Interview mit Professor Christoph Strohm
Planet Wissen (PW): Wie war das Verhältnis der Evangelischen Kirche zu den Nationalsozialisten?
Prof. Christoph Strohm (C. S.): Die Evangelische Kirche stand nicht von Anfang an in klarem Gegensatz zum Nationalsozialismus. Deutschland fühlte sich durch den Versailler Frieden gedemütigt, Stichwort "Alleinschulderklärung". Man fühlte sich durch sehr hohe Reparationszahlungen ausgeplündert. Man hatte das Gefühl, die etablierten Westmächte England und Frankreich versuchten, die Bildung einer deutschen Nation zu verhindern. Diese Wahrnehmungen reichten weit in die Evangelische Kirche hinein. Und plötzlich kamen Leute, die sagten: "Wir befreien euch von all dieser Knechtung." So gab es durchaus Zustimmung zu den Zielen des Nationalsozialismus. Die Brutalität der NS-Führer wurde auch von führenden Kirchenvertretern vielfach nicht durchschaut.
Als die Nationalsozialisten aber versuchten, mit Hilfe der Deutschen Christen [eine Glaubensbewegung, die den Nationalsozialisten nahe stand, PW] die Evangelische Kirche wie die Gewerkschaften und andere gesellschaftliche Organisationen gleichzuschalten, wehrte man sich entschieden und letztlich auch mit beträchtlichem Erfolg. Pfarrer schlossen sich zu einem so genannten Pfarrernotbund zusammen – gegen ein bekenntniswidriges Ausschließen der Christen jüdischer Herkunft vom Pfarramt. Es gab aber nur sehr wenige, die sich gegen die Diskriminierung aller jüdischen Mitbürger aussprachen – auch der nichtchristlichen. Einer von ihnen war Dietrich Bonhoeffer, der bereits im April 1933 auf die diesbezügliche Verantwortung der Kirche hinwies. Im Laufe der Jahre bildeten sich in der Bekennenden Kirche verschiedene Richtungen heraus, die den nationalsozialistischen Eingriffsversuchen in unterschiedlich starker Weise entgegentraten. Gerade in Westfalen und im Rheinland gab es infolge der starken synodalen Traditionen viel Widerstand gegen die nationalsozialistische Gleichschaltungspolitik.
PW: Wie dachten andere Mitglieder der Evangelischen Kirche zu dieser Zeit?
C. S.: Aufgrund seiner entschiedenen Ablehnung des Nationalsozialismus geriet Bonhoeffer schnell in einen Konflikt mit seinen engsten Mitstreitern in der Bekennenden Kirche. Diese wollten den Widerstand auf die Abwehr der Eingriffe in die Lehre und Ordnung der Kirche beschränken, nicht aber die Politik der Nationalsozialisten insgesamt kritisieren. So verließ Bonhoeffer im Oktober 1933 Deutschland und übernahm eine Zeit lang ein Auslandspfarramt in London. Von seinen Mitstreitern gerufen, kehrte er im Frühjahr 1935 zurück. Angesichts der Übernahme eines Teils der Kirchenleitung durch die Deutschen Christen musste die Bekennende Kirche eigene Einrichtungen schaffen, um die Pfarrer auszubilden. So übernahm Bonhoeffer die Leitung eines der Predigerseminare und versuchte hier die Kandidaten durch gemeinsames Leben für den erwarteten lang andauernden Kampf gegen einen christentumsfeindlichen Staat zu rüsten. Bereits 1937 löste die Gestapo das Seminar auf, und Bonhoeffer versuchte die Ausbildung noch einige Jahre lang versteckt und dezentral organisiert weiterzuführen.
PW: Welche weitere Rolle spielte Bonhoeffer im Widerstand?
C. S.: Bonhoeffers Weg ist einerseits sehr stark auf den Kampf um die Wahrung des Bekenntnisses innerhalb der Kirche bezogen. Andererseits stand er in dauernder Kommunikation mit Menschen, die der Kirche eher fern standen und die wichtigsten Ausgangspunkte für den Widerstand innerhalb des Bürgertums und Adels gegen Hitler bilden. Durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi wurde Bonhoeffer ab 1938/39 zum Mitwisser und Mitarbeiter an den Umsturzvorbereitungen gegen Hitler. So findet man in Bonhoeffers Persönlichkeit und Lebensweg sehr unterschiedliche Welten vereinigt: die Kreise, die sich am Bekenntnis orientiert zu bruderschaftlichem Leben zurückziehen, und auf der anderen Seite das liberale Bildungsbürgertum Berlins.
PW: Beteiligte sich die Evangelische Kirche am Widerstand und den Attentatsvorbereitungen gegen Hitler?
C. S.: Nein. Bonhoeffer ist eine der ganz wenigen Gestalten, die die Verteidigung der Kirche gegen die Eingriffe des nationalsozialistischen Staates mitgetragen haben und dann auch Anteil an den späteren Umsturzvorbereitungen hatten. Auch wenn die Kirche als Institution sich nicht an den Umsturzvorbereitungen beteiligt hat, ist ein großer Teil der Hauptakteure aufs stärkste durch den christlichen Glauben geprägt und motiviert. Diese Leute haben zwar kaum aktiv am Leben der Kirche oder dem Kampf um das Bekenntnis teilgenommen, aber diesen Kampf sehr genau beobachtet. So haben sie gerade darum mehr und mehr das Christentum als einzige echte Kraftquelle im Kampf gegen die nationalsozialistische Ideologie und im Ringen um eine tragfähige Zukunft nach dem Ende der Diktatur schätzen gelernt. Bonhoeffer hatte für manche an den Umsturzvorbereitungen Beteiligten eine Bedeutung als theologischer Berater und Seelsorger angesichts der enormen inneren Konflikte.
PW: Wie reagierten die Nationalsozialisten darauf, dass sich Teile der Evangelischen Kirche nicht gleichschalten ließen?
C. S.: Hitler selbst hat in sehr instinktsicherer Weise eine so genannte "Legalitätstaktik" durchgesetzt. Das bedeutete, er wollte unbedingt zeigen: Wir sind nicht nur brave Staatsbürger, sondern auch dem traditionellen christlichen Bekenntnis positiv aufgeschlossen – ganz anders als die schlimmen Bolschewisten. Wenn sich unter Nationalsozialisten zu scharf christentumsfeindliche Töne regten, griff Hitler schnell ein. So stellte er auch die Gleichschaltungsversuche mehrfach ein, um nicht als Kirchenfeind dazustehen. Nach 1933 hat Hitler geschickt einmal eher die radikal kirchenfeindlichen Kreise und dann wieder die moderaten Nationalsozialisten gefördert. Er hat kompromissbereite Leute gefördert, die aber keine hundertprozentigen Nazis waren. Angesichts des beginnenden Krieges wollte er weitere Konflikte vermeiden und eine Lösung des "Kirchenproblems" nach Kriegsende in Angriff nehmen.
PW: Gab es bei den Katholiken ähnliche Anpassung und Widerstand?
C. S.: Die Katholische Kirche hatte zwei Vorteile gegenüber der Evangelischen Kirche. Zum einen ist sie von ihrer Struktur her eine internationale Organisation. Sie hatte damit eine deutlich größere Distanz zum nationalsozialistischen Staat. Die Evangelische Kirche war in den einzelnen Ländern traditionell dem Staat verbunden. Zum anderen war die Katholische Kirche im 19. Jahrhundert mit dem profiliert evangelischen Preußen in Konflikt geraten, so dass hier schon Widerstandserfahrungen vorhanden waren. Natürlich gab es auch katholische Bischöfe, die sich für nationalsozialistische Ziele erwärmen konnten. Insgesamt zeigten katholische Milieus aber eine stärkere Resistenz gegen den Nationalsozialismus als evangelische.
PW: Ist die Kirche heute durch die NS-Zeit politischer geworden?
C. S.: Auf die Frage ist klar mit "Ja" zu antworten. In der Evangelischen Kirche hat eine sehr intensive Besinnung über die Rolle in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft eingesetzt: Warum haben wir nicht treuer und klarer gebetet und geglaubt? Warum haben wir uns nicht klarer gegen die Entwicklungen gewehrt? Warum haben wir nicht deutlicher für die Betroffenen von Verfolgung das Wort erhoben? In der Katholischen Kirche hat die Selbstkritik erst sehr viel später eingesetzt, auch aus Gründen einer anderen Mentalität. Evangelische Christen neigen sehr viel stärker zur Selbstkritik, katholische Christen neigen stärker zum selbstbewussten Blick auf die Stärke der eigenen Tradition. Jedoch hat Papst Johannes Paul II. klare Schritte im Blick auf ein Schuldbekenntnis getan.
Interview: Claudia Kynast, Stand vom 07.04.2006
Sendung: Zivilcourage - Im Geiste Dietrich Bonhoeffers, 07.04.2006




