Verkehr

Geschichte des Fahrrads

Vom wackligen Gefährt ohne Pedale zum perfekt ausgetüftelten Verkehrsmittel: Das Fahrrad hat eine spannende Entwicklung hinter sich. Anfangs noch skeptisch beäugt, hat der Drahtesel heute mehr Fans als das Auto.

Von Claudia Füßler

Die ersten Zweiräder waren unbequem

Das Auto ist der Deutschen liebstes Kind? Von wegen! Den Rang hat ihm längst das Fahrrad streitig gemacht. Fast 76 Millionen Stück gibt es davon in der Bundesrepublik, Personenkraftwagen hingegen bloß knapp 48 Millionen (Stand 2019). Deutschland ist eine Radfahrernation. Das Velo nutzen die Menschen in Deutschland vor allem für kurze Wege in der Stadt.

Doch auch die Zahl der Freizeit- und Urlaubsradler wächst stetig. An der Donau entlang, den Fichtelberg hoch, durchs Norddeutsche Tiefland  – die Radler erobern nahezu jedes Terrain.

Dass das Fahrrad einmal so beliebt und vor allem zu einem Freizeitvergnügen werden würde – damit hat Karl Friedrich Freiherr Drais sicher nicht gerechnet.

Der gebürtige Karlsruher erfand Anfang des 19. Jahrhunderts seine Fahrmaschine aus der Not heraus: Die Explosion des indonesischen Vulkans Tambora 1815 hatte zu Ernteausfällen und mehreren "Jahren ohne Sommer" geführt. Der Haferpreis stieg – die Pferde konnten nicht mehr versorgt werden. Ein neues Gefährt musste her! Eines, das unabhängig vom Tier war.

Der Vorläufer des Fahrrads wird patentiert (am 12.01.1818) WDR ZeitZeichen 12.01.2023 14:44 Min. Verfügbar bis 12.01.2099 WDR 5

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Drais erfand das Zweiradprinzip: Zwei Räder laufen hintereinander. Gelenkt wurde am Vorderrad. Eine Stütze für die Unterarme, das Balancierbrett, übertrug die Kraft ins Rad. Pedale gab es noch nicht, der Fahrer schob sich mit den Füßen voran. Diese Draisine war das Ur-Fahrrad.

Das Potenzial dieses ersten Drahtesels demonstrierte Drais höchstpersönlich am 12. Juni 1817. Er lief von seinem Mannheimer Wohnhaus nach Schwetzingen und zurück – für die 14 Kilometer brauchte er mit dem etwa 22 Kilogramm schweren Gefährt etwa eine Stunde. Eine passable Zeit. Und doch setzten sich die ersten Zweiräder nicht durch.

Zum einen waren sie teuer. Zum anderen unbequem – die Straßen damals waren holprig. Auf die Bürgersteige auszuweichen, kam aber nicht in Frage: Die Städte verboten es den Bürgern, auf den komfortableren Gehwegen zu fahren. Und so verschwand die Draisine wieder in der Versenkung.

Das Ur-Fahrrad: ohne Pedale, dafür mit Stützbrett für die Unterarme | Bildquelle: Interfoto/Science & Society

Shake it, baby: Die ersten Hochräder

Etwa fünf Jahrzehnte vergingen. Es war vermutlich der Franzose Pierre Michaux, der das Rad mit Pedalen ausstattete. Andere sehen in Pierre Lallement den wahren Erfinder des Pedalrades.

Was wir wissen: Lallement war kurze Zeit für Michaux tätig, der wiederum mit den geschäftstüchtigen Brüdern Olivier zusammenarbeitete. Die beiden Brüder finanzierten die Produktion der Fahrräder, die nun auch über Pedale verfügten.

Bei der Weltausstellung 1867 in Paris stellten sie das Zweirad der Weltöffentlichkeit vor. Der Name: vélocipède bicycle, auf Deutsch Velozipede, also schnelle Füße. Das neue Verkehrsmittel etablierte sich fortan rasch.

Das Fahrrad wurde zunächst als Hochrad weiterentwickelt: Je größer das Rad, umso größer die Entfernung, die der Fahrer mit einer Pedalumdrehung zurücklegen konnte. Die Konstruktionen waren sehr beeindruckend – und die Unfallquote hoch.

Ein Hochrad war teuer: 1880 kostete ein Exemplar fast 400 Reichsmark. So viel verdiente ein Arbeiter im ganzen Jahr. Das Rad avancierte zum Prestigeobjekt. Vor allem Dandys – vornehme junge Männer – hatten genug Zeit, Geld und Balancegefühl, um mit so einem teuren Rad im Park spazieren zu fahren. Angenehm war das nicht, die Räder hatten bald den Ruf als "Knochenschüttler" weg.

Das hielt zwanzig Hochradfans jedoch nicht davon ab, am 17. April 1869 in Hamburg den ersten – und heute noch existierenden – Radfahrclub der Welt zu gründen: den Eimsbütteler Velocipeden-Reitclub.

Die Mitglieder unternahmen Weltreisen und veranstalteten erste Rennen. Eines der ersten Fernradrennen war damals Paris–Roubaix 1896. Die Herausforderung: Es ging fast ausschließlich über Kopfsteinpflaster.

Gaudi auf dem Hochrad: Ausflugsfahrt den Berg hinab | Bildquelle: Interfoto/Granger, NYC

Wer radelt, hält sich fit und schont die Umwelt

Das Niederrad, wie wir es heute kennen, wurde zum ersten Mal 1885 in England gebaut. Auch der Begriff "Fahrrad" taucht hier zum ersten Mal auf. Die harten Vollgummireifen wichen bald Luftgummireifen, das Radfahren wurde damit deutlich bequemer – und fand immer mehr Anhänger. Um die Jahrhundertwende war das neue Verkehrsmittel für die meisten Menschen erschwinglich geworden.

Die weltweit größten Fahrradfabrikanten saßen Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Ein Fahrrad bedeutete Freiheit und Mobilität, das machte es auch in den Augen vieler Frauen attraktiv. Diese mussten sich ihr Recht auf das Radfahren jedoch erst erkämpfen.

Schädlich für die Gebärfähigkeit sei diese Art der Fortbewegung, hieß es. Und gefährlich dazu: Lange Röcke würden sich zu schnell in den Speichen des Rades verheddern. Hosen und Sportkleidung für Frauen waren damals noch verpönt. 

Das Fahrrad brachte es schnell vom Luxusartikel zum beliebten Gebrauchsgegenstand. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Begehrlichkeiten: Wer etwas auf sich hielt, legte sich ein Auto zu. Bis in die 1980er Jahre hinein dauerte der Autoboom an. Erst dann setzte allmählich ein Umdenken ein.

Fahrradfahren in Amsterdam Planet Wissen 06.11.2023 02:23 Min. UT Verfügbar bis 02.10.2025 WDR

Inzwischen haben die Deutschen die Vorteile des Fahrradfahrens erkannt. Es hält fit, schont die Umwelt, schleust den Fahrer zuverlässig an Staus vorbei und erspart die Suche nach einem Parkplatz.

Mehr als zwei Drittel der Deutschen besitzen mindestens ein Fahrrad, 2015 legten diese Radler insgesamt fast 25 Milliarden Kilometer zurück. Wie viele davon auf ein Pedelec entfallen – also ein Rad, das von einem Elektromotor angetrieben wird–, verrät die Statistik allerdings nicht.

Anfangs noch als "Rehamobil" und "Rentnerkutsche" verpönt, hat sich das Elektrorad inzwischen seinen Platz auf dem deutschen Fahrradmarkt erkämpft. Der Umsatz mit den E-Bikes steigt stetig. 

Beliebtes Verkehrsmittel in der Stadt: das Fahrrad | Bildquelle: dpa/picture alliance/Julia Wäschenbach

Münster ist die Fahrradhauptstadt Deutschlands

Dem Radelbedürfnis der Deutschen tragen viele Städte Rechnung: Radwege werden ausgebaut, Radbügel als Abstell- und Anschließmöglichkeiten installiert.

Die meisten großen Städte haben inzwischen Fahrradverleihsysteme etabliert, bei denen die Bürger und Touristen sich an einer Station ein Fahrrad ausleihen, zu ihrem Zielort fahren und es dort wieder abstellen.

Die meisten Fahrradfans leben offensichtlich in Münster. Hier gibt es nach Angaben des städtischen Fremdenverkehrsamts doppelt so viele Räder wie Einwohner: 500.000 Stück. Die größte Radstation Deutschlands liegt direkt am Hauptbahnhof. Insgesamt 3500 Räder können darin geparkt werden. Neben den Abstellplätzen gibt es hier auch einen Werkstattservice und eine Fahrradwaschanlage.

(Erstveröffentlichung: 2016. Letzte Aktualisierung: 18.01.2021)