Deichbau

Deich auf Pellworm

Wattenmeer

Deichbau

Das Prinzip Watt, der von den Gezeiten bestimmte Übergang vom Meer zum Land, ist zwar uralt, aber da wo sich das Wattenmeer heute befindet, existiert es gerade mal seit 6000 Jahren. Und auch heute unterliegt der Küstenverlauf immer noch einem steten Wandel.

Darum geht's:

  • Die deutsche Wattenmeer ist erdgeschichtlich ziemlich jung.
  • Sturmfluten sind eine Gefahr für Mensch und Küstenregionen.
  • Mit der Flut kommen Sand und Schlick – das Land gewinnt an Boden.
  • Auf Lahnfeldern grasen häufig Schafe.
  • Deiche sind ausgeklügelte Bauwerke von beachtlicher Höhe.

Ein junger Hüpfer der Erdgeschichte

Als vor etwa 11.000 Jahren die letzte Eiszeit endete, befand sich der deutsche Küstenstreifen der Nordsee etwa 400 Kilometer weiter nördlich. Das sich global erwärmende Klima bewirkte ein großflächiges Abschmelzen der skandinavischen Eisdecke.

Die auf diese Weise freigesetzten Wassermassen begannen das Festland langsam zu überfluten und landeten vor 6000 Jahren, als der Meeresspiegelanstieg allmählich nachließ, gigantische Mengen Sand und Sedimente an.

Das nach erdgeschichtlichen Maßstäben bemessene junge Wattenmeer hat im Laufe der Jahrtausende mehrfach sein Antlitz verändert. Die Kraft der Nordsee hat besonders in Zeiten vor dem Küstenschutz und der Eindeichung zu gravierenden Küstenveränderungen geführt.

Vor 3000 Jahren existierte die zerrissene Landschaft der nordfriesischen Inseln nicht. Von Sylt über Föhr bis Pellworm und St. Peter Ording war die heute zerklüftete Insellandschaft ein zusammenhängender Sanddünenwall, der bis zur Höhe der Eidermündung reichte und das Festland von der offenen Nordsee abgrenzte.

Todbringende Sturmfluten

1962 durch die Sturmflut zerstörtes Haus auf der Neupeterswarf, Hallig Langeneß

1962 zerstörte die Sturmflut viele Häuser

Erst um etwa 1000 nach Christus kam es erneut zum Anstieg des Meeresspiegels. Die nagende Brandung der Gezeiten führte nach und nach wieder zur Abtragung der vormals angeschwemmten Uferlandschaft. Mit dramatischer Geschwindigkeit, innerhalb nur weniger Jahrhunderte, verlagerten Wind und Wellen die Wattküste wieder weit ins Landesinnere.

Mit aller Gewalt trafen die großen Sturmfluten von 1362 und 1634, die sogenannten "Manndränken" die an der Nordseeküste siedelnden Menschen. Weit über 10.000 Menschen ließen in den Fluten ihr Leben. Über Nacht vollzog das Meer die bis heute noch bestehenden Uferveränderungen, zerschlug unwiederbringlich die ehemalige Küstenlinie und holte sich große Teile des Festlandes zurück.

Die letzte schwere Sturmflut kam 1962. Damals traf es das Hamburger Land, als im Überschwemmungsgebiet mehr als 300 Menschen ertranken.

Küste in Bewegung

Pfosten im Meer, an dem sich eine Welle schäumend bricht.

Sturmfluten verändern die Küstenlinie

Und das Wattenmeer bleibt in Bewegung. Ganze Inseln gehen unter und neue Sandbänke und Eilande tauchen auf. Manche Inseln wandern geradezu mit der Strömung von West nach Ost. So liegt etwa die Fläche der ersten auf Wangerooge gebauten Kirche mittlerweile metertief im Wasser.

Spiekeroog hat dagegen in den vergangenen 100 Jahren vier Kilometer hinzugewonnen. Und auf Sylt trotzen die Menschen mit aller Kraft und hohem finanziellen Einsatz dem Meer jede Handbreit der Insel ab.

"Sylt liegt sieben Kilometer zu weit westlich, aber die Nordsee arbeitet dran" – lautet ein geflügeltes Wort bei den Einheimischen. Tatsächlich wird hier aktiv Küstenschutz betrieben, indem seit den 1980er Jahren Tonnen von Sand vor die Inselküsten gepumpt werden.

Dieser Sand wird dann an den Stränden verteilt und bei Sturmfluten wird nur dieser künstlich aufgeschüttete Sand abgetragen, die eigentliche, natürliche Erosion der Inselsubstanz soll auf diese Weise verlangsamt werden.

"Wer nicht deichen will, muss weichen" – seit Jahrhunderten besitzt diese alte Erkenntnis an der Nordsee ihre Gültigkeit. Und seit Jahrhunderten pflegen die Bewohner der Wattküsten uralte Techniken, um der Nordsee Land abzutrotzen.

Marschlandgewinnung

Ein Schaf steht auf einer flachen teilweise mit Gras bewachsenen Fläche, die von geraden Kanälen durchzogen wird.

Ein Schaf weidet auf Grüppen

Die zweimal täglich auflaufende Flut an den Ufern der Wattküste führt immer auch tonnenweise Sand und Schlick mit sich. Die See ist voll von feinen organischen Überresten und gemahlenem Sedimenten, die in dunklen Zusammenballungen im Wasser schweben und dem Wattwasser seine typische schlammige Farbe verleihen.

Das ankommende Wasser wird an den strömungsarmen Stellen zwischen den vorgelagerten Inseln und dem Festland ausgebremst, sodass die im Wasser schwebenden Teilchen sedimentieren und sich am Boden ablagern. Durch diesen, sich ewig wiederholenden Vorgang der Anlandung durch die Flut, gewinnt die Uferlandschaft an Boden, an manchen Stellen sogar einige Zentimeter jährlich.

Im Laufe der Jahrhunderte schafft das Meer auf diese Weise neues Land, einen kilometerbreiten Küstenstreifen: die Marschen. Hier setzt der Mensch an, um den natürlichen Vorgang der Landgewinnung zu beschleunigen.

Um die Bodenbildung durch natürliche Sedimentablagerung, die sogenannte Aufschlickung, zu intensivieren, legen die Deich- und Küstenbewohner Lahnungsfelder an. Lahnungsfelder werden gewonnen, indem parallele Holzpfahlreihen in den Sedimentboden getrieben werden. Zwischen die Pflöcke werden Äste und Zweige geflochten.

Das Wattgelände wird auf diese Weise in Lahnungskarrees unterteilt, in denen das anschwemmende Wasser an Fahrt verliert und seine Schwebeteilchen sedimentieren. Das Wasser läuft aus, doch die Lahnungen behalten die Sedimenteilchen ein. So nimmt der gewonnene Boden allmählich an Höhe zu.

Ist das Niveau des angelandeten Wattbodens so weit gestiegen, dass die Flut die Lahnungsfelder nicht mehr erreicht, werden sogenannte Grüppen, Entwässerungsgräben ausgehoben. Der auf diese Weise gewonnene Schlamm trägt weiter zur Landerhöhung bei.

Kampf gegen die Kräfte der Erosion

Blick von einem Deich auf eine von Pfosten umgebenen Fläche, die nur teilweise von Wasser bedeckt wird

Eine erste Vegetationsdecke entsteht auf dem neu gewonnenen Land

Auf dem neu gewonnenen Land entsteht eine erste Vegetationsdecke, die besonders vom Queller, dem prominentesten Bewohner der Salzwiesen, bevölkert wird. Die Wurzeln der salzverträglichen Pflanzen verhindern eine neuerliche Erosion des gewonnenen Bodens, der auf diese Weise an Festigkeit gewinnt.

Durch die zunehmende Grasnarbe, bestehend aus harten, kurzen Gräsern, lässt sich das neue Vorland bald als Schafsweide nutzen. Der Prozess der künstlichen Landgewinnung durch Lahnfelder dauert Jahrzehnte.

Hat der Mensch der Natur neuen Boden erfolgreich abgetrotzt, fängt der Kampf gegen die Erosion durch Gezeiten, Wind und Sturmfluten erst an. Es gilt, das kostbare Festland durch den Deichbau zu schützen, um dauerhaft den Angriff durch das Meer abzuwehren. Das hinzugewonnene Land, auch Marsch genannt, ist ausgesprochen fruchtbar und lässt sich landwirtschaftlich gut nutzen.

Eindeichung des Marschlandes

Föhr: Blick über den Deich

Deiche sind ausgeklügelte Bauwerke von beachtlicher Höhe

Der Kern des Deiches besteht aus Sand, über den eine Schicht Marschboden aufgetragen wird, der von einem dichten Grasrücken zusammengehalten wird. Deiche sind längst ausgeklügelte Bauwerke von beachtlicher Höhe. Entscheidend für die Wirksamkeit des Uferschutzes ist das Profil der Deiche. Ziel ist es, die Deiche zur Seeseite hin lang und flach auslaufen zu lassen.

So wird herannahenden Wellen kein Widerstand entgegengesetzt, den die Kraft des Meeres über einen kürzeren oder längeren Zeitraum brechen würde. Auf diese Weise rollen sich selbst mächtige Wogen auf den Deichausläufern tot. Moderne Deichbauten lassen das wütende Meer also buchstäblich auflaufen.

Seit Jahrhunderten haben die Menschen so die Form der Wattküsten mitgestaltet. Und nach wie vor ist der Küstenschutz aktuell. Auch wenn die Menschen am Wattenmeer dank technischer Errungenschaften und neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse die Gefahren der Nordsee so gut wie nie zuvor einschätzen können: Der Meeresspiegel steigt weiterhin und der Kampf mit dem Meer wird wohl nie ausgefochten sein.

Autor: Gregor Delvaux de Fenffe

Weiterführende Infos

Stand: 29.06.2017, 12:00

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