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Die Verkehrswacht

Seit es Straßen und Fahrzeuge gibt, machen Verkehrsteilnehmer Fehler. Das war schon so, als noch Pferdedroschken und Ochsenkarren das Straßenbild prägten. Als um die vorige Jahrhundertwende die ersten Automobile und Krafträder aufkamen, war es mit der Beschaulichkeit auf den Straßen vorbei. Zunehmend mussten Verkehrsteilnehmer mit Geschwindigkeiten fertig werden, die bis dahin niemand für möglich gehalten hätte. Der motorisierte Straßenverkehr forderte immer mehr Opfer. Doch schon in den 20er Jahren nahmen sich einige engagierte Menschen vor, daran etwas zu ändern.

Schwarzweiß-Foto: Zwei Polizisten haben gerade mit einem Motorrad mit Beiwagen einen Autofahrer angehalten. Der Autofahrer reicht den Polizisten aus dem geöffneten Fenster seine Papiere. (Rechte: Interfoto)

Schon in den 20er Jahren kontrollierte die Polizei Autofahrer

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Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges kam der wirtschaftliche Aufschwung. Immer mehr Menschen konnten sich ein eigenes Automobil leisten – ein bis dahin unerschwingliches Statussymbol. 1924 rumpeln bereits mehr als 130.000 Personenkraftwagen über die holprigen Straßen Deutschlands. Fast 100.000 Motorräder knattern durch die Städte und Dörfer. Gaslaternen und Fackeln sind noch die gängigen Beleuchtungseinrichtungen. Für Fußgänger, Radfahrer und die alltäglichen Pferdekutschen und Ochsenkarren wird es zunehmend eng. Im selben Jahr kommen bei Begegnungen der ungleichen Verkehrsteilnehmer 1356 Menschen ums Leben.

Schwarzweiß-Foto: Der Verkehr am Potsdamer Platz in den 20er Jahren. In einem großen Kreisverkehr sind Autos, Straßenbahnen und Pferdekutschen zu sehen.

Der Verkehr am Potsdamer Platz in den 20er Jahren

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Ursache für die sich häufenden Unfälle suchen und finden die motorisierten Fahrer in erster Linie bei sich selbst. In mehreren Städten gründen Kraftfahrer sogenannte "Autowachten" mit dem Ziel, "Selbstzucht zu üben und ... zu einer sicheren Abwicklung des Verkehrs beizutragen". Die Berliner Autowachtler haben eine besonders pfiffige Idee: "Entdecken Sie einen Automobilisten, der Ihrer Meinung nach zu schnell unterwegs ist, so verfolgen Sie ihn, überholen sein Fahrzeug und halten dem Verkehrsrowdy ein Schild aus dem Seitenfenster entgegen." Auf der Vorderseite steht "Autowacht", auf der rückwärtigen, für den Überholten lesbaren Fläche "Bitte 35!".

Schwarzweiß-Foto: Ein ADAC-Mitarbeiter hilft 1925 einem Autofahrer mit Panne. Links im Bild ein Motorrad mit Anhänger, auf dem die Aufschrift 'ADAC-Straßenhilfsdienst' zu sehen ist.

Bereits 1925 half der ADAC Autofahrern mit Pannen

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Ideen für mehr Sicherheit

Der Verkehr auf den Straßen hat seine Geruhsamkeit verloren. Neben der löblichen Selbstkritik der motorisierten Fahrer setzt sich die Erkenntnis durch, dass sich auch die übrigen Verkehrsteilnehmer wachsamer und disziplinierter verhalten müssen. Aus den Autowachten werden Verkehrswachten. Am 3. November 1924 wird in Berlin die "Deutsche Verkehrswacht e.V." gegründet. Unter den Gründungsmitgliedern finden sich vor allem Kraftfahrer-Vereinigungen wie zum Beispiel der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC), der Automobil-Club von Deutschland (AvD) oder der Zentralverband für das Kraftdroschken-Gewerbe. Bald darauf werden in mehreren Städten örtliche Verkehrswachten ins Leben gerufen und ehrenamtliche Funktionäre ernannt. Der berühmte Automobil-Konstrukteur August Horch wird zum ersten Präsidenten der Deutschen Verkehrswacht ernannt.

Ab 1925 machen sich in Berlin die ersten Polizeistreifen auf die Jagd nach Verkehrssündern. Die Industrie wirbt für die ersten Fahrtrichtungsanzeiger, die das lästige Gestikulieren beim Abbiegen ersparen sollen. Zwei Jahre später führt der ADAC seinen motorisierten Straßenhilfsdienst ein. 33 Pannendienst-Fahrzeuge patrouillieren auf den Landstraßen. Dort hat sich der Verkehr seit 1925 verdoppelt. Schon früh erkennt man bei der Verkehrswacht die Zeichen der Zeit: So fordert ein Artikel in der damaligen Verbandszeitschrift "Verkehrswarte" bereits 1929 den Bau von Fahrradwegen. In die Tat umgesetzt wird dieser Vorschlag jedoch noch nicht.

Im totalitären System der Nationalsozialisten findet die Verkehrswacht-Philosophie der individuellen Verkehrserziehung, welche vor Ort und bei jedem Einzelnen ansetzt, wenig Gegenliebe. Mit Propagandawochen wie "Kampf dem Unfall" nimmt die NSDAP die Verkehrsbelehrung in die eigene Hand. 1937 wird die Deutsche Verkehrswacht "nicht mehr geduldet" und per Erlass aufgelöst.

Schülerlotsen halten auf einer Straße rote Kellen in die Höhe. Hinter ihnen gehen zahlreiche Schüler über die Straße.

Seit 1953 helfen Lotsen Schülern über die Straße

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Das Auto wird Statussymbol

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges gründen sich wieder örtliche Verkehrswachten. 1949 hat sich die Zahl der Verkehrsunfälle in Westdeutschland innerhalb von zwei Jahren verdreifacht. Der Gesetzgeber sieht erhöhten Handlungsbedarf und verbietet im darauffolgenden Jahr das Parken auf der Autobahn. Lastwagenfahrer dürfen keine Personen mehr befördern und müssen auf einen dritten oder gar vierten Anhänger verzichten. 1951 wird die technische Fahrzeugüberwachung durch den TÜV eingeführt. Die Prüfer vergeben ihre Prüfplaketten im Zwei-Jahres-Rhythmus wie heute auch. Im selben Jahr werden die Bundesanstalt für Straßenwesen und das Kraftfahrtbundesamt gegründet. Seit 1953 geleiten Schülerlotsen im gesamten Bundesgebiet Schulkinder über die Straßen. 1954 wird eine einheitliche Verkehrsstatistik eingeführt. Ihr zufolge waren im Jahr davor 4,3 Millionen Kraftfahrzeuge registriert. Nach den entbehrungsreichen ersten Nachkriegsjahren ist das eigene Auto für viele erschwinglich geworden.

Schwarzweiß-Foto: Eine Frau sitzt in einem Auto, schaut aus dem Fenster und hält eine Plakat mit der Aufschrift 'Tu's für uns' in die Kamera. Auf der Autotür steht 'Erst gurten, dann starten'.

Kampagnen erzielten seit den 60er Jahren erste Erfolge

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Kampagnen für die Sicherheit

Am 4. Februar 1966 strahlt die ARD die erste Folge der Fernsehreihe "Der 7. Sinn" aus. Vom WDR in Zusammenarbeit mit der Verkehrswacht produziert, war sie bis 2005 ein Dauerbrenner. Trotz aller Bemühungen der Verkehrserzieher steigt die Zahl der Verkehrstoten weiter. 1970 fallen fast 20.000 Menschen dem Straßenverkehr zum Opfer – mehr als jemals zuvor oder danach. Zwei Jahre später wird ein Großversuch gestartet: Eine Geschwindigkeitsbeschränkung von 100 Kilometer pro Stunde auf Landstraßen soll die Unfallzahlen senken. 1974 versucht die Verkehrswacht mit ihrer Gurt-Kampagne "Klick. Erst gurten, dann starten!", Autofahrer zum Anschnallen zu bewegen. Autofahrer müssen sich auf den Vordersitzen angurten, Motorradfahrer dürfen nicht mehr ohne Helm auf ihre Maschinen. Die Zahl der Verkehrstoten beginnt wieder zu sinken.

Ein Kind fährt auf einem Fahrrad durch einen Parcours. Ein anderes Kind schaut ihm dabei zu.

Die Fahrradprüfung ist fester Bestandteil an Grundschulen

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Langfristige Erfolge

Heute engagieren sich rund 90.000 ehrenamtliche Mitglieder in der Verkehrserziehung bei den Orts-, Gebiets- und Kreisverkehrswachten. Viele von ihnen sind Polizisten, Fahrlehrer, Juristen oder Lehrer. Jeder, der etwas tun möchte, ist willkommen. Die Organisation auf den höheren Ebenen, in den Landesverkehrswachten und in der Bundeszentrale in Meckenheim bei Bonn, übernehmen vorwiegend hauptamtlich Beschäftigte.

Einen wesentlichen Erfolg ihres Engagements sieht die Verkehrswacht darin, dass sie es geschafft hat, die Verkehrserziehung als festen Bestandteil der Schulausbildung zu etablieren. Schon in der Grundschule lernen Kinder im Rahmen der "Jugendverkehrsschule", sich im Verkehr richtig zu verhalten. Viele dürften sich auch noch daran erinnern, als sie nach fleißigem Üben im Verkehrsparcours auf dem Schulhof endlich den begehrten grün-weißen Wimpel für die bestandene Radfahrprüfung in den Händen hielten.

Bei der Finanzierung ihrer Projekte ist die Deutsche Verkehrswacht auf Sponsoren, öffentliche Gelder und Mitgliedsbeiträge angewiesen. So unterstützt zum Beispiel die Automobilindustrie den bundesweiten Schülerlotsendienst. Die Projekte und Initiativen der Verkehrswacht und ihrer Partner zielen auf langfristige Überzeugungsarbeit und Verhaltensänderungen ab. Auch wenn es noch viel zu tun gibt, so haben die Lebensretter im Hintergrund mit Sicherheit einen wesentlichen Anteil daran, wenn die Zahlen der Verkehrstoten auch in Zukunft weiter zurückgehen.

Daniel Stolte, Stand vom 30.04.2013

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