"Felidae" - ein außergewöhnlicher Katzenkrimi
Mit der Geldnot kommt die Idee zu "Felidae"
Akif Pirincci kam 1959 in der türkischen Metropole Istanbul zur Welt. Er wuchs in der Eifel auf und fühlte sich schon als Teenager zum Schriftsteller berufen. Mit 14 nahm er an einem Autorenwettbewerb des Bayerischen Rundfunks teil, gewann und durfte seinen ersten Kurzfilm drehen. Wenig später erhielt er für eine seiner vertonten Geschichten den Hörspielpreis des Hessischen Rundfunks. Seinen ersten großen Roman, "Tränen sind immer das Ende", legte Pirincci mit 20 Jahren vor. Als Pirincci sein Schriftstellerleben in professionelle Bahnen lenkte, zog er in die Bonner Südstadt, wo er auch heute noch lebt und einen schönen Altbau bewohnt. Bevor er durch die hohen Verkaufsauflagen seiner Katzenkrimis ein gutes Auskommen hatte, musste der freie Autor einige finanzielle Engpässe überstehen. So auch Ende der 1980er.
Mit einem neuen und ungewöhnlichen Roman, so hoffte Pirincci, könnte er vielleicht Erfolg haben. "Ich wollte einen besonderen Krimi schreiben", sagt Pirincci rückblickend. "Keinen Allerweltskrimi, sondern einen, bei dem ein ungewöhnlicher Detektiv die Hauptrolle spielen sollte. Mir schwebte zunächst ein Ermittler aus dem Obdachlosenmilieu vor, doch die Idee verwarf ich dann wieder. Mir musste irgendetwas Verrücktes einfallen. Und dann half der Zufall. Ich beobachtete meinen Kater Cujo, wie er durch die Hinterhöfe meines Viertels schlich. Und da war mir klar, ein Kater wie Cujo sollte der Detektiv in meinem neuen Krimi werden."
Die Welt der Katzen
Pirincci ließ sich von seinem direkten Wohnumfeld inspirieren. Die Bonner Südstadt ist geprägt von alten eleganten Wohnblocks, die aus der Gründerzeit stammen. Hinter den historischen Fassaden haben die Räume hohe Decken und jedes Haus verfügt über einen Hinterhof, der durch mannshohe Mauern vom Nachbargrundstück getrennt ist. In dieser Kulisse sollte seine Geschichte spielen. Und noch etwas war Pirincci ganz klar, wie er sagt: "Die Katzen in meinem Krimi sollten keine Pistolen tragen und in der Gegend herumballern. Sie sollten auch nicht im Auto sitzen und sich wilde Verfolgungsjagden liefern. Meine Geschichte sollte ein wirklicher Katzenkrimi werden, der in der Welt der Katzen spielt und in der die Katzen sich auch wie Katzen benehmen." Nach Pirinccis Vorstellung sollten Kämpfe mit Krallen und Zähnen ausgetragen werden, die Handlungen der vierbeinigen Protagonisten sollten katzengerecht sein und nicht denen des gestiefelten Märchenkaters gleichen, der sich wie ein Mensch bewegt. Die Welt der Katzen sollte von der Menschenwelt abgegrenzt sein. Es gibt zwar ein Miteinander von Mensch und Tier, schließlich hat Francis, der Titelheld, einen menschlichen Besitzer, aber ein sprachlicher Austausch findet nicht statt. Mensch und Tier bewegen sich wie in Parallelwelten, die verzahnt, aber nicht deckungsgleich sind. Das war die Grundlage, auf der "Felidae", der Katzenkrimi, entstand.
Felidae wird zum Bestseller
Felidae ist der wissenschaftliche Begriff für die Gattung der Katzen. Dass Pirincci diesen Titel für seinen ersten Katzenkrimi wählte, kam nicht von ungefähr. Der Autor merkte schnell, dass er sehr intensiv recherchieren musste, wollte er Charaktere und Verhalten der einzelnen Katzen, die in seinem Roman eine Rolle spielten, katzengerecht treffen. Bei seinen Vorstudien fand er interessante und außergewöhnliche Dinge über Katzen heraus, die er auch in die Handlungen seines Erstlingswerks und in die der nachfolgenden Romane einbaute. Viele seiner Rechercheergebnisse fügte er in einem Anhang seinen sieben Katzenkrimis an. Dadurch erfahren die Leser Details über den stark ausgeprägten Geruchssinn von Katzen, über den Hintergrund der sprichwörtlichen Reinlichkeit der Vierbeiner, aber auch etwas über ihr Kopulationsverhalten. Denn Sexszenen, die gibt es auch in "Felidae", Katzensex.
"Felidae" und die Fortsetzungsromane unterscheiden sich durch ihre katzenspezifische Authentizität sehr stark von der herkömmlichen Katzenliteratur. Das war wohl auch der Grund, warum es Pirincci zunächst sehr schwer fiel, einen Verlag für seinen Katzenkrimi zu finden. "So etwas will doch niemand lesen", lautete der Grundtenor bei den Verlagslektoraten. "Das sei weder etwas für Kinder noch für Erwachsene". Und auch der Verlag, der das Buch schließlich veröffentlichte, ging zunächst einmal vorsichtig damit um. In einer sehr kleinen Erstauflage von nur 7000 Exemplaren ging "Felidae" in die Buchläden. Als sich der Roman dann aber entgegen allen Erwartungen zu einem Bestseller entwickelte, konnte der Verlag mit den Nachdrucken die hohe Nachfrage gar nicht schnell genug decken.
Francis lernt laufen
Durch den großen Erfolg der Buchausgabe von "Felidae", die sich weltweit millionenfach verkaufte, kam ein Filmproduzent auf die Idee, aus dem Katzenkrimi einen Animationsfilm zu machen. Mit sehr hohem Aufwand zeichnerisch in Szene gesetzt und mit erstklassigen Schauspielern vertont, kam "Felidae" 1994 unter der Regie von Michael Schaack in die Kinos. Umgerechnet acht Millionen Euro hatte das Projekt verschlungen. Wie "Felidae"-Erfinder Pirincci zur filmischen Umsetzung seiner Romanvorlage steht, schildert er so: "Kater Francis, die Hauptfigur, musste für den Film unbedingt ein hübscher und sympathischer Kater sein. Ich hätte mir den aber eigentlich etwas hintergründiger gewünscht. Aber zu 80 Prozent bin ich mit dem Film zufrieden. Ich habe mich mit dem Drehbuchautor Martin Kluger und mit dem Regisseur Michael Schaack sehr gut verstanden. Und dann haben sie mich auch nach Hamburg eingeladen, wo die Filmszenen entstanden sind. Das war für mich ein unfassbares Gefühl, in dem riesigen Atelier zu stehen, wo 30 Menschen saßen, um das zu zeichnen, was in meinem Kopf einmal vorgegangen ist. Auch die Synchronsprecher waren fantastisch. Ulrich Tukur, Helge Schneider, Uwe Ochsenknecht, Klaus Maria Brandauer und nicht zu vergessen Mario Adorf. Der hat sie alle geschlagen. Der hat die Rolle des Blaubart gesprochen, ein richtiger Straßen- und Hinterhofkater, der zum Freund von Francis wird. Immer, wenn ich heute die Stimme von Adorf im Fernsehen höre, dann denke ich, he Blaubart, was machst Du denn da?"
Alfried Schmitz, Stand vom 09.06.2011
Sendung: Mythos Samtpfote - Die Katze und ihr Mensch, 10.06.2011








