Handwerk heute

Traditionelle Herstellung eines Fasses

Arbeit

Handwerk heute

In kaum einem Berufsstand liegen Tradition und technischer Fortschritt so nahe beieinander wie im Handwerk. Was früher ausschließlich mit der Hand gestaltet wurde, geschieht heute in vielen handwerklichen Berufen mit Hilfe von Computern. Trotzdem lernen Handwerker auch heute noch die traditionellen Techniken. Und so mancher alte und vom Aussterben bedrohte Handwerksberuf hat inzwischen wieder Konjunktur.

Darum geht's:

  • In Deutschland gibt es über 130 Ausbildungsberufe im Handwerk.
  • Traditionelle Werkzeuge kommen immer noch zum Einsatz.
  • Hinzu gekommen sind computergesteuerte Prozesse.
  • Die Ausbildung dauert drei bis dreieinhalb Jahre.
  • Im Mittelalter schlossen sich Handwerker zu Zünften zusammen.
  • Einige Handwerksberufe haben eine uralte Tradition.

Was ist Handwerk?

Handwerk steht im Gegensatz zur industriellen Massenproduktion und versteht sich selbst als wirtschaftliche und gesellschaftliche Gruppe. Es ist eine gewerbliche Tätigkeit, die Produkte meist auf Bestellung anfertigt.

Das Handwerk wird in Betrieben ausgeübt, die noch oft Familienbetriebe sind. Früher wurden die Produkte ausschließlich "von Hand" gefertigt. Heute übernehmen teilweise Maschinen die Produktion, die wiederum aber auch von Hand gebaut, bedient werden müssen.

Der Gesetzgeber verzichtet auf eine genaue Definition und macht auch keine Einschränkungen bei der Betriebsgröße und Umsatzhöhe.

Wer einen Betrieb eröffnen möchte, muss die Voraussetzungen nach dem Gesetz zur Regelung des Handwerks (Handwerksordnung/HWO) erfüllen und wird dann in die Handwerksrolle der jeweiligen Handwerkskammer eingetragen.

Die Lehrlinge machen ihren Abschluss mit der Gesellenprüfung. Anschließend können sie noch ihren Meister machen, um eventuell selbst einen Betrieb eröffnen und ausbilden zu können.

Es gibt derzeit über 130 Ausbildungsberufe im Handwerk. 12,4 Prozent aller Erwerbstätigen und 26,5 Prozent aller Auszubildenden in Deutschland sind im Handwerk tätig.

Modernes Handwerk heute

Das Faszinierende am Handwerk ist der tägliche Umgang mit oft traditionellen Werkzeugen, mit denen individuell produziert werden kann. So geht es zum Beispiel auch in einer modernen Tischlerei heutzutage nicht ohne Handhobel zu. Hinzu kommen neue Materialien und Bearbeitungsmethoden.

Ein Dozent erklärt zukünftigen Schornsteinfegern die Funktionsweise moderner Heizungsanlagen.

Moderne Heizungsanlagen: eine Herausforderung für Schornsteinfeger

Im elektronischen Zeitalter hat sich die rein manuelle Arbeit hin zu computergesteuerten Prozessen entwickelt. Formte der Bäcker seine Brötchen früher noch mit der Hand, macht in größeren Betrieben die Brötchenformmaschine jetzt seinen Job. Trotzdem muss das alte Handwerk gelernt werden und außerdem, wie man solche Maschinen bedient.

Aber es entwickeln sich auch ganz neue Berufe. So kann man sich in den traditionellen Bau- und Sanitärberufen zum Gebäudeenergieberater weiterbilden.

Der Büromaschinenmechaniker, der früher beispielsweise die Schreibmaschinen reparierte, hieß zwischenzeitlich Bürosystemelektriker und ist heute, dem technischen Fortschritt angepasst, Informationselektroniker.

Wie der Handwerker zum Beruf kommt

In der Regel dauert die Ausbildung in allen Handwerksberufen drei bis dreieinhalb Jahre und schließt mit der Gesellenprüfung ab. Um sich mehr Fachwissen anzueignen, kann man bereits während der Ausbildung bis zu neun Monate ins Ausland gehen.

Nach der Prüfung kann jeder auch traditionell "auf die Walz" gehen. Entweder wandert man "frei", also auf eigene Faust, oder in sogenannten "Schächten" (Handwerkervereinigungen).

Ein Ausbilder erklärt seinem Auszubildenden die Funktionsweise einer Maschine.

Eine gute Ausbildung als Grundlage für das Berufsleben

Früher hatten Handwerksbetriebe keine Probleme mit dem Führungsnachwuchs, da sie größtenteils Familienbetriebe waren. Heutzutage tritt die Nachfolge meist ein "Firmeninterner" an, da Familienangehörige oft einen anderen Beruf anstreben.

Waren früher noch der Meistertitel oder ein Studium zwingend für die Führung eines Betriebes, so ist das heute nicht mehr in allen Berufen der Fall. Jeder Geselle, der etwas von seinem Fach versteht, kann einen Betrieb eröffnen.

Nur in 41 Handwerken besteht seit Novellierung der Handwerksordnung 2004 weiterhin die Meisterpflicht. Es kommt sehr auf Führungspersönlichkeit, Kopf- und Planarbeit, Fleiß und Qualitätssicherung an, um am Markt überleben zu können. In Deutschland wird schon seit langer Zeit diskutiert, ob ein Meister- und Studienabschluss gleichwertig sind.

So lernen beispielsweise Studenten im Maschinenbau und Architektur nahezu das Gleiche, um einen Betrieb wie ein Handwerksmeister führen zu können. Die Studierenden dürfen sich am Ende aber nicht Meister nennen.

Geschichte des Handwerks seit dem Mittelalter

Zu einer regelrechten Blüte des Handwerks kam es im 12. und 13. Jahrhundert durch das Wachsen der Städte. Mit dem Aufkommen des Nahrungsmittelgewerbes kamen zu den klassischen Handwerksberufen wie Schmied und Drechsler weitere Metiers auf wie Bäcker, Brauer und Fleischhauer.

Zwei Wandergesellen

Auch heute noch gehen manche Handwerksgesellen auf Wanderschaft

Als viele Städte reichs- oder landesherrenfrei wurden und selbst für ihre Sicherheit sorgen mussten, wurden die Metallhandwerker, die Messerschmiede, Helmschmiede, Bogner, Panzerschmiede, Huf- und Nagelschmiede wichtiger und zunehmend wohlhabender. Die Zahl der Handwerker stieg in den Städten durch diesen Aufschwung.

Die Arbeitsweise veränderte sich aufgrund steigender Nachfrage. Neben der Auftragsarbeit gab es zusätzlich eine ständige Produktion "gängiger" Waren. Diese verkauften die Handwerker dann wie Kaufleute auf dem Markt.

Um besser aufgestellt und organisiert zu sein, schlossen sich die Handwerker zu selbstverwalteten Zünften zusammen - oft gegen den vehementen Widerstand der Stadtregierungen. In einem Kompromiss verpflichteten sich die Zünfte der Stadt gegenüber, den Bürgern für einen "gerechten Preis" nur gute Ware zu liefern.

Im Gegenzug durfte der Bürger seine Ware nur bei den städtischen Handwerkern kaufen. Neben den Handwerkern in Zünften gab es noch sogenannte "Freimeister" wie Bildhauer oder Kunstmaler. Sie waren vom Zunftzwang befreit und konnten ihre Werke direkt verkaufen. Ein bekannter Freimeister war Johannes Gutenberg, der den Buchdruck erfand.

Erst im 18. Jahrhundert konnte sich dank der Französischen Revolution und der Industrialisierung die Gewerbefreiheit durchsetzen. Damit hatte jeder Bürger das Recht zu wählen, ob und welches Handwerk er ausüben wollte.

In Preußen wurde die Gewerbefreiheit am 2. November 1810 eingeführt. Die Erweiterung im Jahr 1869 gab jedem Bürger die Möglichkeit, seinen eigenen Handwerksbetrieb zu gründen.

Am 6. August 1897 erließ Kaiser Wilhelm II. das Gesetz "betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung". Damit trat erstmals eine deutsche "Handwerksordnung" in Kraft.

Sicherten früher die Zünfte einen hohen Qualitätsstandard ihres Gewerks und dass es zur Ausbildung eines Handwerkers eines Meisterbriefs bedurfte, so übernahmen nun die Handwerkskammern und Innungen diese Funktion. Diese Ordnung hat im Wesentlichen bis heute Bestand.

Alte Handwerke und ihre "Pflege"

Einige Handwerksberufe können auf eine uralte Tradition zurückblicken: Schmiede gibt es beispielsweise, seitdem der Mensch gelernt hat, Metalle zu schmelzen und zu bearbeiten. Auch die holzverarbeitenden Berufe wie Schreiner oder Böttcher zählen zu den ganz alten Handwerken. Dabei existiert jedes Spezial-Handwerk fort, solange es gefragt ist.

Ein Fassbauer dreht Büchsen in ein 200 Liter Holzfass.

Holzfässer sind im Weinbau wieder gefragt

Von den Böttchern gibt es in Deutschland vielleicht noch eine Handvoll, "aber die haben zu tun, sie bestechen durch Qualität und ihre Fässer werden auch von Frankreich geordert", so Dirk Palige vom Zentralverband des Deutschen Handwerks, der alte Handwerke als Kulturgut für schützenswert hält:

"Wir wollen das Handwerk schützen lassen, das traditionelle Handwerk auf die Liste der Weltkulturerbe setzen lassen, um zu zeigen, dass es etwas Besonderes ist; dass es für bestimmte Werte und Inhalte steht."

Mithilfe der Handwerkskammern und Fachverbände könnten so auch die regionalen Besonderheiten herausgestellt werden.

"Küfer gibt es zum Beispiel nicht so oft in Schleswig-Holstein. Den Holzspielzeugmacher findet man im Erzgebirge und nicht im Ruhrgebiet. Es ist Aufgabe der Fachorganisationen das darzustellen und zu erklären, warum es so ist."

Mit diesen Ansätzen zum Schutz und zur Pflege alter Handwerke entsprechen die Verbände auch einem Trend: Immer mehr kommunikationsmüde und modernisierungserschöpfte Bürger spüren ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Natürlichkeit, Einfachheit und Rustikalem.

Seit 2008 bieten Zeitschriften mit dem Label "Land" im Titel Artikel übers Töpfern, Angeln oder das Anlegen von Blumenbeeten. Es geht ums Ausspannen und Entschleunigen, aber auch um Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit – zum Beispiel auch weg von industriell hin zu manuell gefertigter Ware.

Viele vom Aussterben bedrohte Berufe erleben so eine kleine Renaissance, weil sie an die "gute alte Zeit" erinnern und einen Gegenpol bilden zum unromantischen, schnellen Konsumleben.

Autorin: Tanya Rothe

Weiterführende Infos

Stand: 14.07.2017, 15:00

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