Afghanistan
Andere starben an Hunger oder Krankheit. Etwa eine weitere Million Menschen wurde verwundet - traumatisiert ist fast jeder. Über 600 Quadratkilometer des Landes sind durch Landminen und Blindgänger verseucht. Nur zwei Drittel der Bevölkerung haben Zugang zu medizinischer Versorgung. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist mit 46 Jahren eine der niedrigsten der Welt.
Landeskunde
Afghanistan ist zweimal so groß wie Deutschland und es leben etwa 27 bis 30 Millionen Menschen hier. 80 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land, nur 20 Prozent in den Städten. Großstädte gibt es nur wenige: Kabul, Herat, Kandahar, Mazar-e-Scharif, Dschalalabad und Kunduz sind diejenigen mit mehr als 100.000 Einwohnern.
Geographie Afghanistans (3'45'')
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Etwa drei Viertel des Landes bestehen aus - teilweise sehr schwer zugänglichen - Gebirgslandschaften. Die Klimazonen entsprechen denen vom kalten Skandinavien bis zur sengenden Hitze der Sahara. Es gibt ständig Wassermangel und gleichzeitig Überschwemmungen. Afghanistan ist ein Vielvölkerstaat und es gibt vier dominierende Stämme. Da wären zum einen die Paschtunen, die mit 40 Prozent die größte Ethnie sind und im Süden und Osten, also in den Aufstandsgebieten leben. Als nächstes wären die Tadschiken und die Usbekischstämmigen im Norden zu erwähnen. Und dann gibt es noch die Hazara, das sind Schiiten, die sich mehr im Zentrum Afghanistans niedergelassen haben.
Magnet für Invasoren
Afghanistan ist eingeschlossen von sechs Ländern und ohne Zugang zum Meer, doch gerade seine geographische Lage macht die Region strategisch so interessant. Von hier aus lässt sich der fragile Nachbar Pakistan mit seinen extremistischen Gruppen beobachten und Pakistan ist immerhin ein nuklear bewaffnetes Land. Im Westen befindet sich der ölreiche Mullah-Staat Iran, der dabei ist, zur Nuklearmacht aufzusteigen. Im Osten der ebenfalls atomar gerüstete Wirtschaftsriese China. Nördlich schließen sich die zentralasiatischen Republiken mit ihren gigantischen Gas- und Ölvorkommen an, welche durch Afghanistan zum Indischen Ozean und zum Arabischen Meer geleitet werden könnten. Ohne Afghanistan kann man ganz wenig in diesem Raum machen - mit Afghanistan könnte man eine ganze Menge erreichen.
Ein alter asiatischer Spruch lautet: "Wenn Gott eine Nation bestrafen will, dann lässt er sie in Afghanistan einmarschieren." Und tatsächlich: Afghanistan erlebte im Laufe seiner Geschichte immer wieder Invasionen - und zwar nicht erst seit 30 Jahren. Schon Alexander der Große war im 4. Jahrhundert bis nach Afghanistan gekommen.
In der neueren Geschichte stritten sich 1838 bereits die russischen und britischen Kolonialmächte um das strategisch wichtig gelegene Land, über das man einen Zugang zum Indischen Ozean - eine wichtige Handelsroute - erreichen wollte. Es folgten drei recht blutige Anglo-Afghanische Kriege, die mit einer Niederlage für die Briten und 1919 mit der Unabhängigkeit für Afghanistan endeten. Seit dem ersten britisch-afghanischen Krieg heißt die Gegend "Graveyard of the empires" - Friedhof der Großmächte.
Scheitern der Sowjetunion und die Folgen
Auch die Sowjetunion bekam das zu spüren. Sie kam Ende 1979 den afghanischen Kommunisten, die sich eher schlecht als recht seit 1978 an der Macht hielten, zu Hilfe. Durch die Entsendung sowjetischer Truppen nach Afghanistan internationalisierte sich die Auseinandersetzung. Sie wurde zu einem Krieg zwischen sowjetischen Truppen und ihren afghanischen Verbündeten auf der einen Seite und Mujaheddin-Gruppen - die von den USA militärisch und finanziell unterstützt wurden - auf der anderen Seite. Die sowjetischen Truppen - bis 100.000 Mann stark - scheiterten nach zehn Jahren im Kampf in Afghanistan. 1989 zogen die letzten sowjetischen Soldaten ab.
Doch in Afghanistan wollte dennoch kein Frieden einkehren. Im April 1992 beseitigten die Mudschaheddin mit dem Sturz der kommunistischen Regierung unter Präsident Nadschibullah auch die letzte sowjetische Einflussnahme. Auch die Amerikaner ließen ihre Geheimdienst- Aktivitäten ruhen und die Gelder für Afghanistan wurden von einem Tag auf den anderen gestoppt. Der Rückzug der Sowjetunion und auch das Ende des amerikanischen Engagements hinterließen ein Machtvakuum. Nach Nadschibullahs Sturz geriet der Machtkampf zwischen den nunmehr zerstrittenen Mudschaheddin-Gruppen des ehemaligen afghanischen Widerstandes immer mehr außer Kontrolle. Viele Gebiete des Landes verfielen in Anarchie und gelangten unter die Kontrolle sogenannter Warlords. Plünderungen, Vergewaltigungen und andere Gewalttaten waren an der Tagesordnung. Was folgte, waren jahrelange ethnische Konflikte unter den verschiedenen Mudschaheddin. Es herrschten grauenhafte Zustände, kaum einer traute sich noch aus dem Haus. Und das ging jahrelang so.
Herrschaft der Taliban
In dieser Zeit gründeten sich die Taliban - ursprünglich eine regionale Bürgerwehr - unter Mullah Omar im Süden des Landes, in der Nähe Kandahars. Ihre Gründung wurde von Pakistan und den USA finanziell und materiell unterstützt. Unter strenger Auslegung der Scharia sorgten sie für Ordnung, wo es schon lange keine mehr gab. Zunächst wurden sie von der Bevölkerung Afghanistans willkommen geheißen. Schnell marschierten sie voran und nahmen bereits 1996 die Hauptstadt Kabul ein. Aber mit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan begann für die Bevölkerung ein Schreckensregime, das sie nahezu ins Mittelalter zurückwarf. Das Land geriet international ins Abseits, Handel und Wirtschaft kamen zum Erliegen, und die Bevölkerung litt unter Hunger und Krankheit.
Zusätzlich hatten der international gesuchte Top-Terrorist Osama Bin Laden und seine Terrororganisation Al Qaida Unterschlupf in Afghanistan gefunden. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11.September 2001 wurde das Land aufgefordert, Osama Bin Laden auszuliefern. Dem verweigerte sich die Taliban-Regierung jedoch und so wurde Afghanistan erneut zum Kriegsschauplatz.
Kerstin Zeter, Stand vom 31.05.2010
Sendung: Afghanistan - Kriegerisches Land am Hindukusch?, 07.06.2010









