Sankt Pauli – Leben am Hamburger Hafen

Die Große Freiheit Nummer 7

Hamburger Hafen

Sankt Pauli – Leben am Hamburger Hafen

St. Lustig und St. Liederlich, Rampen- und Rotlicht. St. Pauli steht für beides. Hier auf dem Hamburger Berg entstanden Operetten- und Theaterhäuser, Spielbuden, Tanzsäle und Schankwirtschaften, in denen Seiltänzer und Artisten ihre Künste zeigten.

St. Paulis Anfänge

Hier war der Jahrmarkt, entwickelte sich das Volkstheater, und hier präsentierte Tierschausteller Hagenbeck seine ersten Tiere. Parallel zu den reichlich vorhandenen Vergnügungsangeboten wuchs auch die Zahl der Bordelle auf St. Pauli, die wegen der Nähe zum Hafen zahlungskräftige Matrosen anlockten.

Die Vorstadt St. Pauli, die bis 1833 noch Hamburger Berg hieß, gehörte seit dem Mittelalter zu Hamburg. Das Gebiet lag zwischen den Hamburger Wallanlagen und der Grenze zum dänischen Altona und wurde geprägt vom regen Durchgangsverkehr. Im 18. Jahrhundert gewann der Hamburger Berg dann für die Stadtbewohner als Ausflugsziel an Bedeutung.

Besonders beliebt waren Spaziergänge auf und vor den Wallanlagen. Schon damals waren die Hamburger begeistert von der Aussicht über die Elbe und die Segelschiffe im Hafen. Erst 1831 erhielten die St. Paulianer die vollen Hamburger Bürgerrechte und zwei Jahre später den Namen St. Pauli, der sich von der gleichnamigen örtlichen Kirche ableitete.

Wie noch heute war St. Pauli damals kein Stadtteil der Reichen. Hier lebten einfache Arbeiter, Händler, Handwerker, Schauerleute, Zimmerleute, Prostituierte. Auch der Name Reeperbahn weist auf das arbeitsreiche Leben am Hafen hin, denn hier stellten die Seilmacher und Reepschläger ihre Schiffstaue, die Reepe, her.

Amüsierbetriebe

Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts erlebte der Hamburger Berg als Vergnügungsviertel einen ersten Aufschwung. Es entstanden zahlreiche Schankwirtschaften, die mit allerlei Attraktionen die Besucher anlockten.

Berühmt war zum Beispiel der 1805 auf der Reeperbahn erbaute "Trichter", eine hölzerne Gastwirtschaft, die ihren Namen nach dem charakteristischen Spitzdach erhielt, das einem umgestülptem Trichter ähnelte. Im "Hippodrom" konnten die Gäste auf Pferden reiten, so oder so ähnlich wie es der Hans-Albers-Film "Große Freiheit Nr. 7" zeigte.

Szenenfoto aus dem Spielfilm "Große Freiheit Nr. 7" mit Hans Albers

Eine Straße schreibt Filmgeschichte

Im "Optisch Belwider" wurden zahme und wilde Tiere ausgestellt. Als besondere Attraktion galten damals Panoramabilder, die zum Beispiel das Stadtbild von Wien oder eine Reise von Hamburg nach Altona zeigten. In den 1840er Jahren wurde der "Trichter" abgerissen und durch "Mutzenbechers Bierhalle" ersetzt. Hier gab es neben einem Gastronomiebetrieb auch Konzerte sowie artistisch-musikalische Darbietungen.

Die Torsperre fällt

Dem Vergnügungsbedürfnis der Hamburger Besucher waren allerdings, vor allem bei schlechtem Wetter, bis weit in das 19. Jahrhundert Grenzen gesetzt. Ein Grund waren die schlechten Straßenverhältnisse auf St. Pauli. Da die Verbindung zwischen Hamburg und Altona aus mehr oder weniger unbefestigten Wegen bestand, endete der Ausflug zum Hamburger Berg oft im Schlamm.

Erst Anfang der 1830er Jahre hatte die Hamburger Stadtverwaltung ein Einsehen und sorgte für Kieswege und befestigte Straßen. Zusätzlich erhielt St. Pauli eine Straßenbeleuchtung. 1831 gab es auf St. Pauli die ersten feststehenden Gasleuchten.

Zehn Jahre später waren es bereits 103 Laternen und 283 Leuchten; ein sichtbares Zeichen für die dynamische Entwicklung in diesem Viertel. Zum Leidwesen der Schankwirte und Spielbudenbesitzer leerten sich allerdings Reeperbahn und Spielbudenplatz kurz vor Sonnenuntergang noch immer schlagartig.

Der Grund war die Torsperre. Mit Beginn der Dunkelheit wurden die Stadttore geschlossen, und wer nicht rechtzeitig wieder in Hamburg war, musste außerhalb der Stadtmauern übernachten oder sich für viel Geld das Tor noch einmal öffnen lassen. Erst 1861 wurde die Torsperre abgeschafft, was dem Vergnügungsviertel einen enormen Aufschwung bescherte.

Parallel dazu bekamen nun auch Ordnungshüter reichlich zu tun. 1840 gab es die erste Polizeiwache auf St. Pauli. Zwölf Jahre später wurde am Spielbudenplatz eine größere Wache mit acht Beamten eingerichtet. 1868 bezog sie ein neues Quartier: Das traditionsreiche Gebäude Ecke Davidstraße ist bis heute Standort der berühmten Davidwache.

Prostitution auf St. Pauli

Das älteste Gewerbe hat auf St. Pauli schon immer ideale Geschäftsbedingungen vorgefunden. Die Bordelle profitierten nicht nur von der Fluss- und Hafennähe, sondern auch von dem Umstand, dass der Hamburger Berg beziehungsweise das spätere St. Pauli außerhalb der Stadtmauern und an einer wichtigen Handelsstraße nach Altona lag, die mit einer Fähre über die Elbe weiter nach Bremen führte.

Vor allem aber belebten die Matrosen das Geschäft und so soll denn der erste Straßenstrich unten an der Elbe in Höhe des Fischmarkts entstanden sein.

Es gab Zeiten, da versuchten die staatlichen Behörden mit drakonischen Strafen die Prostitution zu unterbinden. 1732 regelte ein Ratsbeschluss, dass eine Frau, die erstmals des "unzüchtigen Lebens halber" verhaftet wurde, für acht bis 14 Tage bei Wasser und Brot ins Gefängnis musste.

Wiederholungstäterinnen wurden auf dem Pferdemarkt im Hals-Eisen und mit einem Namensschild versehen an den Pranger gestellt und anschließend für zehn Jahre aus der Stadt verbannt. Wer danach immer noch der Prostitution nachging, wurde ausgepeitscht, an den Pranger gestellt und anschließend in das "Spinnhaus", eine Irrenanstalt auf dem Heiligengeistfeld, eingesperrt.

Doch die Maßnahmen blieben ohne Erfolg. Ende des 18. Jahrhunderts schreibt der Chronist Jonas Ludwig von Heß: "Hier genießt der starke rohe Matrose die höchsten Freuden seiner Menschheit ... und ... (wird) ... hier in den Umarmungen einer industriösen Dirne um Gesundheit und den Lohn vieler mühsam durcharbeiteter Monden in einer Minute auf einmal berupft ..."

Nachtaufnahme der Herbertstraße in Hamburg

Die Herbertstraße ist der bekannteste Straßenstrich

Das Gewerbe boomt

Einen besonderen Aufschwung nahm die Prostitution, als ab 1816 die ersten Dampfschiffe den Hamburger Hafen anliefen und damit der Schiffsverkehr auf der Elbe zunahm. Da die Schiffe aus Sicherheitsgründen nicht in den Hamburger Hafen einlaufen durften, mussten sie am Hafenrand am Hamburger Berg festmachen. Davon profitierten nicht nur die Schankwirtschaften, sondern auch die nahe gelegenen Bordelle.

Das Gewerbe florierte. 1834 arbeiteten auf St. Pauli 120 Frauen in 18 Bordellen. Seit den 1870er Jahren war man bemüht, die Bordellbetriebe in einer Straße zu konzentrieren. 1890 gab es in der damaligen Heinrichstraße – später wurde sie in Herbertstraße umbenannt – 20 Bordelle. Seit 1900 ist die Herbertstraße ein geschlossenes Quartier für Prostituierte. Für Jugendliche unter 18 Jahren und Frauen ist der Zutritt verboten.

Außenansicht von Bordellfenstern

Es gibt 20 Bordelle in der Herbertstraße

Autoren: Sine Maier-Bode/Ulrich Neumann

Weiterführende Infos

Stand: 22.09.2017, 10:00

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