Tierische Neuroparasiten

Tierische Neuroparasiten

Sogenannte Neuroparasiten manipulieren das Verhalten ihrer Wirte für ihre eigenen Zwecke – wie winzige Marionettenspieler. Das Ziel dahinter: die Fortpflanzung!

Nahaufnahme einer schwarzen Ameise.

Im mittel- und südamerikanischen Regenwald manipuliert der winzige Fadenwurm (Myrmeconema neotropicum) die Färbung und das Verhalten einer Ameise (Cephalotes atratus) derart, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Vogel gefressen wird, dem Endwirt des Parasiten. Nicht-infiziert ist die Ameisenart schwarz.

Im mittel- und südamerikanischen Regenwald manipuliert der winzige Fadenwurm (Myrmeconema neotropicum) die Färbung und das Verhalten einer Ameise (Cephalotes atratus) derart, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Vogel gefressen wird, dem Endwirt des Parasiten. Nicht-infiziert ist die Ameisenart schwarz.

Vom Fadenwurm infizierte Ameisen entwickeln einen prächtig rötlichen Hinterleib, den sie deutlich nach oben spreizen.

Die infizierten Insekten klettern sogar auf Bäume, die rote Beeren tragen und verharren dort zwischen den Früchten. Vögel, die sich an den Leckerbissen bedienen, fressen so auch immer wieder die Ameisen. Im Vogel vermehrt sich nun der Fadenwurm und produziert Nachkommen. Seine Eier werden über den Kot ausgeschieden. Ameisen tragen den nahrhaften Vogelkot in ihre Nester und verfüttern diesen an ihre Larven – der Parasiten-Kreislauf beginnt von vorne.

Kakerlaken wie die Amerikanische Großschabe (Periplaneta americana) sind das Opfer einer bestimmten Wespenart, die nur halb so groß wie die Schabe ist.

Wenn ein befruchtetes Weibchen der wunderschön blaugrün schimmernden Juwelwespe (Ampulex compressa) eine Kakerlake entdeckt, sticht sie zweimal zu. Mit dem ersten Stich, den sie ins Brustganglion setzt, lähmt sie die Vorderbeine der Schabe und hindert sie an der Flucht. Der zweite geht gezielt hinter den Kopf ins Zentralnervensystem, in eine Region, die für den Fluchtreflex zuständig ist: das Protocerebrum.

Die Kakerlake wird durch das injizierte Gift wortwörtlich zur Marionette der Wespe. Willenlos lässt sie sich von der kleinen Wespe, die sie dafür an ihrem Fühler packt, wie ein Hund an der Leine in ein Erdloch führen. Dort legt die Juwelwespe ein Ei auf ihrem Opfer ab und verschließt den Nesteingang mit Steinchen. Die Kakerlake wird zum lebenden Nahrungsdepot ihres Nachwuchses.

Hat der parasitäre Saugwurm Leucochloridium paradoxum eine Schnecke befallen, verändert er nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihr Aussehen. Wenn die Larven des Wurms in den Verdauungstrakt der Schnecke gelangen, bilden sich lange Schläuche, sogenannte Sporozysten aus, die bis in die Fühler wandern. Diese lassen die Schneckenfühler deutlich anschwellen, beginnen auffällig zu pulsieren und sehen mit ihren leuchtenden Farben täuschend echt wie Raupen aus. Das lockt hungrige Vögel – den Endwirt des Saugwurms – an. Frisst ein Vogel nun so einen veränderten Fühler, pflanzen sich die Würmer in seinem Verdauungstrakt fort. Die befruchteten Eier werden durch den Vogelkot verbreitet und der Kreislauf beginnt von vorne.

Der Bandwurm (Schistocephalus solidus) gibt sich nicht mit einem Wirt zufrieden. Am Anfang seines komplizierten Lebenskreislaufs stehen winzige Ruderfußkrebse (Copepoda). Die Wurmlarve verändert das eigentlich zurückhaltende Verhalten des Krebses.

Denn der nächste Wirt, der dreistachelige Stichling, soll ihn fressen.  Daher präsentiert sich das kleine Tier förmlich dem Stichling und dieser schnappt nichts ahnend zu.

Nur im dreistacheligen Stichling kann die Larve enorm an Masse zulegen, in jedem anderen Fisch würde sie sterben. Der Wurm sorgt auch hier wieder dafür, dass sich der Fisch dem nächsten Wirt – einem Vogel – förmlich durch Verhaltensänderung aufdrängt.

Denn der infizierte Stichling schwimmt nahe an der Wasseroberfläche und wird so zur leichten Beute, etwa für einen Fischreiher. Der Vogel ist der Endwirt des Bandwurms: Hier kann er sich paaren und damit für Nachwuchs sorgen. Mit dem Vogelkot werden die frischen Wurmeier ausgeschieden und der Zyklus beginnt von vorne.

Im Inneren seines Wirtes, der weiblichen Krabbe (Carcinus maenas), wächst der weibliche Sackkrebs (Parasit) (aus der Familie der Rankenfüßer) heran. Am Hinterleib der Krabbe bildet er eine sackartige Ausstülpung mit Eiern aus. Genau dort, wo normalerweise die Krabbe selbst ihre Eier ablegt und behütet. Befallene Wirtskrabben werden nun von männlichen Sackkrebsen zur Befruchtung der Eier aufgesucht. Die Wirtskrabben werden so manipuliert, dass sie den "Kuckucksnachwuchs" behüten und pflegen, als wäre es ihr eigener.

Das Verhalten von Ameisen in den Tropen und Subtropen wird durch die parasitische Schlauchpilzart (Ophiocordyceps unilateralis) manipuliert. Die Sporen des Pilzes keimen auf dem Exoskelett von Ameisen, vor allem auf Tieren der Gattung Ross-, beziehungsweise Holzameisen (Camponotus). Der Pilz infiziert schließlich das zentrale Nervensystem der Insekten und führt zu Verhaltensänderungen: Nach drei bis sechs Tagen klettern die Ameisen hoch in die Kronen von Bäumen. Oben angekommen, beißt sich die Ameise fest und verharrt. Der Pilz tötet seinen Wirt und bildet Fruchtköper, die aus dem Leichnam herauswachsen. Die Sporen fallen nun vom Baum herunter und infizieren neue Ameisen. Immer wieder finden sich regelrechte Ameisenfriedhöfe in den Baumwipfeln.

Der Baculovirus befällt die Raupen des Schwammspinners (Lymantria dispar), einem gefürchteten Forstschädling. Der Virus zerstört ein Hormon, das den Raupen Sättigung signalisiert und den Befehl zur Verpuppung gibt. Die Raupen fressen so hemmungslos weiter und gelangen in ihrem Fressrausch bis in die Wipfel der Bäume, daher der Name "Wipfelkrankheit". Die Raupen fressen tatsächlich so lange weiter, bis sie platzen. Die Innereien mit ihrer Virenfracht segeln durch die Lüfte und landen auf weiteren Gelegen des Schwammspinners. Und schon infizieren sich weitere frisch geschlüpfte Raupen.

Einer der ersten Gehirnparasiten, deren Verhalten eingehend erforscht wurde, ist der Kleine Leberegel. Die Vermehrungsstrategie dieses kleinen Leberegels (Dicrocoelium dendriticum) ist ziemlich ausgeklügelt. Denn er benutzt gleich mehrere Wirte.

Am Anfang steht die Schnecke, denn sie ernährt sich unter anderem vom Kot der Weidetiere wie Schafe oder Rinder. Sind Eier des Leberegels im Kot, entwickeln sich diese in der Schnecke zu sogenannten Zerkarien, der Larvenform des Parasiten. Die Larven wandern in die Atemhöhle der Schnecke ein. Hier werden sie in Form kleiner Schleimbällchen von der Schnecke ausgeschieden.

Ameisen haben die Schneckenschleimbällchen zum Fressen gern. Kaum verspeist, beginnt der Wurm aktiv den neuen sechsbeinigen Wirt zu manipulieren. Er wandert in das Gehirn der Ameise und verändert ihr Verhalten. Die Tiere verlassen nachts die Sicherheit ihres Baus und krabbeln bis zur Spitze eines Grashalmes, um sich dort zu verbeißen.

Das eigentliche Ziel des Parasiten ist die Leber eines Wiederkäuers, wie etwa von einem Schaf oder einem Rind. Nur hier, in seinem Endwirt, kann er sich paaren und vermehren. An der Spitze eines Grashalms stehen die Chancen dafür besonders gut. Bleibt der Ameise der Tod erspart, wandert sie zurück ins Nest – um in der folgenden Nacht von Neuem aufzubrechen, so lange, bis ein Weidetier sie verspeist.

Stand: 11.09.2018, 10:43 Uhr

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