Kreationismus - Schöpfung gegen Evolution
Grundlage des Kreationismus: die Bibel
In Europa reagiert man in der Regel mit Unverständnis und Spott, wenn wieder einmal über den Streit um die Evolutionstheorie in den USA berichtet wird. Allerdings gibt es auch in Deutschland kleine Gruppen, die im Kreationismus die Erklärung für die Entstehung der Erde sehen und die Evolutionstheorie ablehnen. Aus Sicht der Kreationisten ist eines völlig eindeutig: Die Bibel liefert die Grundlage jeder Wissenschaft. Sie vertreten also nicht einfach eine unbelegbare religiöse Überzeugung, an die man glaubt oder nicht, sondern sie argumentieren wissenschaftlich. Und dabei beansprucht der Kreationismus, nicht nur eine alternative, sondern die bessere Wissenschaft zu sein.
Heute dominiert die Theorie des Kurzzeit-Kreationismus ("young earth creationism"), der die Schöpfungstage als Kalendertage auffasst. Danach kommt man auf ein Weltalter von 6000 bis maximal 12.000 Jahren. Diese Annahmen sind mit nahezu allen Feldern der Naturwissenschaft unvereinbar, also ist der Kreationismus gezwungen, beispielsweise Physik und Geologie neu zu konstruieren.
Gegen Darwins Theorie
Entstanden ist die Kreationisten-Bewegung als Teil des protestantischen Fundamentalismus Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA - als Gegenbewegung zur neuzeitlichen Naturforscherbewegung zum Erdalter und zur Evolution. Sie lehnt insbesondere die Theorie Charles Darwins ab, dass Arten durch natürliche Selektion entstehen und nicht durch Gott erschaffen wurden. Im Jahr 1921 wurde in Kentucky zum ersten Mal eine Gesetzesvorlage eingebracht, nach der es verboten sein sollte, die Abstammung des Menschen von Tieren an staatlichen Schulen zu lehren. Zwischen 1921 und 1929 gab es ähnliche Vorlagen in 31 Staaten.
Höhepunkt des gerichtlichen Streits war der "Affenprozess" von Dayton in Tennessee im Jahr 1925, bei dem ein Lehrer stellvertretend für aufklärerische Gruppen einen Musterprozess gegen den US-Bundesstaat führte, der kurz zuvor verboten hatte, Darwins Evolutionstheorie zu lehren. Im Prozess wurde zwar gegen den Lehrer entschieden, das Urteil jedoch wegen Formfehlern wieder aufgehoben. Für den Kreationismus stellte die öffentliche Debatte über den Prozess eine Niederlage dar, denn seine Ansichten wurden dabei weltweit der Lächerlichkeit preisgegeben.
Kreationismus als Teil des Biologieunterrichts
Dennoch verschwand der Kreationismus keineswegs. Gemessen an der "entschiedenen Ablehnung" der Evolutionstheorie vertreten im Jahr 2006 in den USA 32 Prozent den Standpunkt der Kreationisten, was wesentlich mehr Menschen als in jedem anderen westlichen Industriestaat sind. Evangelikale Gruppen betreiben seit langem politische Lobbyarbeit, um zu erreichen, dass der Kreationismus an den Schulen als gleichberechtigte Alternative zur Evolutionstheorie unterrichtet wird. Sie konnten sogar den damaligen US-Präsidenten George W. Bush für diese Forderung gewinnen: Er sprach sich im August 2005 dafür aus, dass die Lehre vom "Intelligent Design" als gleichwertig mit der Evolutionstheorie in den Schulen im Fach Biologie gelehrt werden sollte. Unter "Intelligent Design" versteht man die kreationistisch geprägte These, dass die Entstehung des Universums und des Lebens am besten durch eine Intelligenz - einen Schöpfer - erklärt werden kann und nicht durch einen von Steuerung freien Vorgang wie Mutation und Selektion. Im US-Bundesstaat Kansas wird inzwischen tatsächlich "Intelligent Design" gleichberechtigt neben der Evolutionslehre in den Schulen unterrichtet.
Kreationismus in Deutschland
Auch wenn der Kreationismus in Deutschland kaum in der Öffentlichkeit präsent ist und seine Ideen belächelt werden: In einem Teil der evangelikalen Bewegung und in den meisten Freikirchen in Deutschland gehört der Kreationismus inzwischen zur Weltdeutung. Hier hält man es für selbstverständlich, dass die Bibel Recht und die Naturwissenschaft Unrecht hat. Die wichtigste kreationistische Organisation im deutschen Sprachraum ist die 1979 von Theodor Ellinger und Horst W. Beck gegründete Studiengemeinschaft "Wort und Wissen" mit Sitz in Baiersbronn. Im freikirchlichen Raum hat sie sich als Autorität für die Ablehnung der Evolutionstheorie etabliert. Ein Kreis von mehreren tausend Personen unterstützen "Wort und Wissen", und sie ist vermutlich die personell und wissenschaftlich am besten ausgestattete kreationistische Organisation in Europa.
Alexandra Stober, Stand vom 11.05.2011
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