Wirtschaft

Fairer Handel

Mit Kaffee, Tee, Schokolade und Jutetaschen in Weltläden und auf Kirchenbasaren fing es an. Dass man heute fair gehandelte Produkte auch im Supermarkt und Discounter kaufen kann, ist hauptsächlich der Verdienst von "Fairtrade".

Von Carsten Günther, Christoph Teves, Birgit Amrehn

Mehr als 7000 verschiedene Produkte tragen in Deutschland das auffallende grün-blaue "Fairtrade"-Siegel. Produkte, die ohne Zwangs- und Kinderarbeit entstanden sind und für die die Hersteller fair entlohnt werden.

Kofferraum und Hungermarsch – die Anfänge

Die Geschichte des Fairen Handels begann mit einer Reise: Gemeinsam mit ihrem Mann besuchte die amerikanische Geschäftsfrau und Entwicklungshelferin Edna Ruth Byler 1946 Puerto Rico. Sie lernte dort Handarbeiterinnen kennen, die in sehr armen Verhältnissen ihre Waren produzierten. Byler beschloss, einen Markt für diese Handarbeiten zu schaffen, der für eine faire Bezahlung der Arbeiterinnen sorgen sollte.

Aus dem Kofferraum ihres Autos heraus verkaufte sie Waren aus Südamerika, zunächst an ihre Familie und Freundinnen. Die Idee kam an, und aus Bylers Aktion entstand "Selfhelp Crafts", eine Organisation des Fairen Handels. Sie existiert unter dem Namen "Ten Thousand Villages" bis heute.

"Selfhelp Crafts" war eine Organisation des "Mennonite Central Committee", und auch Edna Ruth Byler gehörte zu den Mennoniten, einer evangelischen Freikirche.

So wie in den USA hat die Idee des Fairen Handels auch in Deutschland einen kirchlichen Ursprung: 1970 demonstrierten kirchliche Jugendverbände mit Hungermärschen gegen die damalige deutsche Entwicklungspolitik.

Aus diesem Protest entwickelte sich 1971 die "Aktion Dritte Welt Handel" und 1975 die "Gesellschaft zur Förderung der Partnerschaft mit der Dritten Welt" (Gepa). Gesellschafter der "Gepa" sind bis heute verschiedene, meist kirchliche Gruppen wie "Misereor" oder "Brot für die Welt".

Europäische Vorbilder für diese Fairhandels-Organisation hatten sich zuvor bereits in England (Oxfam) und in den Niederlanden (S.O.S. Wereldhandel) gegründet. Zu dieser Zeit entstanden auch die ersten Weltläden – Geschäfte, die fair gehandelte Produkte anboten. Heute gibt es in Deutschland etwa 900 Weltläden, rund 2500 in ganz Europa.

In Weltläden gibt es schon lange fair gehandelte Produkte | Bildquelle: WDR/Paul Eckenroth

Ein Siegel für Fairness

1992 wurde "TransFair" gegründet. Der gemeinnützige Verein, der sich zu Beginn "AG Kleinbauernkaffee" nannte, will durch Fairen Handel die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Produzenten in Afrika, Asien und Lateinamerika verbessern. TransFair handelt nicht selbst, sondern vergibt das Fairtrade-Siegel für Waren, die bestimmten Standards des Fairen Handels entsprechen. Als erster Händler führte die Gepa Produkte mit dem Fairtrade-Siegel ein.

Mit TransFair haben sich weitere Siegel-Initiativen aus 24 Ländern in "Fairtrade International" zusammengeschlossen. 2003 wurde das heute weit verbreitete grün-blaue Fairtrade-Siegel international eingeführt. Weltweit ist es auf mehr als 35.000 Produkten zu finden.

Im gleichen Jahr wurde als unabhängige Kontrollinstanz die "Flocert GmbH" gegründet. Sie überprüft vor Ort, ob die festgelegten Fairtrade-Standards eingehalten werden.

Das Fairtrade-System | Bildquelle: TransFair e.V.

Wann ist der Handel "fair"?

Produzenten und Händler dürfen ihre Ware mit dem Fairtrade-Siegel kennzeichnen, wenn sie die Standards des Fairen Handels einhalten. Ziel dieser Standards ist es, die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kleinbauern und der Plantagenarbeiter zu verbessern.

Den Produzenten wird in der Regel ein Fairtrade-Mindestpreis garantiert. Liegt der Weltmarktpreis über dem ausgehandelten Fairtrade-Preis, bekommen die Produzenten den höheren Weltmarktpreis. Außerdem erhalten sie eine Fairtrade-Prämie. Diese können sie in Projekte für die Gemeinschaft investieren. Biologischer Anbau ist keine Pflicht, wird aber über höhere Preise und Prämien gefördert.

Doch im Gegensatz zu "bio" ist der Begriff "fair" nicht gesetzlich geschützt. Die Spielregeln legt Fairtrade International fest. So müssen sich Kleinbauern zum Beispiel zu Kooperativen zusammenschließen, in denen Entscheidungen demokratisch getroffen werden.

Plantagenbesitzer verpflichten sich, für ihre Arbeiter Tarifverhandlungen, Versammlungsfreiheit, Sicherheit am Arbeitsplatz und Gesundheitsvorsorge sicherzustellen. Kinder- und Zwangsarbeit sind verboten.

Über langfristige Handelsbeziehungen sollen sie die Möglichkeit bekommen, ihre Organisationsstrukturen und damit auch die Qualität ihrer Produkte zu verbessern. Weltweit arbeiten etwa 1,7 Millionen Produzenten in mehr als 1700 Kleinbauernorganisationen und Plantagen nach den Standards des Fairen Handels.

(Erstveröffentlichung 2010. Letzte Aktualisierung 09.12.2020)