Evolutionsforschung

Kreationismus – Schöpfung gegen Evolution

Die meisten Christen können ihren Glauben mit der Naturwissenschaft und der Evolutionstheorie vereinbaren. Nicht jedoch die sogenannten Kreationisten: Sie legen die Bibel wörtlich aus und halten die Evolutionstheorie daher für Gotteslästerung.

Von Alexandra Stober

Grundlage des Kreationismus: die Bibel

Bestimmte Gläubige – vor allem evangelikale Christen in den USA – vertreten die Ansicht, dass wissenschaftliche Aspekte für eine Schöpfung gemäß der jahrhundertealten schriftlichen Überlieferung sprechen und dass der biblische Schöpfungsbericht wörtlich zu nehmen ist.

In Europa reagiert man in der Regel mit Unverständnis und Spott, wenn wieder einmal über den Streit um die Evolutionstheorie in den USA berichtet wird. Allerdings gibt es auch in Deutschland kleine Gruppen, die im Kreationismus die Erklärung für die Entstehung der Erde sehen und die Evolutionstheorie ablehnen.

Aus Sicht der Kreationisten ist eines völlig eindeutig: Die Bibel liefert die Grundlage jeder Wissenschaft. Sie vertreten also nicht einfach eine unbelegbare religiöse Überzeugung, an die man glaubt oder nicht, sondern sie argumentieren wissenschaftlich. Und dabei beansprucht der Kreationismus, nicht nur eine alternative Wissenschaft zu sein, sondern die bessere.

Heute dominiert die Theorie des Kurzzeit-Kreationismus ("young earth creationism"), der die Schöpfungstage als Kalendertage auffasst. Demnach käme man auf ein Weltalter von 6000 bis maximal 12.000 Jahren. Diese Annahmen sind mit nahezu allen Feldern der Naturwissenschaft unvereinbar, also ist der Kreationismus gezwungen, beispielsweise Physik und Geologie neu zu konstruieren.

Seit 2007 haben die Kreationisten ein eigenes Museum | Bildquelle: dpa

Gegen Darwins Theorie

Entstanden ist die Kreationisten-Bewegung als Teil des protestantischen Fundamentalismus Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA – als Gegenbewegung zur neuzeitlichen Naturforscherbewegung zum Erdalter und zur Evolutionstheorie. Sie lehnt insbesondere die Theorie von Charles Darwin ab, wonach Arten durch natürliche Selektion entstehen und nicht durch Gott erschaffen wurden.

Im Jahr 1921 wurde in Kentucky zum ersten Mal eine Gesetzesvorlage eingebracht, nach der es verboten sein sollte, die Abstammung des Menschen von Tieren an staatlichen Schulen zu lehren. Zwischen 1921 und 1929 gab es ähnliche Vorlagen in 31 Staaten.

Tennessee verbietet die Lehre von Darwin (am 13.3.1925) WDR ZeitZeichen 13.03.2015 14:42 Min. Verfügbar bis 10.03.2025 WDR 5

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Höhepunkt des gerichtlichen Streits war der "Affenprozess" von Dayton in Tennessee im Jahr 1925, bei dem ein Lehrer stellvertretend für aufklärerische Gruppen einen Musterprozess gegen den US-Bundesstaat führte, der kurz zuvor verboten hatte, Darwins Evolutionstheorie zu lehren.

Im Prozess wurde zwar gegen den Lehrer entschieden, das Urteil jedoch wegen Formfehlern wieder aufgehoben. Für die Kreationisten stellte die öffentliche Debatte über den Prozess eine Niederlage dar, denn ihre Ansichten wurden dabei weltweit der Lächerlichkeit preisgegeben.

Kreationismus als Teil des Biologieunterrichts

Dennoch verschwand der Kreationismus keineswegs. Gemessen an der "entschiedenen Ablehnung" der Evolutionstheorie vertreten im Jahr 2016 in den USA mehr als 40 Prozent den Standpunkt der Kreationisten, was wesentlich mehr Menschen als in jedem anderen westlichen Industriestaat sind.

Evangelikale Gruppen betreiben seit langem politische Lobbyarbeit, um zu erreichen, dass der Kreationismus an den Schulen als gleichberechtigte Alternative zur Evolutionstheorie unterrichtet wird.

Sie konnten sogar den damaligen US-Präsidenten George W. Bush für diese Forderung gewinnen: Er sprach sich 2005 dafür aus, dass die Lehre vom "Intelligent Design" als gleichwertig mit der Evolutionstheorie in den Schulen im Fach Biologie gelehrt werden sollte.

Unter "Intelligent Design" versteht man die kreationistisch geprägte These, dass die Entstehung des Universums und des Lebens am besten durch eine Intelligenz – einen Schöpfer – erklärt werden kann und nicht durch einen von Steuerung freien Vorgang wie Mutation und Selektion.

Im US-Bundesstaat Kansas wird inzwischen tatsächlich "Intelligent Design" gleichberechtigt neben der Evolutionslehre in den Schulen unterrichtet.

Kreationisten fordern: die Bibel in die Schule | Bildquelle: Mauritius

Kreationismus in Deutschland

Auch wenn der Kreationismus in Deutschland kaum in der Öffentlichkeit präsent ist und seine Ideen belächelt werden: In einem Teil der evangelikalen Bewegung und in vielen Freikirchen in Deutschland gehört der Kreationismus inzwischen zur Weltdeutung. Hier hält man es für selbstverständlich, dass die Bibel recht hat und die Naturwissenschaft unrecht.

Die wichtigste kreationistische Organisation im deutschen Sprachraum ist die 1979 von Theodor Ellinger und Horst W. Beck gegründete Studiengemeinschaft "Wort und Wissen" mit Sitz in Baiersbronn.

Im freikirchlichen Raum hat sie sich als Autorität für die Ablehnung der Evolutionstheorie etabliert. Ein Kreis von mehreren tausend Personen unterstützt "Wort und Wissen", und sie ist vermutlich die personell und wissenschaftlich am besten ausgestattete kreationistische Organisation in Europa.

(Erstveröffentlichung 2008. Letzte Aktualisierung 02.06.2020)