 1929 für die Abschaffung des Paragraphen 175 stimmte. Das geistige Klima in der Weimarer Republik ließ zu, dass die Forderungen von Hirschfeld und seinen Verbündeten Gehör fanden. Doch der radikale gesellschaftliche und politische Umbruch durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 brachte dieser Bewegung das abrupte Ende.
Verfolgung unter Nazi-Herrschaft
Der Machtantritt der Nationalsozialisten schlug für die Homosexuellen schlagartig wieder jede Tür zu, die Magnus Hirschfeld in den Jahren zuvor mühsam zu öffnen versucht hatte. Nach der nationalsozialistischen Ideologie verschmutzte eine "unzüchtige" Verbindung unter Männern das deutsche Volk, da sie nicht zur Fortpflanzung der deutschen Herrenrasse beisteuerte. Mit aller Macht versuchte das Hitlerregime, das freie Leben der homosexuellen Minderheit zu unterdrücken. 1935 verschärfte es den Paragrafen 175, der von nun an nicht mehr nur "beischlafähnliche" sondern jegliche Art von homosexuellen Handlungen mit Freiheitsentzug bestrafte. Nur ein Kuss oder ein Blickkontakt konnte bis zu fünf Jahre Haft nach sich ziehen. Der damalige Leiter der Schutzstaffel (SS), Heinrich Himmler, ordnete schließlich 1940 die Verschleppung aller verurteilten Homosexuellen ins Konzentrationslager (KZ) an. Nur eine "freiwillige" Kastration konnte diese Maßnahme verhindern, weshalb sich viele Männer notgedrungen für die "Entmannung" entschieden. Allerdings gewährte der nationalsozialistische Machtapparat diesen Fluchtweg nicht lange, da schon ab 1942 Zwangskastrationen im KZ durchgeführt wurden. Das Erkennungszeichen der Homosexuellen im Lager war der rosa Winkel, der auf ihre Anstaltskleidung genäht wurde. Schätzungen zufolge mussten während des Dritten Reichs gut 10.000 Schwule ins KZ, zwischen 50.000 und 100.000 ins Gefängnis. Tausende überlebten den Terror der Nazis nicht.
Unterdrückung in der Nachkriegszeit
Hitlers Politik zerstörte alle Emanzipationsbewegungen, die in der Weimarer Republik entstanden waren. Bis in die Nachkriegsjahre war kein Hauch mehr von Hirschfelds damaligen Erfolgen zu spüren. Homosexuelle wurden weiterhin als Randgestalten der Gesellschaft wahrgenommen und immer noch bestrafte das Gesetz homosexuelle Handlungen mit Freiheitsentzug. 1969 kam es dann jedoch zum legendären Stonewall-Aufstand in New York, der bis heute weltweit als Auslöser für die neue Schwulen- und Lesbenbewegung gilt. Beim Eindringen der Polizei in die Schwulenbar "Stonewall Inn" wehrten sich die Gäste zum ersten Mal gegen die Festnahmen und Diskriminierungen, die regelmäßig bei solchen Razzien vorkamen. Die tagelangen gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Homosexuellen und Staatsgewalt in diesem Bezirk machten nicht nur in der Öffentlichkeit auf die Situation von Lesben und Schwulen aufmerksam, sondern motivierten viele Betroffene dazu, ihrer jahrelangen Unterdrückung endlich ein Ende setzen zu wollen. Im Jahr des Stonewall-Aufstands lockerte sich auch der Paragraf 175 in Deutschland, indem der homosexuelle Kontakt zwischen erwachsenen Personen straffrei wurde.
Zwar war es fortan einfacher, mit anderen Schwulen und Lesben in Kontakt zu treten, doch noch immer war es die gesellschaftliche Ächtung, die es schwer machte, ein freies Leben führen zu können. Um gegen diese Intoleranz vorzugehen, bildeten sich Anfang der 70er Jahre zahlreiche Schwulengruppen. Die Interessen der Lesben kamen dort allerdings zu kurz, was dazu führte, dass sich die Frauen nicht mehr mit der stets größer werdenden Männerfront identifizieren konnten. Sie spalteten sich deswegen von ihnen ab und organisierten sich eigenständig, um für ihre Rechte zu kämpfen. Erst zehn Jahre später kam es wieder zur Annäherung der beiden Gruppierungen, um gemeinschaftlich für die gesellschaftliche Gleichstellung zu kämpfen. Dazu gehört unter anderem die aufwendige Organisation der zahlreichen Christopher Street Days, die an den Stonewall-Aufstand von 1969 erinnern.
Die neue Freiheit
Heute ist die Tatsache, dass homosexuelle Paare nur wegen ihrer Liebe zueinander hinter Gitter müssen, unvorstellbar. 1994 wurde - nach mehr als 120 Jahren - der Paragraf 175 im deutschen Strafgesetzbuch endgültig gestrichen. Der Fortschritt, den die Homosexuellen-Bewegung erreicht hat, ist unverkennbar: Schwule und lesbische Paare können sich offiziell als Lebenspartnerschaften eintragen lassen. Dafür gibt es allerdings in den einzelnen Bundesländern teilweise andere Voraussetzungen. Und auch wenn homosexuelle Partnerschaften in den vergangenen Jahren in immer mehr Bereichen mit der Ehe gleichgestellt worden sind, gibt es immer noch Unterschiede, zum Beispiel bei der Möglichkeit Kinder zu adoptieren. Deshalb kämpfen homosexuelle Interessenverbände und Organisationen weiter für Gleichberechtigung.
Simone Klein, Stand vom 01.06.2009









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