Überfischung der Meere

Meer

Überfischung der Meere

In den 1950er Jahren schien der Reichtum der Meere nahezu unerschöpflich. Doch innerhalb weniger Jahrzehnte haben es die Menschen geschafft, die Bestände der wichtigsten Speisefische bis auf einen Bruchteil der früheren Fülle zu plündern. Viele Fischvorkommen sind bereits ganz zusammengebrochen. Aber die Situation ist nicht ausweglos. Einige Länder haben bereits gezeigt, dass sich die Meerestiere durch ein nachhaltiges Fischereimanagement wieder erholen können.

Das Märchen vom unendlichen Reichtum der Meere

Wer zu Beginn des 20. Jahrhunderts behauptet hätte, der Fisch in den Meeren könne einmal so gut wie verschwinden, wäre für verrückt erklärt worden. In den 1950er Jahren, nach der Zwangspause der beginnenden industriellen Fischerei durch den Zweiten Weltkrieg, erschienen die Fischbestände noch unendlich. Viele glaubten sogar, dass das Meer die Ernährung der stetig wachsenden Weltbevölkerung auf Dauer sichern könnte. Man müsse den Fisch nur herausfangen.

Doch der technische Fortschritt eroberte nicht nur die Kontinente, sondern auch die Meere. Innerhalb weniger Jahrzehnte breitete sich der industrielle Fischfang von den klassischen Fischereigebieten auf der Nordhalbkugel über alle Meere aus.

Tote Thunfischkörper hängen gebündelt an einem Kran. Arbeiter eines großen Fischereibootes schauen dabei zu.

Der Reichtum ist bald erschöpft

Immer größere Fangschiffe mit immer größeren Motoren konnten immer größere Netze ausbringen. Und das mit Präzision. Wo früher scharfkantige Riffe und Wracks großzügig umfahren werden mussten, um die teuren Netze nicht zu gefährden, sorgen heute hochsensible 3D-Sonargeräte, digitale Karten und Satellitennavigation für metergenaues Befischen.

Auf dem freien Meer können große Fischschwärme geortet, umfahren und bis auf das letzte Exemplar erbeutet werden. Selbst die Tiefsee wird davor nicht mehr verschont: Die Fischer lassen ihre Netze heute bis zu 2000 Meter hinab in die Tiefe.

Gefährliche Gier nach Fisch

Innerhalb der vergangenen 60 Jahre hat sich die Menge des gefangenen Fisches vervierfacht - von 12,8 Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf 52,1 Millionen Tonnen im Jahr 2011. Addiert man auch die Fänge von Garnelen, Muscheln oder Tintenfischen hinzu, ergeben sich noch deutlich größere Fangmengen. Die jährliche marine Gesamtfangmenge liegt seit circa zwei Jahrzehnten stets bei etwa 80 Millionen Tonnen, berichtet die Welternährungsorganisation.

Die Folge: Der Bestand der großen Speise- und Raubfische wie Thunfisch, Schwertfisch und Hai ist um 90 Prozent zurückgegangen. Gerade die für die Fortpflanzung so wichtigen Altfische, die durch ihre Größe viele Nachkommen zeugen könnten, fehlen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation gelten mehr als die Hälfte aller Fischbestände als bis an die biologische Grenze befischt. Weitere 30 Prozent sind bereits völlig erschöpft. In den europäischen Fanggebieten ist die Situation noch dramatischer: Hier gelten 47 Prozent der Bestände als überfischt (Stand: 2012).

Dubiose Praktiken

Trotz immer ausgefeilterer Techniken wird in vielen Punkten heute noch gefischt wie zu Urgroßvaters Zeiten. Bei vielen Methoden wird kaum Rücksicht auf die Natur genommen. So sieht der Fischer erst dann, was er im Netz hat, wenn der Fang sterbend an Bord liegt. Fischt er mit feinen Netzen auf kleine Fische, sterben als sogenannter Beifang allzu oft auch Jungfische größer werdender Arten, ohne dass diese sinnvoll genutzt werden können.

Werden Netze über den Grund geschleppt, geraten dort auch Krabben, Seesterne und andere Meerestiere hinein. Und was nicht ins Netz gerät, weil es - wie etwa Muscheln - festsitzt, wird von den Rollen der Netze oder den Metallketten, die zum Aufscheuchen am Boden lebender Arten dienen, zerschlagen. In der Nordsee pflügen solche Netze weite Bereiche bis zu dreimal jährlich förmlich um. Dadurch werden Seegraswiesen und in tieferen Bereichen wertvolle Kaltwasserkorallen zerstört - und damit auch die Kinderstuben der Jungfische.

Großer Nordseekutter mit Schleppnetzen.

Grundschleppnetze pflügen den Nordseeboden um

Wie viel Beifang genau ungenutzt wieder über Bord geht, weiß man bis heute nicht. Viele Staaten liefern nach wie vor nur sehr lückenhafte oder falsche Informationen über ihre Fischbestände und Fangmengen. Schätzungen von Wissenschaftlern gehen von durchschnittlich einem Drittel des Fanges aus. Beim Fischen von Scholle, Seezunge oder Krabben werden weit mehr als die Hälfte der gefangenen Lebewesen wieder ins Meer geworfen.

Hoffnungsschimmer am Meereshorizont

Jahrzehntelang wichen die Fischer auf immer neue, weiter entfernte Fischbestände aus, um ihre Netze zu füllen. Doch dies ist mittlerweile kaum mehr möglich, weil es  weltweit so gut wie keine wenig befischten Gebiete mehr gibt. Nach Berechnungen des UN-Umweltprogramms Unep ist spätestens 2050 weltweit keine kommerzielle Fischerei mehr möglich - werden die Fischbestände nicht stärker geschont. Würden wir unsere heimischen Wälder auf diese Weise ausnutzen, lebten wir längst in einer baumarmen Steppe.

Das Ausmaß der Katastrophe wird langsam, aber sicher auch der Politik und der Fischereiindustrie selbst bewusst. In den vergangenen Jahren hat dies zu strengeren Schutzmaßnahmen geführt. Vor allem bei der Tiefseefischerei vollzieht sich ein Wandel. Denn sie ist in zweifacher Hinsicht problematisch. Zum einen vermehren sich die Tiefseefischarten nur sehr langsam. Zum anderen schädigen die Grundschleppnetze die empfindlichen Lebensräume in der Tiefsee stark. Einige Staaten, wie Neuseeland und Australien, haben deshalb inzwischen Schutzgebiete eingerichtet. Dort darf in der Tiefsee entweder gar nicht mehr gefischt werden oder zumindest die Grundschleppnetzfischerei ist verboten.

In der EU muss der Beifang drastisch gesenkt werden

In der EU muss der Beifang drastisch gesenkt werden

In der Europäischen Union sieht eine im Frühjahr 2013 beschlossene Fischereireform vor, dass der Beifang in EU-Gewässern von 30 Prozent auf fünf Prozent gesenkt wird. Außerdem sollen bis 2015 die Bestände auf ein Niveau gebracht werden, das das langfristige Überleben der Fischarten sichert. Um eine nachhaltige Fischerei zu gewährleisten, werden zudem die Fangquoten in der EU nicht mehr nur auf ein Jahr festgesetzt. Stattdessen geben langfristig geplante Ziele den Tieren eine echte Chance zur Erholung.

In der Nordsee scheint sich diese Strategie bereits jetzt positiv ausgewirkt zu haben. Eine Studie des Hamburger Thünen-Instituts zeigt: Die Bestände von 18 verschiedenen Fischarten sind auf einem guten Niveau. Genauer: Die Menge an Fischen, die Fischereien jährlich fangen, wird durch die Populationen selbst wieder ersetzt. Im Jahr 2001 war dies nur bei fünf Arten der Fall. Zu den Fischen, deren Bestand sich erholte, zählen Scholle, Seelachs und auch Hering.

Autoren: Vladimir Rydl/Inka Reichert

Stand: 07.01.2016, 10:00