Tourismus auf Mallorca
Die ersten Touristen auf der Baleareninsel
Im Winter 1838/39 bereist die französische Schriftstellerin George Sand mit ihren beiden Kindern und ihrem Geliebten, Frédéric Chopin, die Mittelmeerinsel Mallorca. Das Eiland ist weitgehend unberührt und fasziniert die Besucher. In ihrem Roman "Ein Winter auf Mallorca" bringt Sand die Ablehnung der Bewohner, die den ersten Reisenden misstrauen, zu Papier. Aber Sand schwärmt in ihrem Buch auch: "Das ist der schönste Ort, den ich je bewohnt habe." Schon fünf Jahre vor dem Besuch dieser ersten Touristen wird ein regelmäßiger Fährdienst zwischen Barcelona und Mallorcas Hauptstadt Palma eingeführt. Zunächst per Segelboot, später dann mit Dampfschiffen und heute mit großen Fähren.
Der erste organisierte Tourismus
Anfang des 20. Jahrhunderts besuchen langsam mehr Touristen die Insel, zunächst vorwiegend vom spanischen Festland und aus Großbritannien. Allmählich entwickelt sich eine touristische Infrastruktur: So wird 1903 mit dem "Grand Hotel" das erste Hotel eröffnet. 1905 gründet der Unternehmer und Journalist Enrique Alzamora Gomá die Institution, die Mallorca als touristisches Ziel bekannt machen sollte: "Fomento del Turismo", den ältesten Fremdenverkehrsverband der Welt. Der noch heute existierende Verband erstellt Landkarten, Broschüren und Inselführer, organisiert Reisen und leitet geführte Exkursionen. 1907 läuft dann die erste Besuchergruppe im Hafen von Palma ein.
In den 50ern geht's richtig los
In den 20er und 30er Jahren bereisen immer mehr Urlauber die Baleareninsel. Schon 1935 lockt das beworbene "ideale Klima" 50.000 Fremde nach Mallorca. In den darauf folgenden Jahren ruht der Tourismus aufgrund des Spanischen Bürgerkrieges und des Zweiten Weltkrieges, aber schon 1950 kommen knapp 100.000 Urlauber auf die Insel. Im folgenden Jahr verdoppelt sich die Anzahl. Durch die wirtschaftliche Öffnung fördert der faschistische Staatschef Franco ab 1960 gezielt Mallorca als Touristenziel. Als dann auch noch der Flughafen Son Sant Joan die Insel dem Massentourismus zugänglich macht, geht der Besucheransturm richtig los: In den 60er Jahren besuchen jährlich mehr als eine Million ausländische Touristen die Insel. Von geringen Schwankungen abgesehen, wächst diese Zahl von Jahr zu Jahr. Ende der 90er Jahre gilt Mallorca mit über sechs Millionen Gästen im Jahr als Europas Ferienziel Nummer eins.
Wurstkönige und Kneipiers - deutsche Geschäftsleute
Bei mehreren Millionen deutschen Urlaubern pro Jahr ist es nicht verwunderlich, dass auch viele der Gastronomie- und Tourismusbetriebe auf Mallorca fest in deutscher Hand sind. Einige Deutsche haben schon Anfang der 70er Jahre die Idee, Mallorcas Tourismus-Boom zu nutzen und dort selbst Wurzeln zu schlagen. 1970 eröffnet der Düsseldorfer Altstadtkönig Erwin Bornscheuer mit großem Erfolg die erste Disco Mallorcas: das "Carrusel". Auch Horst Abel, ein gelernter Metzger aus Fulda, ist einer der ersten. Ebenfalls 1970 macht er seinen Traum wahr und wandert nach Mallorca aus, im Reisegepäck etwas Startkapital und eine Geschäftsidee - zunächst Besitzer einer kleinen Imbissbude, eröffnet er bald eine Fleisch- und Wurstwarenfabrik. Die hausgemachte deutsche Wurst hat Erfolg: Abel wird Multimillionär und mit rund 20 eigenen Firmen erfolgreicher Unternehmer mit immer neuen Ideen. So übernimmt er 1988 das "Carrusel" und macht daraus die erste mallorquinische Hausbrauerei.
"Malle" für alle: der "Ballermann"
Entlang der Küstenstrecke östlich von Palma befinden sich auf sechs Kilometern Strandlänge etwa 250 Hotels. Direkt in der Einflugschneise des Flughafens treffen Kegelclubs vom Rhein auf schwäbische Betriebsausflügler. Wo Betonbunker die Aussicht verschandeln, erfreuen sich deutsche Billig-Urlauber an Sonne, Partys, Sex und Alkohol. Stolze Bierbäuche feiern im "Hofbräuhaus", "Oberbayern" oder in der "Schinkenbude", während leistungsstarke Lautsprecher Hits aus den "Mallorca Top Ten" brüllen. Sonnenhungrig und bierdurstig finden Billig-Touristen hier jede Menge Gleichgesinnte und lassen "die Sau raus". Zu jeder Schandtat bereit brutzeln sie mit gestählten und gebräunten Oberkörpern an der Playa. Mittlerweile vom spanischen "Balneario" ins deutsche "Ballermann" umbenannt, stehen hier - jeweils 500 Meter voneinander entfernt - die von "Balneario 1" bis "Balneario 15" durchnummerierten Strandbuden. Wichtigster Anlaufpunkt für deutsche feucht-fröhliche Feiern ist jahrelang der berühmt-berüchtigte Strandabschnitt "Ballermann 6". Es liegt auf der Hand, dass am "Ballermann" auch jeder Spanier Deutsch spricht. Denn das "Feier- und Saufrevier" sichert den Einheimischen beachtliche Umsätze und jede Menge Arbeitsplätze.
Insel für Naturliebhaber und Ruhesuchende
Die größte der Baleareninseln hat aber viele verschiedene Gesichter. Zu Recht wird sie auch Insel der Stille genannt. Alternativtouristen finden Ruhe und Abgeschiedenheit in einer atemberaubenden Naturlandschaft. Über ein Drittel der Insel ist Landschaftsschutzgebiet. Im Tal um das Städtchen Sóller an der Wtsküste beeindrucken ausgedehnte Orangenplantagen, das komplett unter Naturschutz stehende Tramuntana-Gebirge bietet Wanderern beeindruckende Naturspektakel. Mallorca ist vielseitig, die Insel verfügt über wunderschöne Landschaften, farbenfrohe Berghänge und traumhafte Strände. Zudem kommen bei Bedarf auch die spanische Lebensart und Kultur nicht zu kurz. An vielen Orten, nicht zuletzt in der Universitäts- und Kulturstadt Palma, faszinieren Museen, Sehenswürdigkeiten und spanisches Leben fern des Pauschaltourismus.
Bei den Reichen und Schönen
Auf Mallorca existieren Parallelwelten. Eine dieser Welten beherbergt eine Menge Promis - von Sabine Christiansen über Jil Sander bis hin zu Michael Douglas. Sie alle haben hier zumindest ihren Zweitwohnsitz. Auch Politiker, Könige und deutsche Wirtschaftsgrößen ziehen sich zum Abschalten und Entspannen gern nach Mallorca zurück. Für Letztere sind Natur und Umgebung eher zweitrangig. Laut "Manager Magazin" schätzen sie vor allem die perfekte Infrastruktur der Insel: "Wenig Kriminalität, ausgebaute Straßen, gute Flugverbindung, hervorragende Restaurants und Golfplätze, viele deutsche Ärzte, keine Sprachprobleme". Hier müssen sie keine zivilisatorische Errungenschaft entbehren, sie sprechen Deutsch und treffen ihre Geschäftspartner beim Golf. Probleme gibt es höchstens bei den Bauvorhaben: Gegen Claudia Schiffers Bauprojekte protestierten Naturschützer und auch Boris Becker hatte Ärger mit den Baubehörden.
Andrea Schultens, Stand vom 14.12.2006
Sendung: Mallorca - Jenseits des Ballermanns, 10.01.2008











