Wie der Mensch ein Zweibeiner wurde
Planet Wissen (PW): Was ist das Besondere an der Evolution des Menschen, bezogen auf die Fortbewegung?
Carsten Niemitz (C.N.): Der Mensch ist ja sehr dadurch charakterisiert, dass er ein aufrechtes Tier ist. Das ist im Tierreich außerordentlich selten. Unter Säugetieren gibt es überhaupt keinen Aufrechtgänger. Wir sind die einzige Säugetierart, die aufrecht geht. Und das ist eigentlich sehr schlecht. Denn so etwas ist wahrscheinlich ein Experiment der Evolution, bei dem man eigentlich - auch daher, dass sich das so schnell entwickelt hat - recht sicher davon ausgehen kann, dass wir eine Tierart sind, die sich auf Dauer in der Natur nicht bewährt. Die einzigen Aufrechtgeher, die es gibt, sind Pinguine. Aber die sind zehn Monate im Jahr Wassertiere, und sie kommen nur an Land, weil sie im Wasser ihre Eier nicht ausbrüten können. Das tun sie sehr ungern, aber es muss sein. Bei ihnen hat das aufrechte Gehen Gründe, die mit der menschlichen Konstruktion überhaupt nicht vergleichbar sind. Sie sind ja keine Läufer und watscheln dann sehr unbeholfen. Der Mensch ist eine sehr absonderliche Konstruktion.
PW: Wenn es so eine "absonderliche Konstruktion" ist, wieso hat sich dann der aufrechte Gang entwickelt?
C.N.: Als erstes gibt es die Annahme, dass sich der Mensch irgendwann in der Savanne hingestellt hat und dann weiter gucken konnte. Das ist aber kein Grund, aufrecht zu gehen. Alle Paviane, die das tun, gehen hinterher wieder auf vier Füßen und sind dann viel schneller, als sie aufrecht gehen können. Die Frage, die man immer bei all diesen Theorien stellt, ist: Warum haben sich die Affen aufgerichtet? Das ist aber die falsche Frage. Die Frage muss heißen: Warum sind sie stehen geblieben?
Dann sind da die Theorien mit dem Werkzeugtragen und dem Kindertragen: Die erstgenannte kann man direkt streichen, weil die ersten Werkzeuge so etwa zwei Millionen Jahre alt sind und der aufrechte Gang mindestens vier Millionen Jahre alt ist. Es waren also zwei Millionen Jahre Evolution vom Erwerb des aufrechten Ganges bis zu den ersten Werkzeugen. Auch die Theorie mit dem Kindertragen ist inzwischen durch Untersuchungen widerlegt. Diese ganzen Hundsaffen und auch Schimpansen lassen ihre Jungen reiten. Diese Art des Tragens ist so optimal, dass es auch keinen Grund gab, das aufzugeben. Das aufrechte Gehen und Tragen eines Kindes ist dagegen ein unheimliches Handicap. Die Mutter mit dem Baby auf dem Arm verpasst die U-Bahn, der Pavian mit dem Baby auf dem Rücken nicht (lacht).
PW: Gibt es noch weitere Theorien?
C.N.: Da ist noch die Sache mit der Einstrahlung aus den 80er Jahren, eine viel beachtete Theorie. Da wird behauptet, der aufrechte Gang hängt damit zusammen, die Sonnenhitze in Afrika zu vermeiden. Indem man sich in der Mittagszeit aufrichtet, wenn die Sonne am stärksten ist, bekommt man weniger ab. Das trifft dann aber nur für die Mittagsstunden zu - vorher und nachher ist es egal, da bringt das aufrechte Gehen keinen Vorteil. Das ist auch so eine monokausale Theorie - wie die, dass sich der Mensch aufgerichtet hat, um an hohe Ähren zu kommen. Das erklärt aber auch nicht das dauerhafte aufrechte Gehen. Und dann gibt es schließlich noch eine Theorie, die ist rund 15 Jahre alt, da geht es um Imponierverhalten - so wie die Gorillas zum Beispiel aufstehen und Brust-Trommeln machen. Das sind aber nur wenige Sekunden pro Tag, die nicht dafür sorgen können, dass man gewohnheitsmäßig aufrecht geht.
PW: Warum tut der Mensch es dann heute trotzdem?
C.N.: Ja, das ist genau die Frage: Wie kommt das, wenn es doch unter unseren Vorfahren eine ganze Reihe von Affen gab, die vierfüßig so flink waren und so gut klettern konnten? Das kann nur eine Theorie erklären, die nicht monokausal ist, sondern sehr viele Disziplinen als Begründungen heranzieht und damit auch wirklich die Definition einer Theorie erfüllt. Und das trifft eben auf die Ufertheorie zu. Diese besagt: Ergebnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen - zum Beispiel aus der Psychologie: Urlaubsverhalten, Freizeitverhalten der Menschen - belegen, dass wir eine Sehnsucht nach Wasser, eine Sehnsucht zum Ufer haben, die genetisch bedingt ist. Denn sie ist kulturübergreifend. Und diese Sehnsucht haben wir wegen der Selektionsfaktoren. So war es in der Evolution günstig, im Wasser zu waten und dort nach Nahrung zu suchen, weil es dort die beste Nahrung gab. Und es war ein sicherer Lebensraum, man konnte sehr schnell zu den Schlafbäumen. Also, Waldszenerie mit Wasser ist die geeignetste Szenerie, um watend aufrecht zu gehen. Es ist die Theorie, die am ehesten erklärt, wie die Nachteile eines angepassten Vierfüßers zu einem Zweifüßer überwunden wurden - sonst kriegen wir die Hürde nicht. Die Evolution des Menschen zum aufrechten Gang ist also im Flachwasser abgelaufen. Und die langen Beine kamen dann später zustande, weil es beim Waten günstiger ist, wenn man lange Beine hat. Für eine Evolution an Land gibt es dagegen keinen Grund, längere Beine zu bekommen.
PW: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Gorillas und Schimpansen heute evolutiv moderner sind als der Mensch. Warum?
C.N.: Weil der Mensch in sehr vielen Zügen sehr konservativ ist. Wenn man sich die Hand eines Gorillas oder eines Schimpansen ansieht - die ist sehr spezialisiert. Unsere Handproportion ist das nicht, wir haben eine Hand für alles. Wir können alles damit machen, und dass wir das so gut machen können, liegt wiederum an der Evolution unseres Gehirns. Unser Darmtrakt und unser Gebiss sind auch sehr konservativ. Die Affen sind sehr spezialisiert Vegetarier geworden, mit einem kleinen Teil fleischlicher Nahrung. Ein Orang-Utan hat Schmelzfalten - wenn man dem noch zehn Millionen Jahre Zeit lässt, dann hat er ein Gebiss wie ein Elefant oder ein Pferd, also wie ein Tier, das harte Pflanzennahrung schreddert. Was bei uns sehr modern geworden ist, sind die Hinterextremitäten - Becken und Fuß - und das Gehirn. Daran sieht man eben, dass jede Tierart ihren eigenen Weg geht und in diesem eigene neue Fähigkeiten erwirbt und andere beibehält.
Interview: Alexandra Stober, Stand vom 15.04.2008






