Skaten

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Skaten

Wer cool ist, geht skaten. Wer skaten geht, ist cool. Diese einfache Formel gilt für Jugendliche seit Jahrzehnten. Doch das war nicht immer so. In seinen Anfangstagen nach dem Zweiten Weltkrieg galt das Skateboarden als Hobby für Schnösel und Weicheier, dann verschwand der Sport in der Versenkung. Bis er Mitte der 1970er Jahre einen weltweiten Siegeszug antrat, der bis heute anhält.

Die Jugendkultur erobert den Globus

Ein Skater trickst im Skatepark.

Ein Skater trickst im Skatepark

Lehrer, die in Schuhen von Vans oder DC zum Unterricht kommen. Banker, die auf ihren Brettern durch die Fußgängerzonen zum Büro rollen. Ein Skateboard-Profi, der vom US-Präsidenten ins Weiße Haus eingeladen wird und dort auf den Fluren seine Tricks zeigen darf: Keine Frage, das Skaten ist im 21. Jahrhundert in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Selbst in vielen Dörfern und Kleinstädten gibt es inzwischen Skateparks, die oft sogar durch die Gemeinde finanziert wurden. Von den riesigen Skateanlagen in den Großstädten ganz zu schweigen. Skaten ist Sport, Skaten ist Mode, Skaten ist Kult - und inzwischen ist es ein riesiges Geschäft.

Und das nicht nur im Westen: Die Absatzzahlen wachsen nahezu überall, Schätzungen der Financial Times zufolge lag der weltweite Umsatz bei Skateboards, Zubehör und Kleidung 2010 bei etwa sieben Milliarden Euro. Auch in Asien und Afrika steigen immer mehr (meist junge) Menschen auf die Bretter. In den vergangenen 25 Jahren ist das Skaten eine der stabilsten und wichtigsten globalen Jugendkulturen geworden. Dabei war das Skaten zunächst ein Zeitvertreib für kalifornische Außenseiter und Rumlungerer.

Surfen ohne Wasser und Wellen

Wann und wo genau das erste Skateboard gebaut und bestiegen wurde, ist unklar. Wahrscheinlich ist, dass mehrere Tüftler gleichzeitig die Idee hatten. Schon 1944 sollen in Paris Kinder die Rollen ihrer Rollschuhe abmontiert und an Brettern befestigt haben. In Kalifornien verlegten Ende der 1940er Jahre mehrere Surfer ihren Sport vom Wasser ans Land. Diese Sidewalk Surfer (auf Deutsch: Gehwegsurfer) bauten Roller um, benutzten Kisten oder rechteckige Planken, an deren Unterseite sie Rollen schraubten. Die ersten Skater fuhren barfuß, Stil und Bewegungen glichen jenen der Surfer auf dem Wasser, viele legten sich bäuchlings auf ihre Bretter. Am Anfang war das Skaten noch kein eigenständiger Sport, sondern lediglich eine Ergänzung beziehungsweise notgedrungene Alternative zum Surfen. Wenn der Wind schwach und die Wellen niedrig waren, stiegen die Jungs eben auf das Brett mit den Rollen. Da die Ausrüstung relativ teuer war, waren es vorwiegend wohlhabende Jugendliche, die in ihrer Freizeit surfen und skaten gingen.

Eine Skaterin in den 1960er Jahren in Rom.

In den 1960er Jahren skateten viele noch barfuß

Das Skaten führte über Jahre ein Schattendasein in Kalifornien: Ein paar Surfläden und Spielzeughersteller produzierten kleine Mengen an Skateboards, aber das Interesse der breiten Masse war nicht vorhanden. Das änderte sich Mitte der 1960er Jahre: Immer mehr Menschen erklärten Kalifornien - und damit auch den Lebensstil der Menschen dort - zum Maß aller Dinge. Das Surfen war auf einmal angesagt, genauso wie die "kleine Schwester", das Skaten. Die Medien schrieben über den neuen Jugendtrend, Surfunternehmer witterten das große Geschäft. 1965 zeigte das Cover des Magazins Time die erste Profi-Skateboarderin Patti McGee - immer mehr Jugendliche wollten skaten. Doch der Erfolg hielt nicht an: Eltern und Lehrer beklagten das Risiko, sich bei einem Sturz vom Skateboard schwer zu verletzen. Binnen kurzer Zeit galt das Skaten als zu gefährlich.

Die Revolution der Z-Boys

1972 verbesserte sich die Technik der Bretter: Mit Rollen aus dem Kunststoff Polyurethan und der bis heute gebräuchlichen Achsenbefestigung, die Lenkbewegungen durch Gewichtsverlagerung ermöglichte, wurde es viel einfacher, sich auf dem Brett zu halten und Tricks und Stunts zu zeigen. Die Mehrheit der Skater hielt sich Mitte der Siebziger betont aufrecht auf dem Brett, versuchte sich an Handständen und akrobatischen Figuren, die dem Eiskunstlauf ähnelten. Dazu kamen saubere Klamotten, geschniegelte Frisuren und ein gepflegter Umgangston. Doch damit war Schluss, als 1975 die Z-Boys auf den Del Mar Nationals auftauchten, einer Skateboard-Meisterschaft nahe San Diego.

Die Z-Boys waren ursprünglich Surfer, die im Umfeld des Zephyr-Surfshops in Santa Monica herumhingen. Statt zur Schule gingen sie morgens surfen, nachmittags fuhren sie mit ihren Skateboards steile Hügel und Auffahrten hinunter. Und zwar nicht aufrecht wie bei einer Eiskunstkür. Die Z-Boys bückten sich und kauerten auf den Boards, legten sich und ihr ganzes Gewicht in die Kurven und versuchten, den Asphalt mit den Händen zu berühren wie ihr Surfidol Larry Bertlemann das Wasser. Da zu der Zeit in Kalifornien wegen einer extremen Dürre Wassermangel herrschte, waren viele Swimming Pools leer. Die Z-Boys nutzten diese Pools als Vorläufer der Halfpipes und verlagerten das Skaten so von der Horizontalen in die Vertikale.

1978: Stacy Peralta skatet in der Skate City London.

1978: Stacy Peralta und die Z-Boys revolutionierten das Skaten

Zu ihrem aggressiven und innovativen Skatestil kamen lange Haare, zerschlissene Jeans und auffällige T-Shirts - ein Affront für die Jungs und Mädels aus gutem Haus, die bis dahin das Skaten dominierten. Doch der Auftritt der Z-Boys bei den Del Mar Nationals revolutionierte den Sport auf einen Schlag. Danach wollten alle wie Tony Alva, Stacy Peralta, Jay Adams oder Peggy Oki (das einzige Mädchen der Z-Boys) sein.

Titus Dittmann und die Szene in Deutschland

Skateboard-Unternehmer Titus Dittmann.

Titus Dittmann, ein Skateboard-Pionier in Deutschland

Ab Mitte der Achtziger wurde das Skaten immer populärer, und zwar weltweit. Nicht zuletzt dank des neuen Fernsehsenders MTV, der Videos von Bands zeigte, die mit Bildern von Skatern unterlegt waren. Dazu kamen populäre Skateboard-Magazine wie Thrasher, die das Rebellendasein und die Andersartigkeit dieser Jugendkultur betonten.

In Deutschland war es vor allem Titus Dittmann, der das Skaten populär gemacht hat. Der Münsteraner Gymnasiallehrer skatet seit Ende der 1970er Jahre. Er flog regelmäßig nach Kalifornien, wo er Boards und Zubehör erwarb, die er in Münster in einem Kellerlokal verkaufte. Dittmann gab ein Magazin heraus und veranstaltete 1982 zum ersten Mal den Skatewettbewerb Münster Monster Mastership, der im Laufe der Jahre immer größer wurde und sich schließlich zur offiziellen Skateboard-Weltmeisterschaft mauserte. Der größte Star der damaligen Szene in Deutschland war der Gütersloher Claus Grabke. Er gehörte zu Dittmanns erstem Skate-Team, gewann diverse Meisterschaften und erlangte auch in den USA Ruhm und Anerkennung.

Skate-Disziplinen und -Modelle

Im Laufe der Jahre haben sich verschiedene Disziplinen des Skatens herauskristallisiert. Im Halfpipe Skaten (auch Vert genannt) geht es um möglichst gewagte Sprünge in der Vertikalen. Für Street Skater ist das Brett ein Fortbewegungsmittel, sie nutzen die Umgebung für ihre Tricks, darunter Treppen, Geländer, Rampen, Tische und Mülleimer. Da sich immer wieder Menschen über Skater beschweren, die auf Parkplätzen oder an öffentlichen Gebäuden fahren, haben neben Privatanbietern auch viele Städte Skateparks angelegt, in denen Street und Vert Skater sich austoben können. Genauso wie Slalom wird auch Freestyle Skaten heute kaum mehr praktiziert. Freestyle basiert auf dem ursprünglichen Skaten, bevor die Z-Boys kamen: Man zeigt auf einer glatten Fläche eine meist zweiminütige Kür zur Musik. Die Grenzen zwischen Freestyle und Street sind teilweise fließend. So wurde der Ollie, einer der essenziellen Tricks im Street Skaten, von Rodney Mullen erfunden, einem Freestyle Skater.

Longboard am Wegesrand.

Auf einem Longboard rollt es sich gemütlicher

Im neuen Jahrtausend feierte das Longboard, das den frühen Skateboards ähnelt, eine Renaissance als gemütliches und sichereres Fortbewegungsmittel. Jugendliche und Kinder finden oft über Snakeboards (auch Streetboards) den Einstieg ins Skaten. Ein Snakeboard hat mehrere flexible Gelenke und lässt sich durch gleichmäßige Bewegungen auf dem Brett antreiben.

Autor/in: Ingo Neumayer

Stand: 24.06.2014, 13:00

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