Die kleine Meerjungfrau – Kopenhagens Wahrzeichen

Eine bräunlich glänzende Nixe mit langem Haar sitzt auf einem rötlichen, großen Naturstein.

Kopenhagen

Die kleine Meerjungfrau – Kopenhagens Wahrzeichen

Die kleine Bronzefigur an Kopenhagens Uferpromenade "Langelinie" ist nicht nur das Wahrzeichen von Kopenhagen. Sie ist mittlerweile zum dänischen Nationalsymbol geworden. Tagtäglich klettern auf wackeligen Steinen Touristenschwärme um das begehrte "Fotomodell" herum. Um den Besuchern das Wackelmanöver zu ersparen, möchte die Tourismusbranche der Nixe am liebsten einen anderen Standort geben. Doch damit stößt sie auf Widerstand – kein Wunder, wenn man die aufregende und manchmal traurige Geschichte der kleinen Meerjungfrau kennt.

Das Märchen: die kleine Meerjungfrau

Tief unten im Meer wohnt das Meervolk, schreibt der dänische Dichter und Märchenerzähler Hans Christian Andersen. In der 1837 veröffentlichten Sammlung "Märchen für Kinder" erzählt er die Geschichte der jüngsten von sechs Töchtern des Meereskönigs unter dem Titel "Lille Havfrue", zu Deutsch "Die kleine Meerjungfrau" (auch: "Die kleine Seejungfrau").

Sie ist anders als ihre Schwestern. Sie ist nicht nur schöner, sondern sie hat auch die schönste Stimme. Sie liebt es, wenn die Großmutter von der Welt der Menschen erzählt, von duftenden Blumen und zwitschernden Vögeln. Zu gerne würde sie einmal aus dem Meer emporsteigen.

An ihrem 15. Geburtstag geht der Wunsch in Erfüllung. Da spült ihr die stürmische See einen jungen Prinzen in die Arme. Sie rettet ihn, verliebt sich und wünscht sich, ihn zu heiraten. Da verspricht ihr die Meereshexe, den Fischschwanz gegen zwei Beine einzutauschen, damit sie an Land gehen könne. Im Gegenzug müsse sie ihr ihre schöne Stimme abgeben. Auch könne sie niemals mehr zurück ins Meer. Wenn der Prinz aber eine andere heirate, verwandle sie sich in Meeresschaum.

Die kleine Meerjungfrau willigt ein. Da sie aber keine Stimme mehr hat, um den Prinzen mit ihrem Gesang zu betören, tanzt sie unermüdlich um ihn herum. Der Prinz aber nimmt eine andere zur Frau, und sie wird zu Meeresschaum. Sie erhebt sich aus dem Meer in die Lüfte, kommt aber immer wieder herab, um auf der Erde Spuren zu hinterlassen.

Ein Bierbrauer lässt sich inspirieren

Auf den Natursteinen, die die Uferpromenade zum Meer hin schützen, steigen Touristen herum, um die Skulptur der Meerjungfrau auf dem Steinsockel im Wasser zu fotografieren.

Touristen besuchen die kleine Meerjungfrau

Die bekannteste Spur, die die kleine Meerjungfrau auf der Erde hinterlassen hat, ist ihr Ebenbild in Bronze an der Kopenhagener Hafeneinfahrt. Im Jahr 1909 hat der dänische Komponist Fini Henriques die Idee, eine Musik zu Andersens Märchen zu schreiben und die Balletteuse Ellen Prince de Plane soll dazu tanzen. Schon im Dezember wird die "Kleine Meerjungfrau" als Märchenballett im Königlichen Theater von Kopenhagen aufgeführt.

Unter den Besuchern ist auch der Bierbrauer Carl Jacobsen, Besitzer der Carlsberg Brauerei und Dänemarks größter Kunstmäzen. Das Ballett fasziniert ihn so, dass er schon im Januar 1910 den Bildhauer Edvard Eriksen beauftragt, eine kleine Meerjungfrau zu modellieren. Der Künstler solle sich aber zuerst einmal das Ballett anschauen.

Mäzen und Künstler im Streit

Die Meerjungfrauen-Statue in Kopenhagen ist von der Seite zu sehen. An ihren Beinen hat sie Flossen statt Füße.

Bronzefigur der kleinen Meerjungfrau an der Hafeneinfahrt

Der erste Entwurf zeigt die kleine Meerjungfrau ohne Fischschwanz, stattdessen mit Beinen und Füßen auf einem Stein sitzend. So hatte Jacobsen sie sich aber nicht vorgestellt: Eine Meerjungfrau müsse schließlich einen Fischschwanz haben. Bildhauer Eriksen hält dagegen, dass die kleine Meerjungfrau nach ihrer Verwandlung zum Menschen gezeigt werden solle.

Mäzen und Künstler trennen sich uneinig. Doch schon bald gibt der Bierbrauer nach. Es sei wohl besser, wenn der Künstler entscheide. Eriksen ist kompromissbereit: Die kleine Meerjungfrau erhält zwar Beine, aber statt der Füße kleine Flossen. Bald schon ist in der Kopenhagener Presse zu lesen, die Tänzerin Ellen Prince de Plane habe Modell gesessen. Empört dementiert Eriksen diese Meldung. Schließlich würde eine königliche Solotänzerin nicht nackt vor einem Künstler sitzen. Seine Frau Eline sei das Modell gewesen.

1911 kann die fertige Tonfigur in Bronze gegossen werden. Doch als es darum geht, wo sie aufgestellt werden soll, gibt es wieder Streit zwischen Mäzen und Künstler. Bierbrauer Jacobsen möchte sie idyllisch von Blumen umgeben an einem kleinen künstlichen Teich sehen, Bildhauer Eriksen dagegen am stürmischen Meer. Der Streit zieht sich über zwei Jahre hin. Auch dieses Mal setzt sich der Künstler durch. 1913 findet die kleine Meerjungfrau ihren Platz an der "Langelinie", am Eingang zur Hafeneinfahrt.

Von Attentaten heimgesucht

Die Bronzefigur sitzt mit abgeschlagenem Kopf auf ihrem Stein im Wasser.

Die kleine Meerjungfrau 1998 zum zweiten Mal kopflos

Zur Ruhe kommt die kleine Meerjungfrau an Land aber nicht. Tausende Besucher bewundern sie seitdem, manche allerdings mit bösen Absichten. 1961 wird ihr ein Bikini aufgemalt, zwei Jahre später wird sie mit Farbe übergossen. 1964 sägt man ihr den Kopf ab, was sie auf die Titelseite der New York Times bringt.

1984 fehlt ihr der rechte Arm, 1998 wird sie wieder enthauptet, am 11. September 2003 vom Sockel gesprengt und ins Wasser gestoßen. Sie "überlebt" auch das und nimmt ihren angestammten Platz wieder ein.

Autorin: Bärbel Heidenreich

Weiterführende Infos

Stand: 28.04.2016, 12:00

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