Seide

Eine hellblaugraue, rosa, dunkelrot gestreifte glänzende dicke Seide. Durch die diagonal verlaufende Falte im Stoff sieht man den hellen Glanzstreifen auf der Kante.

Werkstoffe

Seide

Lange war Seide ein Luxusgut, das sich nur die Reichen leisten konnten. Inzwischen begegnet uns Seide fast überall: in Steppjacken, Bettdecken, Schirmen, Hüten, Fallschirmen, Unterwäsche, Zahnseide. Egal, was aus der starken feinen Naturfaser Seide hergestellt wird – am Anfang steht eine kleine Raupe, der Maulbeerspinner.

Fressen bis zum "Gehtnichtmehr"

Der so genannte Maulbeerspinner spinnt die Seide, die heutzutage überall im Handel ist. Es beginnt damit, dass der grau-gelbe Nachtschmetterling 200 bis 800 Eier legt. Nach etwa zehn Tagen schlüpfen aus den Eiern kleine, zwei bis drei Millimeter lange, schwarz behaarte Raupen.

Zwischen braunen vertrockneten Halmen sieht man im Vordergrund die Gespinste von Seidenraupen

Seidengewirr und Kokon

Während des Winters bewahrt der Züchter die Eier kühl auf. So schlüpfen die Raupen erst dann, wenn es warm ist und es genügend Nahrung gibt. Schon nach drei Tagen färbt sich die Haut der winzigen Raupen weiß. Die Maulbeerspinner häuten sich und fressen und fressen – und zwar, wie der Name schon verrät, ausschließlich frische Blätter vom Maulbeerbaum.

Nach vier Wochen und insgesamt vier Häutungen hat die Raupe das 40.000-fache ihres ursprünglichen Gewichts gefuttert. Jetzt ist sie ungefähr fingerdick. Die Verwandlung kann beginnen.

Leben und Sterben im Kokon

Bevor sich die Raupe verpuppt, spinnt sie erst einmal ein Seidengewirr zwischen Grashalmen und Zweigen. Das wird die Verankerung für den Kokon. Dieses Seidengewirr wird auch als Flockseide bezeichnet. Darin hängend spinnt sie nun einen Faden von rund 3000 Metern um sich herum.

Die Raupe besitzt vier Drüsen an ihrer Unterlippe. Jeweils zwei Drüsen produzieren gleichzeitig einen Faden. Der besteht aus Fibrin, einem hornähnlichen Eiweiß, und ist mit Sericin, einem Leim, verklebt. Der Kleber wird auch als Seidenbast bezeichnet. Er enthält Pigmente, die den Farbton der Rohseide bestimmen.

Blaubemützte, chinesische Arbeiterinnen sortieren Seidenkokons. In zwei Linien stehen sie sich gegenüber und haben Körbe mit Kokons neben sich. Sie arbeiten in einem Fabrikraum mit hellen Leuchtstoffröhren über jeder Arbeitslinie.

Moderne Seidenfabrik in China

Beim Spinnen bewegt die Raupe sich achtförmig. Je nach Zucht können die Kokons kugelig sein, oval oder länglich, weiß, gelb, rosa oder grau. Eine Weile ist die Raupe darin noch aktiv. Doch dann ruht sie. Man spricht in dieser Phase von der Puppe.

Nach 18 Tagen würde normalerweise ein weißer, wollig-behaarter Schmetterling herausschlüpfen. Doch das verhindert der Züchter. Der Schmetterling würde nämlich den Kokon mit einem Sekret aufweichen und dann durchbeißen. Der Faden ließe sich nicht mehr vom Kokon abwickeln. Deshalb tötet der Züchter die eingesponnene Larve schon nach zehn Tagen. Schlüpfen dürfen nur die Maulbeerspinner, die zur Nachzucht verwendet werden.

Die Larven in den Kokons werden entweder mit Wasserdampf, mit Heißluft oder durch die Mikrowelle getötet. Anschließend gibt es noch ein heißes Bad, damit sich der Klebstoff löst, der die Seidenfäden im Kokon zusammenhält. Dann erst kann der Faden abgewickelt werden.

Je nach gewünschter Fadenstärke werden dabei zehn oder mehr der hauchdünnen Fäden zusammengefasst. Ein Kilo Kokons ergibt ungefähr 250 Gramm Seidenfaden.

Vom Kokon zum edlen Stoff

Die oberste Schicht des Kokons kann man nicht abwickeln. Die Fasern sind wirr und kurz. Sie werden einfach abgezupft oder abgekämmt. Als so genannte Florettseide kommt sie in den Handel und ähnelt Nessel- oder naturfarbenem Baumwollstoff.

Auf einem leuchtend blauen Stoff ist ein großer Drache abgebildet, eine Seidenstickerei mit Gold. Drumherum schmückt die Seide goldene und türkisfarbene Kringel, die wie kleine stilisierte Wolken aussehen.

Prunkgewand eines Mandarins, 17. Jahrhundert

Was beim Kämmen übrig bleibt, wird auch noch verwendet. Das ist die Bouretteseide. Sie wird grob gesponnen, hat viele Noppen und ist stumpf. Ist die oberste Schicht des Kokons entfernt, beginnt das Abwickeln. Das Ergebnis ist Rohseide oder Bastseide. Sie glänzt nicht, ist wenig geschmeidig, aber dafür sehr fest.

Aus Rohseide können die verschiedensten Seidenprodukte hergestellt werden. Sie wird je nach gewünschter Qualität mehr oder weniger gründlich vom Bast befreit, das heißt vom Leim, der die Fäden verklebt. Das geschieht durch Abkochen in Seifenwasser. Je gründlicher die Seide "entbastet" wird, um so stärker glänzt sie. Die hundert Prozent entbastete Seide ist die so genannte Glanzseide oder Cuite-Seide. Sie gehört noch heute zu den teuersten Seiden und wird zu Seidendamast, Atlasseide oder Seidenduchesse verwebt.

Der Stoff, der aus den Ausscheidungen der Seidenraupe entsteht, ist nicht zuletzt wegen seiner Eigenschaften so begehrt: Seide lässt sich um rund 15 Prozent dehnen, ohne zu reißen. Außerdem wirkt sie temperaturregulierend: Sie kühlt bei Hitze und wärmt bei Kälte. Sie kann bis zu 30 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Die Oberfläche ist Schmutz abweisend und unempfindlich gegenüber Gerüchen. Seide ist knitterarm und trocknet schnell.

Wer sonst noch spinnt…

Bildfüllend ein Spinnennetz. Die einzelnen Fäden sind mit Tau behaftet.

Spinnennetz im Morgentau

Nicht nur Seidenraupen spinnen seidene Fäden, die sich zu Textilien verarbeiten lassen: Besonders im Altweibersommer fallen die Gespinste der Spinnen auf. Doch im Jahre 1665 gab es ein besonderes Naturereignis: Wald und Flur um Merseburg herum waren völlig von Spinngewebe überzogen. Das brachte einige Merseburger auf die Idee, aus den Spinnenfäden Seidenbänder zu weben – eine Geschäftsidee ohne Perspektive, denn das Ereignis wiederholte sich in den kommenden Jahren nicht.

Rund 50 Jahre später kam ein Franzose aus Montpellier auf eine ähnliche Idee: Er wollte Handschuhe und Strümpfe aus Spinnenseide herstellen. Doch auch dieses Geschäft war nur von kurzer Dauer.

Ein grobes Gewebe aus Fäden unterschiedlicher Stärke mit kleinen Noppen. Die Farbe variiert zwischen beige und braun.

Wildseide


Es gibt sogar Seide, die aus dem Meer kommt. Produzent ist die spinnende Steckmuschel im Mittelmeerraum. Die Muschel besitzt Drüsen, die den seidenen Faden erzeugen. Seit dem römischen Altertum ist diese Seide bekannt. Man nannte sie Byssus, genau so wie die Muschel. Gewebe daraus waren schon damals sehr selten und daher besonders kostbar.

Seide, wie sie noch heute als Wildseide im Handel ist, liefert der Tussahspinner oder der Wildseidenspinner. Die Raupe verpuppt sich und schlüpft nach einiger Zeit als fertiger Schmetterling aus ihrem Seidenkokon. Dabei zerstört sie den Kokon und damit auch den fortlaufenden Faden. So kann die Seide nicht abgewickelt, sondern nur abgezupft werden. Sie ist ungleichmäßig, matt und von Natur aus beige bis braun.

Autorin: Bärbel Heidenreich

Stand: 07.09.2015, 16:00

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