Was ist das "Ich"?

Darstellung eines menschlichen Gehirns

Hirnforschung

Was ist das "Ich"?

Das Gehirn bestimmt nicht nur unsere Wahrnehmung der äußeren Welt, sondern auch den Blick auf uns selbst. Alles, was wir erleben, wird durch neuronale Zustände unseres Gehirns repräsentiert. Doch wer sind wir dann selbst?

"Ich" und Körper

Zu jeder Empfindung von der Welt, von uns selbst, unseren Gefühlen und Wahrnehmungen gibt es Muster von Aktivitäten der Nervenzellen im Gehirn, die genau diesem jeweiligen Zustand entsprechen. Das jedenfalls legen die Forschungen der Neurowissenschaftler nahe. In unserer alltäglichen Erfahrung ist ein Gefühl von "Ich" fast immer anwesend. Dieses "Ich" ist permanent in Bewegung und scheint unsere Handlungen zu steuern. Doch noch lässt sich unser Selbstgefühl wissenschaftlich nicht erklären.

Selbst unseren Körper können wir nicht unmittelbar wahrnehmen. Vielmehr wird auch das Empfinden einer körperlichen Identität in verschiedenen Arealen des Gehirns erzeugt. Ein berühmtes Beispiel für die fehlerhafte Repräsentation des Körpers sind die sogenannten Phantomschmerzen. Menschen, denen Gliedmaßen amputiert wurden, empfinden nicht selten Schmerzen in eben den Körperteilen, die sie gar nicht mehr haben. Für das Gefühl "mein Arm" oder "mein Bein" ist die tatsächliche Existenz des entsprechenden Körperteils offenbar gar nicht notwendig.

Auch der umgekehrte Fall ist in der Neuromedizin bekannt: Patienten können das Empfinden haben, dass bestimmte Körperteile nicht Teil ihrer selbst sind. Der eigene Arm oder das eigene Bein werden als störender Fremdkörper empfunden. Für unser Gefühl von Identität ist der Körper jedoch sehr wichtig: Experimente zeigen, dass in dem Augenblick, in dem ein Proband das Wort "Ich" denkt, jene Areale im Gehirn besonders beansprucht werden, die für das Körperempfinden verantwortlich sind.

Symbolische Grafik mit einem aufgeschnittenen Kopf, in dem Zahnräder rotieren. Zuschauer blicken in den offenen Kopf

Wie finden wir heraus, was das "Ich" ist?

Doch neurologische Defekte wie die beschriebenen zeigen, wie wenig stabil selbst dieser scheinbar noch greifbare und klare Bezug von Körper und "Ich" ist. Denn theoretisch kann das Gehirn ein Körpergefühl auch ohne vorhandenen Körper erzeugen und umgekehrt auch Körperteile steuern und am Leben erhalten, ohne dass wir sie als Teil unseres Selbst wahrnehmen.

Eindrucksvoll zeigen unsere Träume, wie groß die schöpferischen Fähigkeiten des Gehirns sind, auch in Hinblick auf die Identität. In Träumen können wir uns selbst als andere Personen erleben, als körperlos oder ausgestattet mit geträumten körperlichen Merkmalen, die gänzlich verschieden sind von den tatsächlichen. Das Gefühl eines "Ich" kann das Gehirn solchen geträumten Figuren ohne Weiteres überstülpen oder entziehen.

Künstliche Erweiterung des Körpers

Die Abbildung eines normal entwickelten menschlichen Gehirns.

Steckt hier irgendwo das "Ich"?

Ob die starke Überzeugung unserer Identität nun zwangsläufig mit dem Körper verbunden ist oder nicht: Auf jeden Fall scheint sich der Körper auf Grund seiner Ausdrucksmöglichkeiten mit dem Ich-Empfinden zu verknüpfen. Er ist das wichtigste und unmittelbarste Instrument unserer Handlungen.

Doch selbst in dieser Funktion lässt sich das Verhältnis von Körper und "Ich" verschieben. Das zeigen etwa Untersuchungen bei Blinden, die gewohnheitsmäßig einen Blindenstock zur Orientierung verwenden: Nach einer gewissen Zeit wird der Stock häufig als eine Art Körperteil empfunden.

Noch extremer zeigen sich diese Verschiebungen bei einem Experiment, in dem Hirnströme bei unterschiedlichen Gedanken gemessen werden: Die verschiedenen Aktivitätsmuster, die im Gehirn entstehen, wenn ein Proband "Ich nehme den Arm nach oben" oder "Ich nehme den Arm nach unten" denkt, können die Wissenschaftler erkennen und auf einem Computer so übersetzen, dass der entsprechende Gedanke mit einer Cursor-Bewegung auf dem Bildschirm verkoppelt wird.

Auf diese Weise können Probanden nur durch ihre Gedanken etwa ein einfaches Computerspiel steuern. Die an sich schon spektakuläre Konstruktion des Experiments hatte bei vielen Versuchspersonen noch einen Nebeneffekt: Sie empfanden nach einiger Zeit den Cursor auf dem Monitor als Teil ihrer selbst.

Steuern oder gesteuert werden?

Mikroskopische Aufnahme von Zellen im Gehirn.

Die Aktivität der Hirnzellen lässt das "Ich" entstehen

Auch psychologisch lässt sich der Begriff des "Ich" nicht eindeutig klären. Einig sind sich die meisten Wissenschaftler, dass das "Ich" keine konstante Größe ist, sondern aus verschiedenen Faktoren besteht, die sich in ihrer Zusammensetzung und Gewichtung auch verändern und unterscheiden können. Eine allgemeine Definition des Begriffs aber gibt es nicht. Was erstaunlich scheint, wenn man bedenkt, wie präsent uns selbst das Gefühl der eigenen Identität ist.

Die meisten psychisch gesunden Menschen erleben das "Ich" als die Steuerzentrale der eigenen Person. Doch die Hirnforschung hat eine solche Institution in den Hirnarealen nicht ausmachen können und es gilt als höchstwahrscheinlich, dass es keinen fixen Ich-Punkt im Gehirn gibt. Das Ich-Bewusstsein entsteht vermutlich im Großhirn, aber als dynamischer Prozess und nicht in Form eines starren Musters.

Vor allem zeigen die Untersuchungen der Hirnforschung, dass es kein Indiz dafür gibt, dass dieses "Ich" anderen Hirnfunktionen vorgeschaltet ist. Unser alltägliches Gefühl "Ich habe ein Gehirn, das ich benutze" könnte von der Hirnforschung durchaus in das Gegenteil umformuliert werden: Das Gehirn erst erzeugt ein "Ich", weil es eine bestimmte Funktion damit verknüpft.

Manche Hirnforscher sind der Meinung, dass das Gehirn ein "Ich" entwickelt hat, weil sich dadurch die Überlebensfähigkeit des Menschen enorm verbessern konnte: Das "Ich" wird zu einer Unterfunktion eines höchst komplexen Systems, des Gehirns eben.

Autor: Malte Linde

Stand: 12.05.2016, 10:00

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