Sprechende Hände

In die Höhe gestreckte Hände von Kindern

Kommunikation

Sprechende Hände

Die Hand ist ein bemerkenswertes Universalinstrument. Wir können mit unseren Händen winzige Schmuckstücke herstellen, Musikstücke spielen, Brotteig kneten, wie ein Schraubstock eine Reckstange umklammern – und wir können mit unseren Händen sprechen. Gehörlose Menschen haben sogar eine vollwertige und eigenständige Sprache der Hände entwickelt, die Gebärdensprache.

Die Entwicklung des Wunderwerkzeugs

Durch den aufrechten Gang sind die Hände des Menschen frei für vielseitigen Einsatz. Die Gegenüberstellung des Daumens ermöglicht zahlreiche handwerkliche Tätigkeiten bis hin zu feinmotorischen Kleinarbeiten.

Unsere Hände sind kostbar. Wir schützen sie mit Handschuhen, schmücken sie mit Ringen und verzierten Fingernägeln. Die Finger unserer Hand beugen und strecken sich im Laufe eines durchschnittlichen Menschenlebens mindestens 25 Millionen Mal – ohne zu ermüden.

Schon bei einem Säugling sind die "Zappelfinger" ständig in Bewegung, obwohl er sie noch nicht koordinieren kann. Er betrachtet seine Hände voller Verwunderung und mit großem Interesse.

So bald wie möglich beginnt das Baby, seine Umwelt mit den Händen zu erforschen, die Welt im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen. Das Befühlen einer Haarbürste, das Zerquetschen einer Banane und alle anderen Tasterlebnisse wirken positiv auf die Sprachentwicklung, so vermutet man.

Schon sehr früh beginnen kleine Kinder, mit den Händen zu sprechen und versuchen, sich mit Handzeichen zu verständigen. Sie zeigen zum Beispiel mit dem Finger auf Gegenstände, auf die sie ihre Eltern aufmerksam machen wollen. Eine Geste, die alle Menschen ihr Leben lang benutzen.

Hand von Mutter und Baby

Erster Einsatz der Hände

"Mit Händen und Füßen erzählen"

Ähnlich wie einem Baby geht es uns in einem fremden Land, dessen Sprache wir nicht beherrschen. Wir versuchen uns mit Hilfe von Gesten zu verständigen. Die Hände formen die Gegenstände und Handlungen, die wir meinen.

Wenn wir sagen wollen: "Ich gehe dorthin", zeigen wir auf uns, laufen mit Zeigefinger und Mittelfinger und deuten in eine Richtung. Oder wir essen und trinken pantomimisch, machen eine Wellenbewegung mit der Hand als Zeichen für Fisch, oder Hörner mit den Fingern als Zeichen für Kuh.

Wir legen den Kopf auf die Hände, wenn wir schlafen wollen und drehen an einem fiktiven Steuerrad, wenn wir ein Auto meinen. Für diese schematischen Gesten gibt es keine Regeln, sie entspringen der Phantasie und Kreativität der erzählenden Person. Dennoch werden sie zum Glück von den meisten Menschen verstanden.

Wildes Gestikulieren

Auch wenn wir dieselbe Sprache sprechen, benutzen wir unsere Hände, um unsere Worte zu begleiten. Alle Menschen bewegen ihre Hände beim Sprechen, ob sie wollen oder nicht. Zwar gibt es persönliche Unterschiede, die durch Temperament oder Herkunft bestimmt werden, aber ruhig sind die Finger bei keinem Menschen.

Diese Redegesten sind meist unbewusst und lassen sich auch durch Training nur zum Teil steuern. Zum Beispiel unterstreicht eine Rednerin ihre Redestruktur, indem sie die Punkte einer Aufzählung andeutet, oder sie malt mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft.

Auch die Betonung eines Vortrags kann durch Akzente der Hand sichtbar untermalt werden. Die Hände können das Gesagte veranschaulichen, etwa indem eine Hand mit einer ausladenden Bewegung die Größe verdeutlicht oder Daumen und Zeigefinger zeigen, wie klein etwas ist.

Bei diesen redebegleitenden Gesten kann es zu einem interessanten Phänomen kommen: Die Worte des Mundes und der Ausdruck der Hände können sich widersprechen. Dies geschieht etwa dann, wenn der Redner nicht die Wahrheit sagt oder anderes empfindet als seine Worte vermitteln sollen.

Wenn die Zuhörer mit leidenschaftlichen Worten aufgefordert werden, die Hände des Redners aber teilnahmslos bleiben, wird sein Aufruf kein Gehör finden. Über die Glaubwürdigkeit der Worte entscheidet auch die Sprache der Hände.

Gregor Gysi gestikuliert am Rednerpult des Deutschen Bundestages

Gestenreiches Sprechen

Handzeichen mit langer Tradition

Auf der ganzen Welt gibt es Handzeichen, die eine festgelegte Bedeutung haben. Sie sind kulturell gewachsen und müssen deshalb wie die Lautsprache erlernt werden. Diese Gesten haben sich oft über Generationen weitervererbt, abgeschliffen und verdeutlicht. Ihre ursprüngliche Funktion, die noch aus dem Tierreich stammen kann oder sich auf ein bestimmtes geschichtliches Ereignis zurückführen lässt, ist häufig in Vergessenheit geraten.

In England gibt es eine beleidigende Geste, bei der Zeigefinger und Mittelfinger ausgestreckt und mit dem Handrücken nach vorn dem Gegner präsentiert werden. Sie stammt vermutlich aus dem 15. Jahrhundert: Bei einer Schlacht drohten die Franzosen, den englischen Bogenschützen diese beiden Finger, mit denen die Bogensehne gehalten wurde, abzuschlagen. Die Engländer siegten und beleidigten den Feind durch die Präsentation der erhaltenen Finger.

Kleiner Wink mit großer Wirkung

Manche Berufsgruppen haben ein eigenes Zeichensystem entwickelt. Verkehrspolizisten regeln den Verkehr durch Handzeichen. Volleyballmannschaften planen ihren Spielzug, indem die Spieler sich hinter dem Rücken mit vorher vereinbarten Fingersignalen verständigen.

Der Wink eines Dirigenten ruft beeindruckende Wirkung hervor: Violinen brausen auf, Hörner erschallen oder Pauken dröhnen durch kleinste Handbewegungen des Maestro.

Ein Mann dirigiert mit dem Taktstock in der Hand.

Achtung: Einsatz

Auch bei religiösen Riten gibt es festgelegte Handzeichen. Manche buddhistischen und hinduistischen Kulturen entwickelten magische Hand- und Fingerstellungen, die "mudras". Es gibt Meditationsgesten, eine Geste für Erleuchtung, eine Grußgeste, eine Geste der Furchteinflößung und viele mehr. Die sehr kunstvollen Handzeichen werden auch im indischen Tanz benutzt.

Finger als Buchstaben und gebärdete Sätze

Am geschicktesten mit den Händen sprechen die meisten gehörlosen Menschen. Sie können mit den Fingern nicht nur buchstabieren, sondern Worte und Sätze bilden, wie Hörende mit dem Mund. Die Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache mit einer eigenen Grammatik und einem umfassenden Lexikon. Gehörlose können sich mit ihrer Hilfe ebenso unterhalten wie andere in der Lautsprache.

Die Gebärdensprache verfügt über zahlreiche Gesten, nutzt aber auch die Mimik und den ganzen Körper. Die Tempora (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft) drückt man zum Beispiel aus, indem man den umgebenden Raum mit einbezieht. Ein Blick über die Schulter etwa weist auf Vergangenes hin.

Die Sprache der Gehörlosen unterscheidet sich zwar von Land zu Land – es gibt zum Beispiel eine amerikanische und eine deutsche Gebärdensprache und auch Dialekte, aber alle sind untereinander ähnlicher als die Lautsprachen. In Deutschland wurde die Deutsche Gebärdensprache (DGS) durch das Bundesgleichstellungsgesetz im Jahre 2002 als eigenständige Sprache anerkannt.

Immerhin gibt es inzwischen einige Fernseh-Sendungen, die für Gehörlose übersetzt werden. Gebärden-Dolmetscher ist ein Beruf, der in einer etwa vierjährigen Ausbildung erlernt werden kann. Auch für Hörende ist es möglich, die Gebärdensprache zu erlernen, man kann sie sogar an der Universität studieren.

Gebärdendolmetscherin Bastienne Blatz bei der Übersetzung der Tagesschau-Berichterstattung (Screenshot)

Gebärdendolmetscherin in der Tagesschau

Autorin: Julia Lohrmann

Stand: 25.01.2017, 15:29

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