Blues

Konzert in London: die Blues-Musiker Bobby Bland, John Lee Hooker und B.B. King.

Musik

Blues

Sie waren Sklaven. Afrikaner, die in die USA verschleppt wurden. Fern der Heimat ackerten sie auf den Baumwollplantagen. Um die harte und monotone Arbeit besser ertragen zu können, begannen die Pflücker zu singen. Die Songs waren einfach, handelten von Liebe, Sehnsucht, Schmerz und Leid. Es waren die ersten Lieder eines neuen Musik-Genres: des Blues.


Gefangen – und doch frei

Bessie Smith, Robert Lee Johnson, Muddy Waters, John Lee Hooker und Willie Dixon – sie sind die Helden des Blues. Doch vor diesen hell leuchtenden Sternen gab es viele kleine Lichter, die Mitte des 19. Jahrhunderts den Grundstein für den Blues legten.

Sklaven aus Afrika mussten auf den Baumwollfeldern der Großgrundbesitzer im Süden der Vereinigten Staaten schuften. Sie sangen Lieder auf dem Feld, um die eintönige und harte Schufterei besser ertragen zu können. Den Rhythmus gab die Arbeit vor, die Folge aus immer gleichen Bewegungen. Liebe, Leid und Sehnsucht – davon sangen die Baumwollpflücker.

Die Lieder erinnerten sie an ihre Heimat auf der anderen Seite des Atlantiks. Der wehmütigen Stimmung verdankt die Musikrichtung ihren Namen: Wer sich "blue" fühlt, ist traurig oder melancholisch.

Den Feldarbeitern bedeutete die Musik sehr viel. Durch sie konnten sie sich auch in der Gefangenschaft frei fühlen. Sie gab ihnen eine kulturelle Identität. Obgleich die Weißen in den USA diese Musik verachteten. Doch die einfachen Melodien setzten sich durch.

Der Blues revolutionierte die Musikwelt nachhaltig – und beeinflusst bis heute die Rock- und Popmusik.

Sklaven auf dem Baumwollfeld

Sklaven auf dem Baumwollfeld

Mit Waschbrett, Zigarrenkiste und Mundharmonika

1865 endete der Amerikanische Bürgerkrieg – und mit ihm die Sklaverei in allen US-Bundesstaaten. Die Afro-Amerikaner begannen sich allmählich zu emanzipieren. Es entstand eine Szene für Black Music. Doch gleichberechtigt waren die ehemaligen Sklaven und deren Nachkommen noch lange nicht.

Es sollte ihnen aber fortan möglich sein, sich freier zu entfalten als zuvor – zumindest etwas. In Anbetracht der vorherigen Ausbeute und Unterdrückung war das eine Verbesserung. Vor 1865 hatten sie als Leibeigene umsonst geschuftet, nun sollten sie Lohn für ihre Arbeit erhalten.

Musik mit Waschbrett und Mundharmonika

Musik mit Waschbrett und Mundharmonika

Wer es sich leisten konnte, kaufte sich vom Ersparten ein Musikinstrument. Und wer geschickt genug war, baute sich aus dem Müll der Wohlhabenden eine Gitarre, deren Resonanzkörper etwa aus Zigarrenkisten bestand. Ausgediente Waschbretter wurden zu Rhythmusinstrumenten umfunktioniert. Auch Mundharmonikas aus Deutschland waren erschwinglich – und damit sehr beliebt.

Die Musiker entwickelten die einfachen Arbeiterlieder weiter und strickten populäre Songs daraus. Es formierten sich immer mehr Bands. Als Konzerthallen dienten diesen Holzschober und Scheunen. Diese Ur-Blues-Musik erfreute sich wachsender Beliebtheit.

Die Blues-Szene in Chicago

Der Blues stammt aus dem ländlich geprägten Süden der Vereinigten Staaten. Im Zuge der Industrialisierung wanderten immer mehr Arbeiter in die Industriemetropolen des Nordens ab, vor allem nach Chicago. Die Stadt am Michigan See platzte wegen des Bevölkerungszuwachses aus allen Nähten.

Die Hektik in der Großstadt, der Lärm und die Geschäftigkeit prägten nicht nur die Menschen, sondern auch die Musik. In Chicago entstand eine neue Blues-Szene. Diese unterschied sich sehr vom traditionellen Blues des Südens. Big Bill Broonzy, Tampa Red oder Sonny Boy Williamson I. brachten die Clubs zum Kochen.

Die drei Musiker stammten aus dem Süden der USA, alle drei waren um die Jahrhundertwende geboren worden. Alle drei wurden von einem cleveren Musikmanager unter Vertrag genommen, der erkannte, dass sich mit Blues Geld verdienen ließ.

Die Black Music wurde unter den Weißen salonfähig. Die ersten Songs aus dem Blues-Bereich wurden zu Hits der noch jungen Schallplattenindustrie.

So schrieb Sonny Boy Williamson I. das Stück "Good Morning, Little Schoolgirl". Ein Klassiker, den später auch einige Vertreter der weißen Rhythm-and-Blues-Gilde interpretierten, darunter Rod Stewart, Van Morrison, Alvin Lee oder Huey Lewis.

Eine Luftbildaufnahme von Chicago aus dem Jahr 1925.

Die Boomtown Chicago 1925

Blues-Musiker entdecken die E-Gitarre

In den 1920er Jahren begannen die ersten Musiker elektrisch verstärkte Gitarren zu nutzen. Die neuen Klänge gaben dem Blues des Nordens neue Impulse.

Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte sich diese Entwicklung ganz entscheidend. Vor allem Muddy Waters wurde zu einem der einflussreichsten und populärsten Musiker der modern geprägten Blues-Szene von Chicago.

Die Popularität dieser neuen Strömung zog auch andere Musiker an. Howlin' Wolf, Jimmy Reed und Willie Dixon stammten alle aus den Südstaaten, gingen aber nach Chicago.

1954 schrieb Dixon hier seine Klassiker wie "Hoochie Coochie Man" oder "I just wanna make love to you". Beide Songs wurden zuerst von Muddy Waters aufgenommen und auf Schallplatte veröffentlicht.

Bis heute hat die Stadt Chicago nicht an Bedeutung für die Blues-Musik eingebüßt. Die stilistischen Unterschiede zwischen dem Blues aus dem Norden und jenem aus dem Süden sind erhalten geblieben.

Der Blues aus dem Norden klingt urbaner, während der Sound aus dem Süden seine Ursprünglichkeit bewahren konnte – und bis auf wenige Ausnahmen von Afro-Amerikanern dominiert wird. Zu den wichtigen Blues-Metropolen im Süden zählen Städte wie New Orleans und Memphis.

Die Leuchtreklame eines legendären Blues-Clubs in Chicago

Die Leuchtreklame eines legendären Blues-Clubs in Chicago

Die Musik der Arbeiter erobert den Mainstream

Der populäre Blues beeinflusste und befruchtete viele andere Musikstile. Er wurde Wegbereiter für Jazz, Soul, Funk und Rock'n'Roll. Er vermischte sich mit der jeweiligen Folkloremusik, die mit den Einwanderern aus aller Welt in die USA kam. Und er begründete eine neue Musikrichtung, den Rhythm'n'Blues.

Der R'n'B-Sound inspirierte viele weiße Musiker, nicht nur in den USA. In den 1960er Jahren entwickelte sich eine große R'n'B-Szene in Großbritannien. Die R'n'B-Musiker hier wollten sich vom kommerziellen Beatsound abgrenzen. Sie erkoren die Blues-Veteranen aus den Staaten zu ihren Vorbildern und Idolen.

Musiker wie Eric Clapton, Jeff Beck, Alvin Lee und Bands wie die Yardbirds, Ten Years After, Cream und – last but not least – die Rolling Stones waren Vertreter dieser R'n'B-Gemeinde in Großbritannien. Ihre Musik fand großen Anklang in der Heimat des Blues.

In den 1960ern kam es in den USA zu einer regelrechten Blues-Invasion durch die Briten. Statt sich dem Hype hinzugeben, besannen sich aber die US-Musiker ihrer Wurzeln – und damit der Black Music.

Eric Clapton - einer der erfolgreichsten Blues-Gitarristen der Welt

Eric Clapton - einer der erfolgreichsten Blues-Gitarristen der Welt

Autor: Alfried Schmitz

Weiterführende Infos

Stand: 24.08.2017, 09:53

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