Interview: Maya-Forscher Prof. Nikolai Grube
Planet Wissen (PW): Was fasziniert Sie so sehr an den Maya?
Prof. Dr. Nikolai Grube (N.G.): Wenn man eine verlorene Zivilisation vor sich hat, wo vieles noch im Verborgenen ist, wo ganze Städte noch zu entdecken sind in dieser exotischen und fernen Welt, dann ist das etwas Faszinierendes. Das hat mich schon als Kind fasziniert. Dazu kommt die Tatsache, dass es eine Schrift gab, die man 1973, als ich begann, mich dafür zu interessieren, noch nicht lesen konnte. Die Faszination hat nicht nachgelassen, im Gegenteil! Je mehr ich darüber weiß, desto spannender wird das, wie sich hinter diesem ganzen Schleier der Exotik dann doch Dinge und Verhaltensweisen verbergen, die uns sehr ähnlich sind. Obgleich sie so weit weg waren und eine ganz eigenständige Entwicklung hatten, sind die Maya zu den gleichen Schlüssen gekommen, standen sie vor den gleichen Problemen wie wir auch.
PW: Die Maya-Forschung ist aber noch ein sehr junges Gebiet?
N.G.: Die Wiederentdeckung der Maya-Kultur liegt gerade mal 150 Jahre zurück. Wissenschaftliche Forschung hat erst Anfang des 20. Jahrhunderts begonnen. Und die ersten Lehrstühle, auf denen Maya-Forschung betrieben worden ist, sind erst in den 20er Jahren etabliert worden. Das bedeutet, wir haben ein sehr junges kleines Fach. Und das macht die Forschung ja so spannend, weil wir im Gegensatz zu anderen Fächern wissenschaftliche Revolutionen in die Wege leiten. Wo hat man schon in der antiken Welt die Möglichkeit, ganze Staaten neu zu entdecken. Wahrscheinlich ist es in der Menschheitsgeschichte das letzte Mal, dass ein großes Schriftsystem entziffert werden kann.
PW: Warum war es für die Wissenschaft lange Zeit so schwer, die Schrift der Maya zu entschlüsseln?
N.G.: Das hat damit zu tun, dass man sehr eurozentrische Vorstellungen davon hatte, wer schreiben konnte. Man hat früher geglaubt, dass Schriftsysteme auf der Welt nur einmal erfunden worden seien, nämlich im alten Orient. Und dass alle Schriften auf der Welt von den Schriften des alten Orients inspiriert worden seien. Man hat den amerikanischen Völkern eigentlich nie zugetraut, eine eigene Schrift zu besitzen. Und dann hat man auch gesehen, dass die Schrift sehr stark aus Bildern zusammengesetzt ist. Man hat geglaubt, weil man so viele Bilder sehen kann, Tiere und Köpfe, dass es eine Bilderschrift ist, wo jedes Zeichen für einen Begriff steht. Man hat geglaubt, die Indianer können keine komplexen Schriften entwerfen.
PW: Lange Zeit haben sich Wissenschaftler bei der Erforschung der Maya regelrecht bekämpft, vor allem wenn es um die Deutung der Schrift ging. Hat sich das inzwischen geändert?
N.G.: Es gibt sicherlich noch einzelne Forscher, die ihre Arbeit für sich betreiben und isoliert sind. Aber heute im Zeitalter des elektronischen und digitalen Austausches kann sich das keiner mehr leisten. Wissenschaft kann nur in Kooperation funktionieren und gerade bei uns im kleinen Fach müssen wir Ländergrenzen und auch persönliche Eitelkeiten zurückstellen und auch kooperieren. Das funktioniert eigentlich ganz prima.
Die großen Erfolge in der Entschlüsselung der Maya-Schrift in den 80er und 90er Jahren sind nur darauf zurückzuführen, dass wir in der Zeit als kleine Gruppe ständig miteinander kommuniziert haben. Das war noch in der Zeit vor E-Mail, da haben wir alles per Telefon, Fax und Brief gemacht. Aber wir haben zusammengearbeitet und überhaupt nicht darauf geachtet, wer woher und aus welchem Land kommt. Heute ist die Forschung sehr viel größer und es gibt auch sehr viel Forschung in Mexiko selbst. Und die großen Forschungsprojekte kann auch keiner mehr in Eigenregie leisten. Das Ausgraben einer großen Stätte ist keine Sache, die man mit zwei oder drei Leuten macht.
PW: Die Maya-Forschung ist auch ein interessantes Beispiel dafür, wie sich Wissenschaftler völlig verrennen können. So hat man lange Zeit ein völlig falsches Bild von den Maya gezeichnet...
N.G.: ... von Sternenguckern, die keine Könige hatten und keine Kriege kannten und die im Frieden lebten. Und sich nur zu bestimmten Kalenderfesten in Städten versammelten, um die Götter anzubeten und die Gestirne zu beobachten. Das ist das Wunschdenken von Forschern in den 50er und 60er Jahren gewesen. Vielleicht aufgrund der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs und des Ost-West-Konflikts. Also hat man da in die Vergangenheit das hineinprojiziert, was man eigentlich für die Gegenwart erhoffte.
Vielleicht lehrt uns das auch ein bisschen, bescheiden zu sein. An der Maya-Kultur kann man sehr schön sehen, wie sich Wissenschaftler immer wieder geirrt haben und auch Bilder einer Zivilisation entworfen haben, die völlig unrealistisch waren - und die dennoch die vorherrschende Lehrmeinung gewesen sind. Aber wir müssen auch bereit sein, unsere sicher geglaubten Erkenntnisse mal über Bord zu werfen. Eines Tages wird man vielleicht auch über das lachen, was wir glauben, über die Dinosaurier zu wissen.
PW: Was weiß man denn heute über die Maya? Trotz aller Errungenschaften wie Kalender und Schrift stellen manche Forscher sie auf eine Stufe mit Steinzeitmenschen?
N.G.: Stimmt, sie hatten halt keine Metalle, weil es keine Metalle gibt, wo sie lebten. Dafür hatten sie vulkanisches Glas, ein Werkzeug, das man nach Gebrauch wegwarf. Sie hatten das Rad nicht, aber auch das kann man erklären: Sie hatten keine Zugtiere und der Boden in Yucatán ist so felsig, dass man da mit einem Rad auch heute kaum fahren kann. Der Aufwand des Straßenbaus wäre so enorm gewesen, dass sie gar nicht auf die Idee gekommen sind. Aber offenbar hatten sie eine Technologie, die es ihnen erlaubte, große Städte anzulegen. Und sie verfügten über eine ausgeklügelte landwirtschaftliche Technologie, die viel weiter entwickelt war, als das, was wir in Europa kennen. Sie waren in der Lage mit dem tropischen Ökosystem umzugehen und mit dem Urwald zusammenzuleben. Und Städte wie Tikal oder Calakmul hatten 70 bis 80.000 Einwohner!
PW: Ein großes Rätsel ist nach wie vor der Untergang der Maya-Hochkultur um 900 nach Christus. Es gibt viele Theorien wie Dürren oder Hungersnöte. Eine weitere lautet, dass die ständige Feindschaft der Maya untereinander zum Niedergang geführt hat.
N.G.: Das ist einer der ganz wichtigen Faktoren. Wir können feststellen, dass die höfische Kultur, die Herrschaft der Gottkönige und die Paläste der Gottkönige zuerst zugrunde gingen. Und in einem zweiten Schritt, etwa 150 Jahre später, hat dann auch die Bevölkerung die Städte verlassen. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass die Königshöfe die landwirtschaftliche Produktion von Mais und Bohnen kontrolliert und gesteuert haben. In dem Moment, wo die Beamtenschaft nicht mehr da war, funktionierten auch die Bewässerungsanlagen nicht mehr. Dieses ganze komplizierte System mit Kanalisation, das kann man nicht in Eigenarbeit machen, das hat dann nicht mehr funktioniert. Dadurch ist es zu Hungerskatastrophen gekommen. Das Ganze wurde verstärkt durch Dürren und durch die Abholzung des Regenwaldes. Aber das erste, was wir beobachten können, das scheint die Feindschaft der Städte gewesen zu sein. Ich verwende da immer den Begriff "Balkanisierung". Wie auch in Jugoslawien, wo die Zentralmacht verschwunden war, kam es dann zu den Konflikten und dem Auseinanderbrechen des Staates.
PW: Es klingt häufig so, als wären mit dem Ende der Hochkultur auch die Maya selbst verschwunden. Ist das richtig?
N.G.: Die Maya sind nicht verschwunden, auch in der Zeit, als die Spanier kamen, hat es Königreiche gegeben. Sie waren nur nicht mehr so zu erkennen. Sie waren nicht mehr so prächtig, hatten keine großen Hauptstädte mehr und keine steinerne Architektur. Und Maya gibt es auch noch heute, und das ist ein Teil des Faszinosums für mich. Das unterscheidet die Maya von anderen Kulturen wie den alten Ägyptern: Die Maya gibt es heute noch. Es sind etwa 10 Millionen Maya, die in Mexiko und Guatemala und den angrenzenden Ländern Belize und Honduras leben. Und sie sprechen noch ihre Sprache und haben auch einen Großteil ihrer Kultur bewahrt.
PW: Die Maya-Kultur zieht heute viele Touristen an, die dann die großen Maya-Städte besuchen. Und die scharenweise auf den Pyramiden herumklettern, was den Gebäuden sicher nicht unbedingt gut tut. Ist das Segen oder Fluch für die Maya-Forschung?
N.G.: Sowohl als auch. Natürlich fühlt man sich als Forscher wohl in einem abgelegenen stillen Ort. Aber natürlich bringen uns die Touristen das Geld und sie bringen vor allem auch das Interesse. Und je mehr in das Gebiet der Maya reisen, desto größer wird auch der Kreis derjenigen, die sich für die Maya interessieren. Und die Touristen unterstützen natürlich auch die Ökonomie in Mexiko und Guatemala. Der Tourismus ist mittlerweile die stärkste Einnahmequelle von Guatemala, stärker als Kaffee und alle anderen Produkte. Wir leben mit dem Tourismus auch deshalb, weil die touristische Entwicklung dazu führt, dass die Länder fragen: "Könnt ihr diesen Ort ausgraben, damit wir ihn erschließen können?" Wir arbeiten mit dem Tourismus Hand in Hand zusammen.
Interview: Helmut Brasse, Stand vom 30.05.2005








