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Küstenschutz auf Sylt

Jedes Jahr im Winter erreichen uns die gleichen Hiobsbotschaften von der Insel Sylt: Der "blanke Hans" – so wird die Nordsee bei Sturm genannt – reißt riesige Sandmassen mit sich ins Meer. Ohne Gegenmaßnahmen würde die Insel in nur wenigen Jahrzehnten beträchtlich schrumpfen. Nirgendwo sonst in Deutschland werden daher seit über 100 Jahren so viele Experimente mit dem Küstenschutz betrieben wie auf Sylt.

Menschen gehen im Winter am Strand spazieren und beobachten an einer Abbruchkante, wie das Meer den Sand fortspült. (Rechte: dpa)

Jedes Jahr nimmt das Meer einen Teil der Insel

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Ein natürlicher Prozess

Die westlichste der nordfriesischen Inseln ist durch ihre Lage und Gestalt den Gezeiten seit jeher besonders stark ausgesetzt. Die Westküste von Sylt ist eine typische Rückgangsküste. Im Gegensatz zu allen anderen nordfriesischen Inseln fehlt ihr eine natürliche Barriere gegen die geballte Wasserkraft der Nordsee. Den Nachbarinseln liegt ein Flachwasserbereich vor, der von Sandbänken durchzogen ist. Die energiereichen Wellen laufen sich so wie an einem breiten Strand tot. Vor Sylt ist der Meeresboden jedoch sehr tief und steigt erst kurz vor der Insel steil an. Das Meer kann somit ungehindert mit voller Wucht auf die Küste brechen. Es reißt dabei riesige Sandmassen mit sich, die zum großen Teil vor der Küste Amrums wieder abgelagert werden. Von diesem Prozess besonders stark betroffen sind die beiden Inselenden im Norden und Süden. Ohne Gegenmaßnahmen würden sie bald von der restlichen Insel abgetrennt werden. Doch was für Sylt dramatisch ist, ist für andere Teile der schleswig-holsteinischen Küste durchaus von Vorteil. Nicht nur das südlich gelegene Amrum profitiert durch Sandaufschüttung von dem Rückgang der Sylter Küste. Auch die Festlandküste kann der Lage von Sylt Positives abgewinnen. Durch die natürliche Wellenbrecherfunktion der Insel werden die Wassermassen der Nordsee gebremst und treffen somit nicht mit voller Wucht aufs Festland. Dies ist eines der Hauptargumente, den Küstenschutz auf Sylt immer weiter fortzuentwickeln.

Riesige Betonklötze, die teilweise im Sand versunken sind. Dahinter Dünenlandschaft. (Rechte: Mauritius)

Tetrapoden bewirken auf Sylt nichts

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Eine lange Tradition

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts machen sich die Bewohner von Sylt erste Gedanken um den Küstenschutz. Ab 1867 werden an zahlreichen Stellen so genannte Buhnen errichtet. Hierbei handelt es sich um Holzpfähle, die in langen Reihen rechtwinklig zur Küste in das Meer geschlagen werden. Diese sollen in erster Linie die Wellen brechen und uferparallele Strömungen vom Strand fernhalten. Auf Sylt bringen sie jedoch nicht den gewünschten Erfolg, da zu viele Querströmungen die Buhnen umgehen.
Anfang des 20. Jahrhunderts wird in Westerland eine 800 Meter lange Strandmauer errichtet, die den Rückgang der Küste vor dem mittlerweile schon touristisch bedeutsamem Ort aufhalten soll. An der Mauer, die bis 1954 auf drei Kilometer ausgeweitet wird, sind jedoch immer wieder aufwändige und kostspielige Reparaturen notwendig, um die fortschreitende Erosion zu stoppen.
Ab 1960 werden zusätzlich an den Stränden der Westküste so genannte Tetrapoden errichtet. Diese riesigen, vierfüßigen Betonungetüme liegen zu Füßen der Dünen, sind jedoch viel zu schwer für den Sylter Sand und versinken teilweise im Strand. Eine wirkungsvolle Maßnahme zum Küstenschutz können auch sie nicht bieten. Ab 2005 beginnt man, diese unästhetischen und unnützen Bauwerke wieder zu entfernen.

Schwarzweiß-Foto von einem Haus auf Sylt, das bei der Sturmflut von 1962 ins Meer gestürzt ist. (Rechte: dpa)

1962 wurden auch zahlreiche Häuser ins Meer gerissen

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Die Rettung – Sand

Aufgrund der vielen misslungenen Versuche, die Abtragung der Küste zu verhindern, wird in Folge der schweren Sturmflut von 1962 ein "Generalplan Küstenschutz" von der Bundesregierung entworfen. Sylt bekommt dabei einen eigenen Fachplan, der sich ausschließlich mit den Maßnahmen zum Küstenschutz auf der Insel beschäftigt. Da die bisherigen Methoden nicht viel geholfen haben, beginnt man ab 1972 mit einer ganz neuen Variante: den Sandaufspülungen. Baggerschiffe entnehmen auf offenem Meer vor der Westküste Sand und pumpen ein Wasser-Sand-Gemisch an den Strand. Hier wird das Gemisch von Bulldozern verteilt. Der Vorteil der Sandaufspülungen ist, dass vom Meer nur der vorgespülte Sand abgetragen wird und die natürliche Küstenlinie von der Erosion weitgehend verschont bleibt. Die Sandaufspülungen müssen in jedoch regelmäßigen Abständen wiederholt werden, je nach Intensität der Abtragungen sogar jährlich. Die immensen Kosten dieser Küstenschutzmaßnahme werden von Bundes-, Landes- und EU-Mitteln gedeckt. Bis heute werden die Sandaufspülungen als wirkungsvollste Methode betrachtet, die Erosion im Zaum zu halten. Die hohen Kosten sind jedoch Anlass dafür, auf dem Gebiet des Küstenschutzes intensiv weiter zu forschen.

Panoramabild mit Strandkörben vor der Abbruchküste von Sylt. (Rechte: Mauritius)

Wie lange kann man dieses Panorama noch bewundern?

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Blick in die Zukunft

Die Zerstörung durch Erosion wird auf Sylt in Zukunft eher zunehmen als zurückgehen. Die globale Erderwärmung bereitet dabei ebenso viel Kopfzerbrechen wie die stetige Zunahme von Sturmfluten. Im Zuge des steigenden Meeresspiegels sind gerade Küsten wie die von Sylt erhöhtem Seegang und Extremwasserständen ausgesetzt.
Auch eine Stranddrainage (Strandentwässerung), wie sie seit einigen Jahren an den Küsten Dänemarks praktiziert wird, wird in Betracht gezogen. Mithilfe von Pumpen wird dabei der Strand entwässert, um die Wasserdurchlässigkeit des Sandes zu erhöhen. Denn je durchlässiger der Strand, desto geringer ist der Rücktransport von Sand ins Meer. Bisher gibt es aber noch keine konkreten Pläne, diese Methode auf Sylt umzusetzen.
Überall auf der Welt arbeiten Experten fieberhaft an der Sicherung gefährdeter Küstenbereiche. Vor allem in den USA und in Asien laufen groß angelegte, maritime Forschungsprogramme zum Küstenschutz. Eine allseits praktikable Lösung, die auch die beliebteste deutsche Ferieninsel dauerhaft und kostengünstig vor den Naturgewalten schützen kann, ist jedoch bisher noch nicht gefunden worden.

Tobias Aufmkolk, Stand vom 01.09.2009

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