Wissensfrage

Erfindung der Schrift

Wissensfrage

Kennen Sie diese Schrift? Können Sie das Schriftbild entziffern? Der Name der Schrift ist Sütterlin, und noch die Generation unserer Großeltern hat sie fließend beherrscht. Doch wieso heißt sie "Sütterlin"? Und weshalb wurde sie abgelöst?

"Sütterlin" war von 1924 bis 1941 die deutsche Standardschrift, die die Erstklässler an deutschen Schulen lernten. Entwickelt wurde sie von dem Berliner Schriftkünstler Ludwig Sütterlin als Schreibschrift-Variante zur Druckschrift "Fraktur in den sogenannten Schwabacher Lettern", einer der ältesten deutschen Druckschriften.

Die Sütterlinschrift war im Deutschen Reich bald so verbreitet, dass sie mit der deutschen Kurrentschrift gleichgesetzt wurde. Das ist jedoch nicht ganz richtig. Denn die deutsche Kurrentschrift ist eine Schreibschriftform, die sich im Laufe der Jahrhunderte aus dem gebrochenen Schriftbild der Schriften Textur, Fraktur oder Schwabacher Lettern entwickelte. Die Sütterlinschrift ist also eine Variante der deutschen Kurrentschrift. Doch 1941 wurden beide so urdeutschen Schriften plötzlich abgeschafft. Und das kam so:

Im Dritten Reich waren Fraktur und Kurrentschrift sowie ihre Wandlungen zunächst als ursprünglich deutschstämmige Schriftform gefeiert worden. Doch dann wurde die Fraktur im Jahr 1941 in einem von Hitlers Stellvertreter Martin Bormann herausgegebenen Runderlass als sogenannte "Schwabacher Judenlettern" verboten. Lesen Sie hier Bormanns Rundschreiben vom 3. Januar 1941 im Wortlaut:

"Zu allgemeiner Beachtung teile ich im Auftrage des Führers mit: Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen oder zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher Judenlettern. Genau wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher Judenlettern.

Martin Bormann.

Martin Bormann verfügte das Verbot

Am heutigen Tage hat der Führer in einer Besprechung mit Herrn Reichsleiter Amann und Herrn Buchdruckereibesitzer Adolf Müller entschieden, dass die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmässig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden. Die Verwendung der Schwabacher Judenlettern durch Behörden wird künftig unterbleiben; Ernennungsurkunden für Beamte, Strassenschilder u.dergl. werden künftig nur mehr in Normal-Schrift gefertigt werden. Im Auftrage des Führers wird Herr Reichsleiter Amann zunächst jene Zeitungen und Zeitschriften, die bereits eine Auslandsverbreitung haben, oder deren Auslandsverbreitung erwünscht ist, auf Normal-Schrift umstellen. gez. M. Bormann" (Bundesarchiv Koblenz "NS 6/334")

Warum die Nationalsozialisten diesen rassistisch motivierten und in der Herleitung falschen Erlass herausgegeben haben, ist umstritten. Es wird gemutmaßt, dass die lateinischen, von der Schriftart Antiqua abgeleiteten Varianten in den besetzten Gebieten besser lesbar waren, da die Frakturschriften außerhalb der deutschen Grenzen weitgehend unbekannt waren. Allerdings hatte Hitler sich bereits auf dem Reichsparteitag von 1934 gegen die deutsche Kurrentschrift ausgesprochen. Auch nach dem Krieg wurde in Deutschland die deutsche Kurrentschrift nicht wieder eingeführt.

Autor/in: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 22.01.2015, 12:00

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