Kinderarmut in Deutschland

Junge sitzt mit kaputten Schuhen und traurigem Blick vor einer Mauer.

Armut in Deutschland

Kinderarmut in Deutschland

Von Daniel Schneider

Sie sitzen mit knurrendem Magen im Schulunterricht und nach den Ferien bleibt ihr Blatt zum Thema "Mein schönstes Urlaubserlebnis" leer. In Deutschland erleben viele Kinder hautnah, was es bedeutet, arm zu sein.

Was sind die Gründe für Kinderarmut?

Arbeitslosigkeit oder ein niedriges Einkommen sind die Hauptgründe für fehlendes Geld in den Familien und damit auch die wichtigsten Auslöser für Kinderarmut in Deutschland. Durch die Abhängigkeit von ihren Eltern steht und fällt das Wohlbefinden der Kinder immer mit dem finanziellen und gesellschaftlichen Zustand ihrer Erziehungsberechtigten.

Die Studie der "Armutsmuster in Kindheit und Jugend" der Bertelsmann Stiftung von 2017 belegt, dass Kinder alleinerziehender Eltern, Kindern mit mindestens zwei Geschwistern und Kinder geringqualifizierter Eltern besonders von Armut bedroht sind.

So erscheint der Übertrag der Studienergebnisse in den Alltag einfach und fast schon klischeehaft: Viele Kinder verursachen natürlich viele Kosten. Alleinerziehende Elternteile können entweder nicht genug Geld verdienen, weil sie ihre Kinder betreuen, oder die Kinder werden vernachlässigt, weil ihre Eltern viel arbeiten. In jedem Fall steht ein persönliches Schicksal hinter der Statistik.

Zusätzlich zur materiellen Armut gibt es Eltern, die aus mangelndem Verantwortungsbewusstsein, Unwissenheit oder wegen persönlicher Probleme ihre Kinder vernachlässigen und nicht genug fördern können. Hier sind die Kinder nicht nur finanziell, sondern auch emotional benachteiligt. Die Eltern sind überfordert und können ihre Kinder nicht mit der notwendigen Wertschätzung begegnen.

Doch oft ist die Armut von den Eltern nicht selbst verschuldet worden und die meisten tun alles, damit ihr Nachwuchs so wenig wie möglich von den finanziellen Sorgen spürt.

Ein Junge sitzt vor einem Suppenteller

Eine warme Mahlzeit am Tag – für viele arme Kinder nicht selbstverständlich

Wer gilt als arm?

Deutschland gehört zu den reichsten Ländern der Welt und hat soziale Sicherungssysteme, so dass hier eigentlich niemand hungern sollte – und dennoch leben viele Kinder in Deutschland unter den schweren Bedingungen der Kinderarmut.

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass sich in Deutschland rund 21 Prozent aller Kinder mindestens fünf Jahre dauerhaft oder immer mal wieder in einer Armutslage befinden. Weitere 10 Prozent leben kurzzeitig in dieser Armutslage.

Als arm gelten dabei Kinder aus Familien, die mit deutlich weniger als dem durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen auskommen müssen oder staatliche Grundsicherung beziehen. Das bedeutet für diese Kinder nicht, dass sie kein Essen oder kein Zuhause haben. Allerdings kann ihre Entwicklung deutlich beeinträchtigt werden.

Mutter geht mit Sohn an der Hand

Alleinerziehende sind besonders armutsgefährdet

Was sind die Auswirkungen?

Die Kindheit ist für die Entwicklung eines Menschen entscheidend. In diesem Zeitraum werden wichtige Grundlagen für das spätere Erwachsenenleben gelegt. In den ersten Lebensjahren bilden sich im Gehirn Millionen von Nervenverbindungen, die darauf warten, benutzt und gekräftigt zu werden: Der Forscherdrang entsteht.

Das ist erstmal keine Frage des Geldes. Toben, spielen und entdecken – das muss nicht mit Kosten verbunden sein. Allerdings kann die persönliche Entwicklung durch Armut entscheidend gehemmt werden, wie der folgende beispielhafte Fall zeigt:

Nina ist genervt. Schon wieder streiten ihre Eltern. Es geht wieder einmal um Geld. Um das Geld, das Familie Fischer nicht hat, weil Herr Fischer wenig verdient und Frau Fischer ihre Berufsausbildung abbrechen musste. Ninas Geburt kam damals dazwischen. Durch die kleine Wohnung, in der Familie Fischer lebt, kann sich Nina nicht zurückziehen, sie teilt sich ein Zimmer mit ihrem kleinen Bruder.

Die 13-Jährige will ihre Eltern nicht mit zusätzlichen Problemen belasten und verschweigt, dass sie dringend neue Schulhefte und Stifte braucht. Den Ausflug mit ihrer Klasse in die nahegelegene Großstadt schwänzt Nina. Sie hat Angst, ohne Geld mit ihren Freundinnen auf Shoppingtour gehen zu müssen. Sie meldet sich in letzter Zeit oft krank, ihre Noten werden schlechter. Ihr großer Traum, Klavierunterricht zu nehmen, ist weit weg. Zu teuer! Zwei Wörter, die Nina sehr oft hört.

Ninas kleiner Bruder versteht die Zusammenhänge des Elternstreits zwar nicht, spürt aber den Stress und reagiert aggressiv. Bei den Vorsorgeuntersuchungen stellt der Arzt fest, dass der kleine Junge verhaltensauffällig ist.

Nina und ihr Bruder erleben das, was als Mangel an "Teilhabechancen" bezeichnet wird. Gemeint sind die Auswirkungen der Kinderarmut im Alltag, die nicht immer direkt mit der finanziellen Situation zusammenhängen müssen. Eine UNICEF-Studie zum Wohlbefinden von Kindern in Industrieländern aus dem Jahr 2007 hat die wichtigsten Entwicklungsbereiche benannt:

1. Materielle Lage
2. Gesundheit und Sicherheit
3. Bildung
4. Beziehung zu Eltern und Freunden
5. Risiken im Alltag
6. subjektives Wohlbefinden

Mädchen mit streitenden Eltern im Hintergrund

Streitpunkt Finanzen – auch für Kinder eine Stresssituation

Was wird unternommen?

Der Blick in die Vergangenheit zeigt den Teufelskreis: Kinder aus sozial schwachen Familien bleiben oft lebenslang arm. Sie haben es äußerst schwer, aus ihrem Milieu herauszukommen.

Die Kinderarmut zu bekämpfen und ihr vorzubeugen ist vor allem Aufgabe der Politik. Mit Förderungen wie Kindergeld, Wohngeld, Unterhaltsvorschuss, Mindestlohn oder dem Sozialgeld für Kinder werden Familien schon vom Staat unterstützt.

Auch das Bundes-Teilhabe-Gesetz, das seit 2017 gilt, soll die Kinderarmut bekämpfen. Hier können Kinder und Jugendliche aus Familien mit geringen Einkommen finanzielle Unterstützung bekommen. Sie können zum Beispiel bei Ferienfreizeiten mitfahren, Sport- und Musikangebote nutzen, bei Bedarf Nachhilfe bekommen oder am gemeinsamen Mittagessen in der Schule teilnehmen.

Die Bilanz nach fünf Jahren Teilhabegesetz fällt allerdings nicht sehr positiv aus. Abgesehen von Zuschüssen für Schulessen und Klassenfahrten ist die Nachfrage gering, heißt es in einem Bericht des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales fünf Jahre nach dem Beschluss. Als Gründe nennt der Auswertungsbericht fehlende Kenntnisse, an welche Stelle man sich für die Unterstützung wenden muss, und das umständliche Antragsverfahren.

Neben der Politik helfen auch Kirchen, gemeinnützige Organisationen, Schulen und Privatpersonen, die Armut zu lindern. In vielen deutschen Großstädten gibt es Kinderhilfswerke und soziale Einrichtungen.

Das christliche Kinderhilfswerk "Die Arche" ist mittlerweile an 18 Standorten in Deutschland, der Schweiz und in Polen aktiv und erreicht viele Kinder und Jugendliche. Außerdem unterstützen auch Angebote wie ein günstiger Einkauf in der Kleiderkammer, Hausaufgabenhilfe und die  Möglichkeit, mit jemandem zu reden.

Das klingt wie ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber für ein paar Kinder bedeutet es, dass sie eben nicht mit knurrendem Magen in der Schule sitzen müssen, sondern sich besser auf den Unterricht konzentrieren können.

Ältere Frau hilft Mädchen bei Hausaufgaben

Auch Unterstützung bei den Hausaufgaben hilft

Weiterführende Infos

Stand: 27.06.2018, 14:57

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