Geschichte des Radios
Wie alles begann ...
Der Traum, Nachrichten aus der Ferne zu empfangen und Distanzen zu überwinden, die die menschliche Stimme nicht überbrücken kann, ist ein ganz altes Bedürfnis der Menschen. In Afrika benutzte man Trommeln oder Rauchzeichen, in Europa auf dem Land Boten und in der Seefahrt Lichtzeichen. Als man begann, mit Elektrizität zu experimentieren, war einer der ersten Versuche, Nachrichten zu übermitteln: erst mit Draht, bald ohne.
Voraussetzung für die drahtlose Telegrafie war die Entdeckung der elektromagnetischen Wellen durch Heinrich Hertz (1887 - 1888). Mit röhrenbetriebenen Sendeanlagen konnten Hochfrequenz-Schwingungen erzeugt werden, die die Übertragung von Sprache und Musik erlaubten.
Am Anfang dachte noch niemand an "Unterhaltungsrundfunk", sondern an den kommerziellen und militärischen Nutzen, eine Nachricht an viele Empfänger zu verbreiten. Schon im ersten Weltkrieg wurden dazu Detektorgeräte und Röhrenapparate eingesetzt. Auch Börsendaten wurden so verbreitet.
Weimarer Republik - Radiohören ist schick
Der Rundfunk zu Unterhaltungszwecken begann zunächst in Holland und in den USA. Am 28. Oktober 1923 war es dann auch in Deutschland soweit. Aus dem Berliner Voxhaus wurde das erste mal ein Foxtrott "zu Gehör gebracht". Schon bald kam das Radiohören ganz groß in Mode. Der kleine Mann konnte sich nur das Detektorgerät leisten: es brauchte keine Stromquelle und konnte selbst gebastelt werden. Man benötigte aber eine Hochantennte, die rund 25 Meter lang sein musste. Wer tiefer in die Tasche greifen konnte, leistete sich ein Röhrengerät, das mit teuren Batterien betrieben wurde. Noch konnten die Geräte nicht mit Strom aus der Steckdose betrieben werden, denn dazu man braucht Gleichstrom und die Technik, den Wechselstrom aus der Steckdose in Gleichstrom umzuwandeln, die war noch nicht erfunden.
Anfangs sah die Politik den Rundfunk skeptisch: was würden die "Massen" mit dieser Technik anstellen? Doch Hans Bredow, der Vater des deutschen Rundfunks und bei der Post zuständig für den Aufbau eines Rundfunknetzes, konnte die Bedenken zerstreuen. Er sah im Rundfunk vor allem die Möglichkeit, die Hörer zu bilden und zu unterhalten. Doch was inhaltlich dargeboten wurde, wollte der Staat kontrollieren, ebenso die Technik. Die Industrie wurde daher dazu verpflichtet, nur Geräte herzustellen, mit denen nicht selber gesendet werden und mit der nur ein enger Mittelwellenbereich empfangen werden konnte. Da die Technik aus der Telegrafie kam, war die Reichspost zuständig für Sende- und Empfangstechnik: Das Radio für zuhause musste bei der Post mit einer Urkunde genehmigt werden und jeder hatte eine Gebühr zu entrichten - damals wie heute eine Gebühr dafür, dass die Technik zum Empfang überhaut bereitgestellt wird.
Rundfunk im Dritten Reich - das Radio wird Massenmedium
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde der Rundfunk bald gleichgeschaltet. Da schon in der Weimarer Republik Sendeanlagen und Empfangstechnik staatlich kontrolliert waren, hatten die Nationalsozialisten nicht viel Mühe, auch den Rundfunk zu übernehmen und ganz in den Dienst ihrer Ideologie zu stellen. Dazu machten die Nationalsozialisten, allen voran Goebbels, zunächst das Radio zum Massenmedium und ließen ein billiges Gerät produzieren: den Volksempfänger, im Volksmund auch "Goebbelsschnauze" genannt. Die technische Bezeichnung war VE 30 1: Volksempfänger 30.1. - das Datum sollte an Hitlers Machtübernahme am 30.1.1933 erinnern. Mit einem Volksempfänger ausländische Sender zu empfangen war unmöglich. Mit Kriegsbeginn 1939 war das Hören von ausländischen "Feindsendern", insbesondere der BBC, streng untersagt. Mit der Todesstrafe wurde dem gedroht, der die Information der "Feindsender" weiter erzählte. Gerade in der Anfangszeit wurde zur Abschreckung die Todesstrafe tatsächlich auch verhängt und vollstreckt.
Die Nachkriegszeit - Geburtsstunde des föderalen Rundfunksystems
Die Alliierten nahmen den Deutschen den Rundfunk sofort ab. Am 13. Mai 1945, fünf Tage nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, verstummte der Sender Flensburg, die letzte Station des Propagandafunks. Nach dem Willen der drei westlichen Siegermächte durfte das Radio in Deutschland nie mehr zentrales Instrument der Informationsvermittlung werden. Eine staatsferne, öffentlich kontrollierte Rundfunkordnung sollte errichtet werden. Man entschied sich für das System der BBC: Gebührenfinanziert und durch Gremien kontrolliert, außerdem dezentral organisiert mit insgesamt acht Sendern: NWDR (später NDR und WDR), BR, HR, SDR, RB und SWF, sowie in Berlin mit dem RIAS (später SFB, heute RBB) und dem SR.
Alle vier Siegermächte beschallten die Deutschen zunächst mit ihrer Nationalkultur. Bald wurden auch wieder politische Informationen verbreitet und der Rundfunk zur Umerziehung benutzt. Eingeführt wurden zum Beispiel Diskussionssendungen und Hörerbeteiligungen. Auch Bildung und Unterhaltung spielte wieder eine Rolle, dazu kam Aufklärungsarbeit über den Nationalsozialismus. Von den Nürnberger Prozesse wurde mehrmals am Tag berichtet. Und Kultur war wichtig, denn die Deutschen hatten viel aufzuholen: von der Entwicklung in Musik und Literatur waren sie lange abgeschnitten gewesen, viele große Künstler waren ins Exil gegangen. Jetzt konnte man sie wieder erleben in Hörspielen und Lesungen im Radio. 1949 wurden die Sender endgültig in deutsche Hände gegeben. 1950 schlossen sich die Anstalten zur ARD zusammen, der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands.
Ein ganz neues Klanggefühl
Die Einführung des UKW-Radios
Bis Mitte der 50er Jahre sendete man in Europa vor allem auf Mittelwelle. Die Mittelwelle hatte sehr große Reichweiten, mit ihr ließen sich nationale Programme ausstrahlen. Nach dem Krieg wurden die Frequenzen auf der Kopenhagener Wellenkonferenz von 1948 neu verhandelt. Die Beschlüsse traten 1950 in Kraft. Deutschland als besetzte Nation war nicht vertreten und bekam nur ganz wenige, schlechte Frequenzen: die Deutschen sollten ja sowieso keinen zentralen Rundfunk mehr haben. Deswegen musste man auf andere Möglichkeiten umsatteln und besann sich auf die Ultrakurzwelle, die anders als die Mittelwelle nur sehr kurze Reichweiten hatte, dafür aber ein ganz neues Klanggefühl verschaffte.
UKW war zwar grundsätzlich schon bekannt, wurde bislang aber nicht für den Rundfunk genutzt: dazu fehlte noch die Technik. Also hat man experimentiert, bis es funktionierte. Die ersten UKW-Sender Mitte der 50er Jahre hatten zunächst aber nur wenige Zuhörer, denn man brauchte entsprechend (teure) Empfangsgeräte, aber im Wirtschaftswunderland Deutschland wurden es schnell immer mehr.
Entwicklung des Popradios in Deutschland
Die Radiomacher setzten den Rundfunkauftrag der Vielfalt bis in die 70er Jahre so um, dass jedes einzelne Programm in sich möglichst vielseitig und ausgewogen war. Entsprechend reihten sich die Sendungen "kästchenweise" hintereinander: auf die Hitparade folgte Klassik, dann Nachrichten und dann ein Hörspiel. Das heißt: jeder hatte seine Lieblingszeit aber keinen Lieblingssender! Das war nicht weiter tragisch, denn lange Zeit schaltete man das Radio gezielt ein, so wie heute das Fernsehen.
Das änderte sich mit der Einführung des Fernsehens. Das starre Kästchensystem wurde langsam magazinisiert: wie in den USA sollten die Hörer nicht mehr warten, bis "ihre" Sendung im Radio kommt. Die Folge waren mehr Abwechslung, mehr Nachrichten, schnellere Berichterstattung und viel Musik. Man passte sich den veränderten Hörgewohnheiten an: aus dem Einschaltradio wurde ein Tagesbegleitprogramm.
Anfang der 70er Jahre starteten die ARD-Anstalten zusätzliche Pop- oder Servicewellen. Pioniere hier waren Bayern 3 (Sendestart 1971), HR3 (Sendestart 1972) und vor allem der SWF (Sendestart 1975), der schnell federführend in Deutschland wurde. Vor allem die Sendung Pop Shop von SWF3 wurde zum Hörermagnet. Gerade aus dem Kölner Raum fischte SWF3 dem WDR die Hörer weg (ein Drittel der Hörerpost kam aus dem Kölner Umland). Vorbild für SWR3 war wieder einmal die BBC. Sie hatte als erste europäische Anstalt eine konsequente Popwelle entworfen. Denn vor ihren Küsten sendeten kommerzielle Piratensender, die vor allem die jungen Hörer der BBC abtrünnig machten. Mit BBC1 änderte sich das: Popkultur, freche Moderation und die neusten Musikhits machten den Sender zum Kult.
Das Zeitalter des Dualen Systems
1981 machte das Bundesverfassungsgericht mit einem Urteil den Weg frei für den privaten Rundfunk. Stadtradios und landesweite Programme eroberten den Radiomarkt. Schwierige Zeiten für die öffentlich-rechtlichen Sender, die sich zunehmend einerseits dem Druck des Privaten Sounds anpassen und andererseits eigene Akzente setzen mussten. Eine Folge war auch, dass die unterschiedlichen Programme der Öffentlich-Rechtlichen stärker formatiert und nach Alter und Musikfarbe von einander abgegrenzt wurden. Vor allem für die Generation 50+, die weniger im Interesse der Werbewirtschaft steht, konnten sich die ARD-Sender marktführend durchsetzen. Um dem Abwandern der Jugend zu den Privaten entgegenzutreten, wurden neben den Popwellen noch Jugendwellen etabliert, wie "Das Ding" beim SWR und "Sputnik" beim MDR.
Podcast - Radio zum Mitnehmen
Die Zukunft des Radios
Der heutige Hörer nutzt einen Medienmix für sich: Fernsehen, Zeitung, Internet und Radio. Bei der jungen Generation ist das anders. Sie ist inzwischen mit dem Internet aufgewachsen. Immer weniger Jugendliche haben überhaupt ein Radiogerät. Sie holen sich ihre hoch spezialisierte Lieblingsmusik aus dem Internet. Da das Radio aber einen Massengeschmack bedient, damit viele zuhören, verliert es zunehmend die ganz Jungen. Auf die immer individuellere Mediennutzung müssen sich die Sender einstellen. Eine Reaktion darauf ist die ausführliche Internetbegleitung der Programme und ein Angebot, das in den letzten Monaten immer mehr ausgebaut wird: Podcast - Radio zum Mitnehmen: hier man kann Beiträge und Musik runterladen, für die man sich interessiert, und sie dann per MP3-Player anhören.
Christiane Gorse, Stand vom 01.06.2009
Sendung: Radiogeschichten - Opas Röhre verändert die Welt, 28.02.2007














