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"Kosmos" - Humboldts Lebenswerk

"Ich übergebe am späten Abend eines vielbewegten Lebens dem deutschen Publikum ein Werk, dessen Bild [...] mir fast ein halbes Jahrhundert lang vor der Seele schwebte." Mit diesen Worten beginnt Alexander von Humboldt den "Kosmos", sein Lebenswerk. Es wird ein Mammutprojekt von fünf Bänden, veröffentlicht in 17 Jahren. Diese Form ist dem Inhalt durchaus angemessen, denn es geht um nicht weniger als eine wissenschaftliche Beschreibung der Welt über diverse Disziplinen hinweg.

Porträt Alexander von Humboldts vor einer Bergkulisse. (Rechte: AKG)

Sein Lebenswerk bleibt unvollendet

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Die Idee zum "Kosmos"

Die Grundidee zum "Kosmos" hat Alexander von Humboldt schon vor seinen großen Forschungsreisen. Als 26-Jähriger schreibt er: "Ich habe den Gedanken einer Physik der Welt entwickelt." Der erste der insgesamt fünf Bände seiner "Physischen Weltbeschreibung" erscheint gut 50 Jahre später. Sein Ziel ist es, "die ganze materielle Welt, alles, was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen, alles in einem Werke darzustellen [...]." Humboldt will die gesamte Natur, also Erde und Himmel, beschreiben und zwar nicht nur den aktuellen Zustand, sondern auch die historische Entwicklung. Es wird die Bilanz seiner wissenschaftlichen Karriere, seiner Ideen und seiner bisherigen Arbeiten - eine Vereinigung diverser natur- und geisteswissenschaftlicher Disziplinen.

Die Berliner Kosmos-Vorlesungen

Von November 1827 bis April 1828 hält Humboldt an der Berliner Universität "Vorträge über Weltbeschreibung". An den Vorlesungen besteht so großes Interesse, dass Humboldt sie in einer allgemeinverständlichen und komprimierten Form in der Berliner Singakademie (dem heutigen Maxim-Gorki-Theater) wiederholt. Der Saal ist regelmäßig voll und zwar auch mit wissenschaftlichen Laien; sogar der König kommt. Humboldts Ausstrahlung und Vortragsweise begeistern das Publikum, auch wenn die Inhalte teilweise recht trocken sind. Er wirkt authentisch, denn er verbindet wissenschaftliche Theorien mit eigenen Erfahrungen. Den Vortragsstil übernimmt er auch in die schriftliche Form des "Kosmos"; zum Beispiel gibt es immer wieder Passagen mit kurzen Zwischenresümees. Insgesamt ist die literarische Aufbereitung extrem zeitaufwendig: Der erste "Kosmos"-Band erscheint erst 17 Jahre nach den Vortragsreihen.

Zeitgenössisches Porträt Wilhelm von Humboldts. (Rechte: dpa)

Mit Zitaten im Buch vertreten: Wilhelm von Humboldt

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Der Inhalt des "Kosmos"

Dass sich Humboldt mit seinem Werk nicht nur an die akademische Welt richten will, gehört mit zum Konzept. Es soll ein Buch über alles und für alle sein. Eine lebhafte Sprache ist ihm wichtig: "Den Naturschilderungen darf nicht der Hauch des Lebens entzogen werden." Er verbindet fachliche Einzelheiten mit allgemeinen Resultaten und Theorien. Die Ideen seiner anderen Werke fließen in den "Kosmos" mit ein. Da er viele der beschriebenen Phänomene vor Ort beobachtet hat, hat der Text zusätzlich eine autobiographische Note.

Für ein so umfassendes Werk ist der Austausch mit Kollegen anderer Disziplinen sehr wichtig. Der Text enthält zahlreiche Zitate anderer bedeutender Wissenschaftler; mit vielen von ihnen steht Humboldt persönlich in Kontakt. Er zitiert aus ihren Arbeiten, aus Briefen und lässt sich in einigen Fällen extra Passagen für den "Kosmos" zusammenstellen. Sein globaler Ansatz zeigt sich auch darin, dass er fremdsprachliches Material ohne Übersetzung verwendet. Ihm ist bewusst, dass seine Ergebnisse nur vorläufig sein können und oft eher früher als später überholt sein werden. Die späteren "Kosmos"-Bände enthalten bereits Aktualisierungen.

Im ersten Band stellt Humboldt seine wissenschaftliche Grundidee vor und präsentiert eine erste Übersicht über die natürlichen Phänomene am Himmel und auf der Erde. In Band II betritt er erst einmal anderes Terrain: Er behandelt Naturbeschreibung in den Künsten, zum Beispiel der Literatur und der Malerei. Danach geht er der Frage nach, wie sich das Wissen über die Welt im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, beginnend im Europa der Antike. Dabei ist er sich der Tatsache bewusst, dass der wissenschaftliche Fortschritt allzu oft mit Eroberung und Kolonialismus verbunden war und ist. Band III beschäftigt sich ausführlich mit den Phänomenen des Himmels, Band IV und der unvollendete Band V mit denen der Erde. Dass der letzte Band unfertig bleibt - Humboldt arbeitet bis wenige Tage vor seinem Tod daran -  wird von einigen Kritikern als Beweis dafür betrachtet, dass Humboldt das Projekt über den Kopf gewachsen ist. Andererseits passt das Unvollendete zum Konzept des Ganzen, denn natürlich ist die Forschung über die Welt nie ganz abgeschlossen.

Ursprünglich sollte der "Kosmos" zusammen mit dem "Physikalischen Atlas" von Heinrich Berghaus erscheinen. Dieser enthält Karten, die Humboldts Texte zur geographischen Verteilung der Naturphänomene bildlich darstellen. Da sich die Verleger der beiden Autoren nicht einigen konnten, sind die beiden Bücher aber erst 2004 zum ersten Mal gemeinsam erschienen.

Audio: Beitrag über die Lebensleistung von Alexander von Humboldt mit einigen Beispielen seiner Forschungen und seines bissigen Humors. Grafik: Gemälde von Humboldt an einem Tisch. (Rechte: Audio: WDR/Autor: Jürgen Werth, Grafik: AKG)

Das Allround-Genie Humboldt (4'11'')

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Die Wirkung

Wie die "Kosmos"-Vorlesungen ist auch das gedruckte Werk ein voller Erfolg. Nach Erscheinen des ersten Bandes ist bereits abzusehen, dass das Buch ein Bestseller wird. Es hat eine Gesamtauflage von 87.000 Exemplaren und wird schnell in den Kanon des aufgeklärten Bildungsbürgertums aufgenommen. Einige protestantische Gruppierungen sind weniger begeistert: Sie verurteilen den "Kosmos" als gottlos.

Das Werk wird in zahlreiche Sprachen übersetzt. In Europa und den USA gründet sich Humboldts Ruf lange Zeit vor allem auf seinen "Kosmos". In Lateinamerika sind dagegen je nach Land unterschiedliche Werke, zum Beispiel die jeweiligen eigenen Landeskunden, am bekanntesten. Mit der politischen Situation während der Weltkriege nimmt die Popularität des "Kosmos" ab. Außerdem spezialisieren sich die einzelnen Wissenschaftsdisziplinen immer stärker. Humboldts global-ökologischer Blick ist erst in unserer Zeit wieder aktuell geworden. Viele seiner Einsichten, zum Beispiel die Kritik an der Brandrodung der südamerikanischen Urwälder, sind gerade in den letzten Jahrzehnten wieder in den Fokus gerückt.

Tina Heinz, Stand vom 01.03.2011

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