Reportage: Schießausbildung bei der Polizei
Keine Bewegung oder ich schieße!
Es war der 8. Juli 2007, André Mönsters erinnert sich genau. Sogar an die Uhrzeit. "Fünf vor acht", sagt der Polizist. "Person mit Messer in der Psychiatrie", lautete die Einsatzbeschreibung im Polizeijargon. Als Mönsters mit drei Kollegen auf die Station kommt, bedroht die "Person" das Pflegepersonal mit einem großen Messer. Die Polizisten rufen - da stürmt der Mann auf sie zu, das Messer hoch erhoben. "Ich stand vorne", berichtet Mönsters, "und ich hatte meine Waffe in der Hand." Der Mann ist noch zwei, drei Meter von ihm entfernt, da brüllt Mönsters: "Polizei, keine Bewegung oder ich schieße!" Und dann schießt er. Einmal nur. Der Mann bricht sofort zusammen. Die Polizisten fesseln ihn, drehen ihn um und Mönsters stellt fest: "Ich hatte die Hose getroffen, nicht den Menschen."
Wenn André Mönsters darüber spricht, spürt man seine enorme Erleichterung, dass es so glimpflich abgelaufen ist. "Es ist sicher schwerer zu verarbeiten, wenn die Person verletzt oder sogar getötet wird", sagt der Polizist. In der Situation selbst, sagt er, habe er keine Hemmungen gehabt und keine Angst. "In dem Moment denkt man nicht, man lässt das ablaufen, was man trainiert hat", erklärt Mönsters. "Da erfährt man erst, wie wirkungsvoll die Ausbildung ist." Die Erfahrung hat ihn in einem Entschluss bestärkt, den er zu diesem Zeitpunkt bereits gefasst hatte: Er wollte weg von der Straße, rein in den Klassenraum. Mönsters arbeitet mittlerweile beim "Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten" (LAFP) der Polizei in Selm-Bork.
Schießen/nicht schießen
Beim LAFP lernen Jahr für Jahr mehrere hundert junge Polizisten, mit ihrer Dienstwaffe umzugehen. Die Dienstwaffe - eine Walther P99 - erhält jeder Polizist am ersten Tag seiner Ausbildung und behält sie bis zur Rente, erklärt Klaus Niestadtkötter, Kursleiter am LAFP. "Gehörschutz auf! Pistole laden!", ruft Ausbilder Arndt Severing durch die Halle. "Übung für maximal fünf Schuss frei!" 14 Studierende - der Weg zur Polizei führt über ein Studium an einer Fachhochschule für öffentliche Verwaltung - absolvieren gerade ihr drittes Schießtraining. Eigentlich heißt der Kurs "Schießen/nicht schießen", erläutert Niestadtkötter. Denn: "Der Einsatz der Pistole ist in der Regel ein Nicht-Schießen." 828 so genannte "Schusswaffengebräuche" gab es im Jahr 2006 bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen (NRW) mit ihren rund 40.000 Beamten. "Davon 818 gegen Tiere, sieben Warnschüsse, zwei Verletzte, ein Getöteter", so Niestadtkötter. Auf Tiere schießen die Beamten etwa nach einem Wildunfall, erklärt der Experte, oder aber "bei Gefahr für Leib und Leben", wenn etwa ein wild gewordener Bulle aus dem Schlachthof heraus- und auf eine Gruppe von Fußgängern zurennt. Nicht nur das "Wie" wird bei der Schießausbildung trainiert, sondern auch das "Wann" und vor allem das "Wann nicht".
Respekt vor der Waffe
In der Schießhalle geht es zunächst aber doch um das "Wie". Erstmal muss die Atemtechnik stimmen: "Einatmen, zu zwei Dritteln ausatmen, dann ist der Körper ruhig und man hat die Zeit, in Ruhe zu schießen", erläutert Niestadtkötter. Eine Hand liegt am Griff, der Finger parallel zum Abzug, die andere Hand unterstützt. Die Waffe ist mit ihren gut 600 Gramm plus Munition schwerer, als man denkt; die jungen Polizisten spüren es nach jeder Übung in den Armen. Auch der Abzug lässt sich nur mit Kraft betätigen. "Spätestens nach dem ersten Schuss merkt man, was man da in der Hand hat", sagt Student Sören Schiwy. "Da lernt man Respekt vor der Waffe." Im Training schießen die jungen Polizisten auf Pappscheiben. Vier Rechtecke, übereinander angeordnet, oben ein Kreis. Aber sie schießen scharf. Maximal fünf Schuss, dann sollten die vier Rechtecke je einmal getroffen sein. "Wer den Kreis trifft, hat die Übung nicht erfüllt", erklärt Niestadtkötter. Der Kreis symbolisiert den Kopf. So sollte es auch in der Realität sein: Wenn ein Polizist tatsächlich mal auf einen Menschen schießen muss, dann sollte er das von unten nach oben tun. Aber auch da müsse man Realist bleiben, meint Niestadtkötter: "Wenn der 'ne Waffe zieht, fange ich nicht an, von unten zu schießen."
So realistisch wie möglich
"Hier auf die Pappe zu schießen, ist die eine Seite. Auf einen Menschen zu schießen, ist etwas ganz anderes", weiß Klaus Niestadtkötter. "Darauf kann ich hier nicht vorbereiten." Trotzdem wird genau das am LAFP versucht - so gut es eben geht. Erstmal lernen die Studierenden die Grundlagen: Schießen darf man nur "zur Abwehr einer gegenwärtigen Gefahr für Leib und Leben". Wird ein Mensch verletzt oder gar getötet, prüft das der Staatsanwalt. Dann folgt das Training mit den Pappscheiben. "Das wird immer realer", findet Student Till von der Meden. "Man merkt, dass es irgendwann sein kann, dass man auf einen Menschen schießt." - "Auch wenn sich das niemand wünscht", fügt Sören Schiwy hinzu. Schießen/nicht schießen.
Wenn die jungen Polizisten fit mit den Waffen sind, steht "Schießen unter einsatzähnlichen Bedingungen" auf dem Stundenplan. Auf einen Tennisball etwa, der an einer Schnur hin- und herpendelt. Oder aus der Hocke heraus, oder aus der Deckung. Relativ realistisches Training ermöglicht die RIVZA, die "rechnerunterstützte interaktive Video-Zieldarstellungs-Anlage": Eine Halle, 200 Meter lang, mit einer zehn Meter breiten Leinwand, auf der die Polizisten mit unterschiedlichsten Einsatzsituationen konfrontiert werden. In der Halle haben jede Menge Requisiten Platz, bis hin zu kompletten Polizeiautos. Die Anlage im LAFP Selm-Bork ist eine der größten in Europa und wird auch häufig von Einheiten des Sondereinsatzkommandos (SEK) zum Training benutzt.
Kollegen werden zu Kriminellen
Und dann gibt es noch Rollenspiele. Kollegen werden zu Kriminellen. Die Dienstwaffen werden gegen "Rotwaffen" vertauscht - die gleichen Waffen, mit rotem Gehäuse und ohne Munition. Dann bekommen die jungen Polizisten einen Einsatz und stehen zum Beispiel zu zweit einem Mann gegenüber, der mit einem Messer auf sie losstürmt. Jetzt müssen sie sich überlegen: Nehm' ich das Pfefferspray oder ziehe ich die Waffe? 155 Stunden Schießtraining haben die Studierenden am Ende ihrer Ausbildung mitgemacht. Mit der "Walther P99" und mit der Maschinenpistole MP5. 155 Stunden Schießen/nicht Schießen. Im Polizeialltag sollten jedes Jahr nochmals 24 Stunden Einsatztraining hinzukommen. "Das Training hebt die Hemmschwelle eher, als dass es sie senkt", ist Klaus Niestadtkötter überzeugt. "Hier werden jedenfalls keine Killer ausgebildet."
Katrin Lankers, Stand vom 17.03.2008
Sendung: Pistolen und Gewehre, 20.08.2008










