Industrialisierung in Deutschland

Rauchende Schornsteine

Wirtschaft

Industrialisierung in Deutschland

"Ein großes Jahrhundert liegt hinter uns – das größte vielleicht seit Beginn unserer Zeitrechnung", so schreibt ein Zeitgenosse in einem Rückblick auf das 19. Jahrhundert. Um 1800 gibt es in Deutschland noch keine einzige Eisenbahntrasse - 100 Jahre später 50.000 Streckenkilometer. In den Städten rauchen Fabrikschlote, an den Börsen wird wild spekuliert, zu Hause brennen Glühbirnen statt Kerzen. Doch die Gefahr unter die Räder zu kommen, ist groß in dieser neuen Zeit.

Dynamisches England, verschlafenes Deutschland

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts liegt Deutschlands Wirtschaft im Dornröschenschlaf. Die meisten Menschen arbeiten jahraus, jahrein auf dem Feld oder im Stall. Das Handwerk leidet unter starren Zunftschranken. Manche Familien versuchen, sich in mühsamer Heimarbeit mit Spinnen oder Weben ein Auskommen zu verdienen.

Eine Reihe von Dampfmaschinen, erkennbar an ihren Schwungrädern, unter einer gläsernen Überdachung - im Hintergrund rauchende Schlote, im Vordergrund Arbeiter an einer Säge.

Alles mit der Kraft der Dampfmaschine: Fabrik in England

Welch anderes Bild bietet sich in England: Dort treibt die erste industrielle Spinnmaschine, die "Spinning Jenny", die Textilproduktion zu immer neuen Rekorden, Dampfmaschinen helfen bei der Kohleförderung, und mit den englischen Kolonien in Übersee gibt es für die neuartigen Erzeugnisse der Industrie auch genügend Abnehmer.

In Deutschland, einer zersplitterten Nation ohne gemeinsames Staatsgebiet, kann man sich nicht einmal auf einheitliche Maße, Gewichte, Währungen einigen. Noch dazu schotten viele Teilstaaten ihre Märkte mit Zöllen gegeneinander ab.

In England beginnt die Industrialisierung von unten, als Werk von technischen Tüftlern und wagemutigen Investoren. Gut ein halbes Jahrhundert später wird sie in Deutschland von oben angestoßen – oder immerhin begünstigt:

Napoleon erzwingt ab 1803 eine Neuordnung Deutschlands, viele Kleinstaaten verschwinden. Preußen befreit 1807 die Bauern aus der Leibeigenschaft, 1834 schließlich können mit der Gründung des Deutschen Zollvereins Waren zollfrei von einem in den anderen Staat gelangen. Ein Anfang ist gemacht.

Lokomotive der Industrialisierung: der Eisenbahnbau

Der Wachstumsmotor der zersplitterten deutschen Wirtschaft wird eine Industrie, die geradezu dafür geschaffen ist, das Getrennte miteinander zu verbinden: der Eisenbahnbau.

Eine Dampflokomotive zieht mehrere zum Teil überdachte Personenwagen durch eine Landschaft; im Vordergrund viele Schaulustige.

1835 fährt der erste Zug von Nürnberg nach Fürth

Ab den 1830er Jahren entstehen im ganzen Land Bahntrassen. Um die herzustellen, braucht es Eisen, und um Eisen zu Stahl zu verarbeiten, braucht es Kohle: ein Kreislauf, der sich stetig selbst verstärkt und bald eine industrielle Eigendynamik entwickelt.

Allerdings: Manche Regionen profitieren mehr von diesem ersten deutschen Wirtschaftswunder als andere. Das Ruhrgebiet entwickelt sich schnell zum Zentrum der Kohleförderung und hat mit der Firma Krupp einen wichtigen Stahlproduzenten vor Ort.

In Sachsen, wo 1850 schon mehr Menschen in der Industrie und im Handwerk beschäftigt sind als in der Landwirtschaft, profitiert vor allem der Maschinenbau: Denn der hat rund um Chemnitz schon seit der Frühindustrialisierung in den 1820ern Tradition – auch wenn man damals noch eher Spinn- und Webmaschinen für die Textilindustrie herstellte.

Großes Fabrikareal, im Hintergrund viele rauchende Schlote, dazwischen hohe Backsteinbauten, davor Stahlträger, Rohre, einzelne Pferdefuhrwerke.

Die Borsigwerke in Berlin prägen ein ganzes Stadtviertel

In Berlin schließlich feiert die Firma Borsig mit ihren Lokomotiven Triumphe. Regionen wie Ostpreußen leben dagegen bis spät ins 19. Jahrhundert hinein fast ausschließlich von der Landwirtschaft und werden auch nur äußerst zögerlich ans Eisenbahnnetz angebunden.

Mitte der 1850er Jahre kommt der erstarkenden Wirtschaft ein weiterer Faktor zugute: Nach Jahrzehnten der Armut wächst endlich auch die Nachfrage nach Konsumgütern. Die Textilindustrie boomt, Genussmittel wie Tabak und Zucker – letzterer bis vor kurzem ein Luxusprodukt – finden reißenden Absatz. Dank steigender Löhne bekommen selbst die Arbeiter ihr (kleines) Stück vom Kuchen.

Auf der Suche nach Arbeit: Deutschland zieht um

Gemälde von Carl Wilhelm Hübner - in der Mitte eine entsetzte Weberfamilie, links davon ihr Auftraggeber, der ihre gewebten Stoffe ungünstig beurteilt; um sie herum andere zum Teil ärmliche Gestalten.

Während der Frühindustrialisierung besonders arm: die schlesischen Weber

Noch 30 Jahre zuvor hätte diesen Aufschwung kaum jemand für möglich gehalten. Die Bevölkerung wuchs damals rasant – auch, weil Medizin und Hygiene Fortschritte machten; nur Arbeit gab es nicht. Wirtschaftshistoriker haben für diese Zeit einen Mangel von 800.000 Arbeitsplätzen errechnet und sprechen von der sogenannten Pauperismuskrise – abgeleitet vom lateinischen Wort pauper für "arm".

Viele Menschen verließen ihre Heimat und suchten ihr Glück in Übersee. Jetzt, in den 1850ern, hat die Industrie mit ihrem Hunger nach Arbeitskräften dieses Problem zunächst gelöst – schafft aber gleich wieder neue: Denn die gesellschaftlichen Umbrüche, die die Industrialisierung mit sich bringt, sind gewaltig.

Für Jahrtausende lebten und starben die meisten Menschen an dem Ort, an dem sie auch geboren worden waren. Jetzt zieht man der Arbeit hinterher: von Ostpreußen bis ins Ruhrgebiet, von Oberfranken nach Sachsen, von Mecklenburg nach Berlin.

Sind Fabriken oder Kohlegruben in der Nähe, können kleine Marktflecken unversehens zu respektablen Städten werden: Gelsenkirchen im Ruhrgebiet etwa wächst von 1871 bis 1910 um das Zehnfache.

Berlin steigert sich in dieser Zeit immerhin von 800.000 auf zwei Millionen Einwohner. Begünstigt wird diese gesellschaftliche Dynamik auch von der politischen Großwetterlage:

Seit 1871, dem Jahr der Reichsgründung, erlebt die deutsche Wirtschaft den Boom der Gründerjahre – im Nachhinein haben Historiker hier den Beginn der Hochindustrialisierung angesetzt.

Einzimmerwohnung mit Etagenklo: wie Arbeiter leben

Nachkoloriertes Foto eines engen, schmalen Raumes; die Mutter der Familie steht im Hintergrund vor einem Herd mit Küchenutensilien, der Vater sitzt eingezwängt zwischen Tisch und Bett; vor der Mutter drei kleine Kinder.

Ein Zimmer für Kochen, Wohnen, Schlafen

Für den einfachen Arbeiter verheißt dieser Aufschwung wenig Gutes. In den Städten kommt der Wohnungsbau dem Bedarf nicht hinterher: Ganze Familien pferchen sich in ein einziges Zimmer, vermieten manchmal sogar das letzte freie Bett an einen sogenannten Schlafgänger. Die Toilette im Treppenhaus teilt man sich mit den Mietern von nebenan.

Noch dazu sind die Arbeitsbedingungen in den Fabriken oft unvorstellbar hart: 1872 liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei 72 Stunden. In vielen Branchen wie etwa der gerade entstehenden Chemieindustrie gibt es so gut wie keinen Gesundheitsschutz.

Schon fürchten Fabrikbesitzer und die Politik den Aufstand – und reagieren. Reichskanzler Bismarck etwa verfolgt eine zweigleisige Strategie. Einerseits will er mit dem Sozialistengesetz von 1878, einem umfassenden Verbot sozialdemokratischer Organisationen, die Arbeiterbewegung schwächen.

Andererseits lindert er die schlimmsten Nöte mit einer Sozialgesetzgebung, die europaweit vorbildlich ist: Seit 1883 gibt es in Deutschland eine Krankenversicherung, seit 1884 eine Unfallversicherung, bald kommen noch Invaliditäts- und Rentenversicherung dazu. Parallel dazu rufen viele Unternehmen ihre eigene betriebliche Sozialpolitik ins Leben.

Erfolge und Schattenseiten

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs hat sich der einstige Spätzünder Deutschland zum Industriewunder gemausert und überflügelt in manchen Branchen sogar den Pionier Großbritannien.

Vor den Schattenseiten der Industrialisierung verschließt man allerdings noch die Augen: Stickige Luft und verschmutzte Flüsse werden damals als notwendige Begleiterscheinung des Aufstiegs hingenommen. Ein Bewusstsein für die Grenzen des Wachstums entsteht erst ein Jahrhundert später.

Trotzdem: Dass die neue Zeit auch neue Zwänge geschaffen hat – dafür haben viele ein feines Gespür. So schreibt etwa der Philosoph Ludwig Klages 1913: "Die meisten leben nicht, sondern existieren nur mehr: sei es als Sklaven des Berufs, sei es als Sklaven des Geldes, sei es endlich als Sklaven großstädtischen Zerstreuungstaumels. In keiner Zeit noch war die Unzufriedenheit größer und vergiftender."

Autorin: Kerstin Hilt

Stand: 14.10.2016, 10:00

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