Kinderarbeit in Europa
Zur Historie
Bis ins 20. Jahrhundert war Kinderarbeit in ganz Europa weit verbreitet. Deutschland bildete da keine Ausnahme. In der Landwirtschaft, in Heimbetrieben und in der sich schnell entwickelnden Industrie, waren die unterbezahlten Kinder beliebte Arbeitskräfte. Oft mussten sie körperlich sehr anstrengende Arbeiten erledigen, die sie krank machten. Kaum ein Kind bekam eine richtige Ausbildung, geschweige denn eine Schulbildung.
Kinderarbeit wurde unter anderem auch als geeignetes Mittel angesehen, um Kinder vor Müßiggang und moralischer Verwahrlosung zu schützen. So mussten auch Waisenkinder von klein auf ihren Lebensunterhalt mitverdienen. "Arbeitserziehung" nannte das die frühe Pädagogik. Erst das Arbeiterschutzgesetz von 1891 verbot den Einsatz von Kindern unter 13 Jahren in Fabriken. Davor hatte das Mindestalter bei neun Jahren gelegen.
1903 und 1908 wurde das Kinderschutzgesetz verschärft, und die erlaubte Arbeitszeit für Kinder auf elf Stunden täglich herabgesetzt. Die Einschränkung galt auch für die Kinder, die von ihren Eltern zur Heimarbeit eingesetzt wurden. Weiterhin arbeiteten viele Kinder statt zur Schule zu gehen, denn die allgemeine Schulpflicht setzte sich nur sehr langsam durch. Kinderschutzkommissionen versuchten die Einhaltung des Gesetzes zu kontrollieren und generell die Lage der Kinderarbeiter zu verbessern – ein nicht immer einfaches Unterfangen.
Schwabenkinder
Gesetze konnten nicht verhindern, dass bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein so genannte "Schwabenkinder" auf den deutschen Bauernhöfen schufteten. Aus Österreich, Graubünden oder Südtirol kamen Kinder, oft nicht älter als zwölf Jahre, zu Fuß über die Alpen. Zuhause konnten die Eltern die kinderreichen Familien nicht mehr ernähren, also wurden die Kinder in die Fremde geschickt. Ein Brauch, der auf das 16. Jahrhundert zurückging. 1930 kamen die letzten "Schwabenkinder" nach Deutschland.
Für Kinder, die aus dem Ausland nach Deutschland kamen, galten weder Schulpflicht noch Schutzgesetze, und so wurden diese Mädchen und Jungen auf Kindermärkten an die Bauern vermietet. Der größte fand unter menschenunwürdigen Bedingungen in Ravensburg statt: "Auf einem öffentlichen Platz ausgestellt waren 400 Jungen und Mädchen – keiner über 14 Jahre alt – um in eine siebenmonatige Knechtschaft für die Meistbietenden geschickt zu werden", so beschrieb eine amerikanische Zeitung 1908 die Kindermärkte. "Wir Buben sind alle von dem Waggon ausgeladen worden, und da sind die Bauern gekommen und haben einen ausgesucht. Die haben natürlich schon geschaut, ob er kräftig ist, ob er arbeiten kann. ... 10-, 12-jährige Buben, 13-jährige..., und dann haben sie den besten, den kräftigsten oder so, rausgesucht." So erinnerte sich Willi Kopf später an seine Zeit als "Schwabenkind". Bis 1914 wurden Kinder armer Familien aus Österreich, Südtirol und der Schweiz auf schwäbischen Märkten verkauft. Der letzte ganz große Markt fand 1914 in Ravensburg statt. Danach lief der Handel unauffälliger durch private Vermittlung ab.
Die Arbeitstage bei den Bauern waren lang und die Arbeit schwer. Wie die Kinder behandelt wurden, hing stark vom einzelnen Bauern ab. "Wir haben immer Hunger gehabt", erinnerten sich "Schwabenkinder" später an diese Zeit.
Ferienjob oder Kinderarbeit
In der Bundesrepublik Deutschland ist Kinderarbeit generell verboten. Allerdings gibt es Ausnahmen, die Kindern einen Ferienjob oder eine gewisse Mithilfe zum Beispiel auf dem elterlichen Hof erlaubt, sofern die Beschäftigung "leicht und für Kinder geeignet ist", wie es im Jugendarbeitsschutzgesetz heißt, und nicht zu lange dauert. Die Arbeit darf die Kraft und Zeit für die Schule und das Lernen nicht beeinträchtigen. Kinder unter 13 Jahren dürfen überhaupt nicht beschäftigt werden, es sei denn, die Arbeit dient therapeutischen oder pädagogischen Zwecken.
Es lohnt sich, auch bei den vermeintlich ganz "normalen" Nebenjobs deutscher Schüler genauer hinzusehen. Für die UNESCO nimmt Kinderarbeit in dem Moment verbotene Ausmaße an, wenn der Schulbesuch und die geistige oder körperliche Entwicklung der Kinder gefährdet sind. Die wenigsten Kinder in Deutschland arbeiten um des Überlebens willen. Aber das alltägliche Geldverdienen nebenbei, um die jugendlichen Konsumwünsche zu erfüllen, nimmt manchmal extreme Ausmaße an. Und viele Arbeitgeber nützen die Kinder aus.
Dass Kinder gar nicht mehr zur Schule gehen und stattdessen arbeiten, kommt in Deutschland nur sehr vereinzelt vor. Die deutsche Schulpflicht wird streng kontrolliert. Allerdings sprechen manche Studien vor dem Hintergrund der hohen Zahl an Sozialhilfeempfängern auch von einem Trend zur "unfreiwilligen Kinderarbeit". Kinderarmut ist auch in der Bundesrepublik ein aktuelles Problem.
Kinderarbeit in Osteuropa
In anderen europäischen Ländern ist das Problem der Kinderarbeit viel gravierender, und hier geht es für die Kinder teilweise ums Überleben. Besonders in Osteuropa hat die Kinderarbeit große Ausmaße angenommen. Seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme in Osteuropa sind breite Bevölkerungsschichten verarmt. Armut ist eine der Hauptursachen für Kinderarbeit.
Viele früher selbstverständliche Leistungen wie Bildung kosten plötzlich Geld, und der Alltag ist teuer geworden. Durch die weit verbreitete Arbeitslosigkeit ist ein Schulabschluss nicht mehr länger die Garantie für einen Arbeitsplatz. Zudem kümmern sich immer weniger Eltern darum, dass ihre Kinder regelmäßig zur Schule gehen. Das schnell verdiente Geld zählt mehr als ein Bildungsabschluss, ohne dass dabei realisiert wird, dass die Kinder dadurch in einen Teufelskreislauf geraten. Sie können niemals einen richtigen Beruf ausüben und werden wahrscheinlich gezwungen sein, ihre eigenen Kinder ebenfalls zur Arbeit zu schicken.
Kinderarbeit ist in Osteuropa eine relativ neue Erscheinung. Diese fehlende "Tradition" führt paradoxerweise dazu, dass die Kinder noch gefährdeter sind als in Entwicklungsländern, in denen sich Kinderarbeit zum Teil auch ganz offiziell abspielt. Arbeitende osteuropäische Kinder bewegen sich häufig im kriminellen Umfeld der Straße und sind durch Kinderprostitution und Pornographie gefährdet.
Viele Kinder schlagen sich irgendwie auf der Straße durch. Ihre Familien haben sich aufgelöst, oder die Kinder sind vor Gewalt zu Hause geflohen. Allein in der Fünf-Millionen-Stadt St. Petersburg geht man von bis zu 50.000 Straßenkindern aus, die ständig oder zumindest ab und zu auf der Straße leben und arbeiten. Neben den gefährdeten Straßenkindern gibt es auch viele Kinder, die als billige Arbeitskräfte zeitweise oder dauerhaft in der Landwirtschaft eingesetzt werden. Die Pestizide fügen den Kindern oft bleibende gesundheitliche Schäden zu.
Beispiel Portugal
Auch in westlichen Ländern Europas gibt es Kinderarbeit. Auch wenn es meist keine genauen Zahlen gibt, so schätzen Studien das Ausmaß der Kinderarbeit sehr hoch ein. Ob in Italien, Großbritannien, Spanien und Portugal – vielfach gehen Kinder, trotz Schulpflicht, einer meist illegalen Arbeit nach, die sie vom Schulbesuch ganz oder zumindest teilweise abhält.
Laut Schätzungen portugiesischer Hilfsorganisationen arbeiten in Portugal mehr als 50.000 schulpflichtige Kinder Vollzeit, die meisten von ihnen in der Landwirtschaft. In Nordportugal nähen schon Zwölfjährige in den Schuhfabriken Schuhe - und bekommen meist nicht mehr als 30 Cent pro Paar. Diese Schuhe werden auch nach Deutschland exportiert. Die Kinderarbeiter bekommen nur geringe Löhne ausgezahlt und erhalten kaum Sozialleistungen. Billig und praktisch für den Arbeitgeber, verheerend für die Zukunft der Kinder. Das portugiesische Gesetz schreibt eine Schulpflicht vor, die mit dem 14. Lebensjahr endet. Kinderarbeit unter 16 Jahren ist verboten. Aber die Regierung tut sich schwer damit, diese Gesetze durchzusetzen. Das Wichtigste, aber auch Schwierigste beim Kampf gegen die portugiesische Kinderarbeit ist es, einen Wandel im Denken der Gesellschaft zu bewirken. Viele Kinder aus armen Verhältnissen sind nicht motiviert, in die Schule zu gehen, und die Eltern sorgen nicht dafür, dass sie lernen. Das frühe Geldverdienen scheint Kindern und Erwachsenen wichtiger, und auch hier sind die Familien auf den Verdienst der Kinder angewiesen. Die Eltern sind froh, wenn jemand ihren Kindern Arbeit gibt, zumal der Schulbesuch oft schwer zu finanzieren ist.
Angesichts der sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, sehen die Eltern in einer Schulbildung auch häufig keinen Gewinn für die Kinder. Viele Facharbeiter sind arbeitslos, und die Fabriken stellen oft nur gering entlohnte Hilfsarbeiter ein. Häufig betrifft das Problem Kinderarbeit mehrere Generationen. Ehemalige Kinderarbeiter bleiben meist lebenslang Hilfsarbeiter und schicken später auch ihre eigenen Kinder wieder zur Arbeit.
Kinderarbeit ist nur zu bekämpfen, wenn sich überall die Erkenntnis durchsetzt, dass Kinder auf die Schulbank und nicht in die Fabrik gehören. Die Verantwortlichen müssen gemeinsam langfristige Strategien entwickeln.
Ulla Rehbein, Stand vom 14.11.2007





