Interview mit Klaus Voormann, dem "fünften Beatle"
Planet Wissen (PW): Wie war es, als Sie die Beatles zum ersten Mal spielen hörten?
Klaus Voormann (K.V.): Dass ich damals 1960 in Hamburg überhaupt auf sie aufmerksam geworden bin, war ein großer Zufall. Ich hatte mich gerade mit meiner damaligen Freundin gestritten und wanderte ziemlich ziellos durch die Straßen. Aus einem Kellerclub auf der Großen Freiheit hörte ich plötzlich Musik aufsteigen, wie ich sie noch nie zuvor gehört hatte – in meiner Künstlerclique standen wir ja alle mehr auf Jazz. Das aber, was da aus diesem Kellerloch drang, ging mir durch Mark und Bein. Es war etwas ganz Besonderes.
PW: Was genau hat Sie an den Beatles so fasziniert?
K.V.: Außer diesem unwahrscheinlich guten Sound auch einfach ihr ganzes Auftreten. Das hatte alles etwas sehr Raues und Ungekünsteltes – noch nicht so glattgebügelt Richtung Muttersöhnchen, wie das später ihr Manager Brian Epstein mit ihnen versucht hat. Und sie hatten diesen wunderbaren Humor, der, glaube ich, für Menschen aus Liverpool ganz typisch ist – frisch, schlagfertig, dabei aber immer sehr, sehr liebenswürdig. Es hat einfach Spaß gemacht, ihnen zuzusehen, und mehr noch, mit ihnen Zeit zu verbringen.
PW: Ihre Künstlerfreunde und speziell Ihre damalige Freundin Astrid Kirchherr sollen den Beatles ja den legendären Pilzkopfhaarschnitt verpasst haben. Was ist dran an der Geschichte?
K.V.: Dass Astrid, wie oft behauptet wird, ihnen tatsächlich allen die Haare geschnitten hat, stimmt so nicht. Nur ihren Freund Stu Sutcliffe, der bei den Beatles den Bass spielte, hat sie öfter frisiert. Aber dass wir die Beatles beeinflusst haben, das war durchaus so. Jürgen Vollmer, Astrid Kirchherr und ich waren in Hamburg ja als "Exis" bekannt, als Möchtegern-Existentialisten, weil wir immer ganz in Schwarz gingen und wie Intellektuelle auftraten. Und das war für die Beatles eine völlig fremde Welt – eine Welt allerdings, die sie irgendwie fasziniert hat, zu der sie aufgeblickt haben. Und daraus haben sie sich das herausgegriffen, womit sie etwas anfangen konnten: zunächst einmal die Frisuren, und später, als ihre Songs nicht mehr ganz so nett und tralala waren, eben auch andere Sachen.
PW: 1963 haben Sie dann in London mit den Beatles zeitweise unter einem Dach gewohnt – just in den Monaten, als die Beatlemania ihren Anfang nahm. Wie sind die vier mit dem Ruhm umgegangen?
K.V.: Das Gute war ja, dass sie sich als Gruppe immer gegenseitig stützen konnten. Sie kannten sich lange, sie waren richtig gute Freunde – und sie hatten diesen Liverpooler Humor, der vieles leichter machte. Das hat man ja auch gemerkt, wenn sie gemeinsam auf der Bühne standen: Sie blödelten herum und hatten immer eine gute Zeit – es stimmte einfach alles zwischen ihnen, sie waren ein eingespieltes Team. Und das war meiner Meinung nach auch ihr musikalisches Erfolgsgeheimnis: diese lange, lange Bühnenerfahrung. Es gibt ja keine wirklich gute Band, die nicht durch die harte Schule des Tourneebetriebs gegangen ist.
PW: Wie kam es dazu, dass Sie 1966 die Arbeit am "Revolver"-Cover übernahmen?
K.V.: Ach, die vier haben einfach gesagt: 'Du bist doch Grafiker, also mach mal.' Ich hatte im Prinzip völlig freie Hand. Mir war schnell klar, dass ich es ganz in Schwarz-weiß haben wollte – farbig war damals ja sowieso alles, und ich wollte es eben anders machen. Dann wollte ich, dass das Cover etwas mit ihren Haaren zu tun hat. Die Leute hatten ja immer schon unheimlich auf ihre Pilzköpfe geschimpft, und jetzt ließen sich die vier die Haare auch noch wachsen. Also habe ich bei meinen Cover-Porträts besonders auf die Haare geachtet. Und die kleinen Schnipsel drumherum, das sind private Schnappschüsse, die sie mir einfach so zur Verfügung gestellt haben. Jeder Zeitungsverlag hätte mir für die Photos wohl ein Vermögen geboten.
PW: Wie erklären Sie sich die Trennung der Beatles?
K.V.: Da wird immer so viel spekuliert, aber ich glaube, es war ganz simpel: Sie hatten einfach schon zu lange aufeinander gehockt. Manche Ehen überleben sich ja auch mit der Zeit. Und so gut sie sich auch immer miteinander verstanden haben: Es waren einfach vier sehr unterschiedliche Temperamente, vor allem vier sehr, sehr starke Persönlichkeiten. Als junge Burschen konnten sie sich da immer wieder zusammenraufen – aber irgendwann will man auch mal sein eigenes Ding machen.
PW: Yoko Ono hatte nichts damit zu tun?
K.V.: Auch wenn sie manchmal anstrengend sein konnte: Nein. Ganz sicher nicht.
PW: Später haben Sie dann zum Beispiel bei George Harrisons Konzert für Bangladesh mitgespielt und mit John Lennon die Klassiker "Imagine" und "Instant Karma" aufgenommen. Wie hat sich die Zusammenarbeit gestaltet?
K.V.: Es war wohl so, wie es die Beatles auch untereinander gehalten haben: Keiner machte einem Vorschriften; jeder trug seinen Teil zum jeweiligen Song bei. Mir hat nie jemand gesagt, was ich auf meinem Bass spielen sollte – ich hab's einfach gemacht.
PW: Gab es Unterschiede darin, wie die jeweiligen Ex-Beatles im Studio arbeiteten?
K.V.: Bei George, mit dem ich vielleicht am engsten befreundet war, hat man sich immer sehr viel Zeit gelassen – man hat richtig mit den Songs gelebt. Da gab es im Studio einige wirklich magische Momente. Bei John musste immer alles ganz schnell gehen. Aber gerade bei "Imagine" oder "Instant Karma" fand ich es unglaublich, wie er es geschafft hat, mit so wenigen Worten und so kargen Mitteln so viel zu sagen. Das hat mich überwältigt.
PW: Haben Sie ein Lieblingslied von den Beatles?
K.V.: Nein. Oder eben ganz viele. Wenn ich morgens aufstehe, ist es ein anderes, als wenn ich abends ins Bett gehe. Aber eins glaube ich ganz sicher: Es gibt bestimmte Lieder von ihnen, die werden nie sterben. Die wird man auch in Hunderten von Jahren noch kennen.
Interview: Kerstin Hilt, Stand vom 05.05.2006








