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Ostfriesische Bräuche

Wenn Ihnen auf der Landstraße Holzkugeln um die Ohren fliegen oder Sie Ihren Tee auf keinen Fall umrühren dürfen, dann sind Sie wahrscheinlich in Ostfriesland. Die Ostfriesen pflegen ihren Dialekt und ihre Traditionen. So haben sie etwa ihre eigenen Sportarten, die seltsame Namen tragen wie "Boßeln" oder "Klootschießen". Die Bräuche im Überblick.

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Rum- und Rummelpott

Das Rummelpottlaufen ist eine Art ostfriesisches Halloween, das besonders in ländlichen Gegenden verbreitet ist. Kinder gehen am Abend des 31. Dezembers von Tür zu Tür und sammeln Süßigkeiten. Meist singen sie dabei norddeutsche Lieder oder sagen Gedichte auf. Geizkrägen werden mit Streichen bestraft. Damit die Kinder bei den Streichen nicht erkannt werden, tragen sie Verkleidungen und schminken sich die Gesichter. Auch Erwachsene sieht man mitunter am Silvesterabend herumziehen – anstatt mit Süßigkeiten werden sie mit kleinen Schnäpsen besänftigt. Deshalb wird die Tradition auch scherzhaft "Rumpott" genannt.

Ein Mädchen im blauen Drachenkostüm sitzt vor einem Berg von Süßigkeiten. In der Hand hält sie einen gelben Riesenlutscher, den sie ansieht. Dabei leckt sie sich die Lippen. (Rechte: Mauritius)

Rummelpottläuferin mit ihrer Beute

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Ursprünglich war der ostfriesische Rummelpott ein Topf, der mit einer Schweineblase überzogen und so zur Trommel umfunktioniert wurde. Mit diesem Gerät kündigten die Kinder geräuschvoll ihr Kommen an. Das Wort "rummeln" bedeutet so viel wie "poltern". Heute ist der Rummelpott meist ein Beutel, in dem die erbeuteten Süßigkeiten aufbewahrt werden.

Ein Tisch ist für eine ostfriesische Teerunde gedeckt. Eine Hand lässt Sahne in eine schon mit Tee gefüllte Tasse tropfen. Daneben steht ein Teller mit einem Stück Kuchen und eine Teekanne mit filigranem Blumenmuster. (Rechte: Mauritius)

Vorsichtig wird Sahne in den Tee gegeben

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Ostfriesische Teerunde

Scherzhaft wird oft vermutet, die Ostfriesen hätten auf Reisen immer einen Kanister mit Teewasser dabei. Tatsächlich legen sie sehr viel Wert auf die Qualität des Wassers, wenn sie den typischen ostfriesischen Tee kochen. Es sollte möglichst weich und rein sein. Der Ostfriesentee besteht aus mindestens zehn verschiedenen Sorten. Das Teetrinken gleicht einer Zeremonie. Nach drei Minuten Ziehzeit wird der Tee durch ein Sieb in eine zarte Tasse gegossen, in der sich schon ein paar Stückchen Kandis befinden. Mit einem Löffel wird dann vorsichtig ein wenig Sahne hineingegeben. Ganz wichtig dabei: Bloß nicht umrühren! Erst soll die milde Sahne den Genießer erreichen, dann der kräftige Teegeschmack und schließlich die Süße des Zuckers.

Ein Mann beim Boßeln. Im Rennen hat er gerade die Kugel geworfen, die auf den Betrachter zurollt. (Rechte: dpa)

Boßeln – eine Sportart des Nordens

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Boßeln und Klootschießen

In Ostfriesland sind an vielen Orten Schilder mit der Aufschrift "Achtung, Boßelstrecke" zu finden. Sie sollen Passanten vor Wurfgeschossen warnen. Boßeln und Klootschießen sind die Sportarten des Nordens. Beides sind Wurfdisziplinen. Beim Boßeln besteht eine Mannschaft aus fünf Spielern, die nacheinander eine Kugel aus Holz oder Gummi schleudern. Es wird auf der Straße gespielt. Sobald ein Spieler seinen Wurf beendet hat, hebt der nächste die Kugel auf und wirft noch einmal. Das geht so lange, bis eine bestimmte Strecke überwunden ist. Manche Boßelstrecken sind bis zu zehn Kilometer lang. Gewonnen hat die Mannschaft, die die Strecke mit den wenigsten Würfen überwindet. Die Stoßtechnik ähnelt dem Diskuswerfen, bei dem der Sportler durch Drehung um die eigene Körperachse Schwung holt. Traditionell wird das Spiel von "Käklern" und "Mäklern" begleitet, die das Können der Spieler kommentieren.

Diese Zuschauer sind auch bei Wettkämpfen im Klootschießen dabei. Die Wettkämpfe finden meist auf zugefrorenen Weiden statt. Das Wurfgeschoss ist eine mit Blei ausgegossene Holzkugel, die möglichst weit geschleudert werden soll. Die Wurftechnik ist kompliziert. Zuerst nimmt der Werfer einen 25 Meter langen Anlauf. Dann springt er auf ein Absprungbrett und schleudert mithilfe einer Art Verrenkung des Wurfarms den Kloot weit von sich. Das Wort "Kloot" bedeutet "Klumpen". Ursprünglich wurden die Wettkämpfe mit Lehmklumpen ausgetragen.

Der wichtigste Wettkampf im Klootschießen findet traditionell zwischen den Rivalen Ostfriesland und Oldenburg statt. Aber selbst kleine Dörfer treten gegeneinander an. Will ein Dorf ein anderes herausfordern, wird eine geschmückte Klootkugel an einem Bindfaden aufgehängt. Nehmen die Gegner die Kugel vom Faden, ist die Herausforderung angenommen.

Eine Frau und ein Mann zeigen Teller, auf denen geschälte Krabben liegen. Vor ihnen liegt ein Berg mit noch nicht geschälten Tieren. (Rechte: ddp)

Wichtige Disziplin: Krabbenpulen

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Ostfriesenabitur

Möchte man seine Künste im Boßeln und Klootschießen offiziell bestätigt haben, kann man in der ostfriesischen Stadt Wittmund das Ostfriesenabitur ablegen. In zahlreichen Disziplinen kann ein Besucher hier spielerisch die ostfriesische Kultur kennen lernen. Der erste Teil der Prüfung findet im Freien statt: Der Prüfling muss seine Künste im Boßeln unter Beweis stellen. Danach muss er mit Hilfe eines Stockes einen Graben überqueren – eine Disziplin, die Padstockspringen genannt wird. Dann wartet die Holzkuh Elsa darauf, gemolken zu werden. Zwischendurch muss der Teilnehmer sich immer wieder beim "Löffeltrinken" beweisen: Schnaps wird aus einem Zinnlöffel getrunken. Am Ende des ersten Teils steht eine mündliche Prüfung in Plattdeutsch.

Die Herausforderungen des zweiten Teils des Ostfriesenabiturs warten danach in einer echt ostfriesischen Gaststätte: Ostfrieslandkunde, Teetrinken und Krabbenpulen stehen auf dem Programm. Für die fleißigen Schüler gibt es am Ende ein Zeugnis, das sie offiziell zu echten Ostfriesenkennern macht.

Johanna Rüschoff, Stand vom 01.06.2009

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