Moses und das Meerwunder

Das Bild von Jan Brueghel dem Älteren aus dem 17. Jahrhundert zeigt die Meerwunder-Szene mit vielen Details.

Rotes Meer

Moses und das Meerwunder

Unzählige Maler hat die Geschichte inspiriert: Moses und die Israeliten sind auf der Flucht vor den Ägyptern. Am Ufer des Roten Meeres haben die Streitkräfte des Pharao sie fast eingeholt. Da hilft Gott seinem Volk durch ein Wunder: Die Wasser des Meeres teilen sich, die Israeliten gelangen trockenen Fußes ans andere Ufer. Das ägyptische Heer ertrinkt in den Fluten. Doch andelt es sich bei diesem im Alten Testament so eindringlich beschriebenen Gewässer tatsächlich um das Rote Meer? Moderne Bibelforscher haben hier zumindest Zweifel.

Dramatische Rettungsaktion

"Als nun der Pharao das Volk hatte ziehen lassen, führte sie Gott nicht den Weg durch das Land der Philister, der am nächsten war; denn Gott dachte, es könnte das Volk gereuen, wenn sie Kämpfe vor sich sähen, und sie könnten wieder nach Ägypten umkehren.

Darum ließ er das Volk einen Umweg machen und führte es durch die Wüste zum Schilfmeer. Und Israel zog wohlgeordnet aus Ägyptenland." (Exodus/2. Mose, Kapitel 13, Vers 17f.)

So heißt es in der Luther-Bibel in der Revision von 1984. Die Rede ist also von einem "Schilfmeer", an dem sich später die dramatische Rettungsaktion abspielt. Sie wird im nächsten Kapitel so beschrieben:

"Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der HERR zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken und die Wasser teilten sich. Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.

Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Männer, mitten ins Meer." (Exodus/2. Mose, Kapitel 14, Vers 21ff.)

Die Wandmalerei von Moses am Meer stammt aus dem 4. Jahrhundert. Moses und seine Schar sind gut zu erkennen, die ertrinkenden Ägypter nur noch teilweise.

Schon die frühen Christen waren von der Geschichte fasziniert

"Schilfmeer" oder "Rotes Meer"?

Gott teilte also das Meer, um sein Volk zu retten, so das Alte Testament. Doch damit nicht genug:

"Aber der HERR sprach zu Mose: Recke deine Hand aus über das Meer, dass das Wasser wiederkomme und herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und Männer. Da reckte Mose seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam gegen Morgen wieder in sein Bett, und die Ägypter flohen ihm entgegen.

So stürzte der HERR sie mitten ins Meer. Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Männer, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb." (Exodus/2. Mose, Kapitel 14, Vers 26ff.)

Immer wieder wird auch später innerhalb der Bibel diese Geschichte aufgegriffen, so zum Beispiel in verschiedenen Psalmen. Im Alten Testament ist jedoch – zumindest nach heutiger Lesart – immer wieder von "Schilfmeer" oder allgemein von "Meer" die Rede, nicht vom "Roten Meer".

Historischer Übersetzungsfehler?

Dass trotzdem die Geschichte bis heute häufig am Roten Meer verortet wird, geht vermutlich auf das Konto der frühen Bibelübersetzer: Ab etwa 250 vor Christus wurde die Bibel zum ersten Mal durchgehend übersetzt, und zwar von ihrer Ursprungssprache Hebräisch in das damals gebräuchliche Altgriechisch.

Dabei wurde wohl, so vermuten Bibelforscher heute aufgrund der Quellenlage, der Begriff "Schilfmeer" einfach mit dem "Roten Meer" gleichgesetzt – so wie es den damaligen geografischen Vorstellungen entsprach.

Im Neuen Testament wird die Geschichte ebenfalls mehrfach zitiert. Im Gegensatz zum Alten Testament wird hier das "Rote Meer" tatsächlich zweimal direkt genannt, so zum Beispiel in der Apostelgeschichte, als von Moses die Rede ist:

"Dieser Mose führte sie heraus und tat Wunder und Zeichen in Ägypten, im Roten Meer und in der Wüste vierzig Jahre lang." (Apostelgeschichte, Kapitel 7, Vers 36)

Das Fresko von Raffael zeigt Moses inmitten des tobenden Meeres, umgeben von Flüchtenden und ertrinkenden Ägyptern. Gott ist als Feuersäule dargestellt.

Raffael malte Moses für eine Kapelle im Vatikan

Mehrere Routen denkbar

Ob nun aber das von Moses und den Israeliten durchquerte "Schilfmeer" tatsächlich das "Rote Meer" war, lässt sich nach Auffassung moderner Bibelforscher dennoch nicht mit Sicherheit sagen.

Denkbar wären auch andere Orte. So fanden Archäologen acht Kilometer von der ägyptischen Stadt Faqus entfernt bei Ausgrabungen Hinweise darauf, dass dieser als Tell ed-Dab‘a bekannte Ort mit der biblischen Stadt "Ramses" (Exodus/2. Mose, Kapitel 1, Vers 11) identisch sein könnte.

Rund 35 Kilometer davon entfernt lag zur damaligen Zeit der Ballahsee, der heute zum Gebiet des Suezkanals gehört. Möglich wäre, dass einer Gruppe von Zwangsarbeitern aus der Stadt Ramses über das Gebiet des Ballahsees die Flucht gelang und dass die Geschichte um Moses darauf zurückgeht.

Eine andere Erklärungsvariante verweist auf den Sirbonischen See. Er lag im Nildelta und hatte an seinen Rändern tückischen Fließsand. Reisende, die sich nicht auskannten, konnten hier leicht in die Tiefe gezogen werden.

Zwei griechische Geschichtsschreiber, Diodor und Strabo, beschreiben die Tücken dieses Gewässers. Dort soll es auch noch bis in die römische Zeit hinein Seebeben gegeben haben, die zeitweise das Wasser im Haff ganz verschwinden ließen.

Unabhängig davon, welche Erklärung man nun für plausibel erachtet – auf die Kernaussage der biblischen Geschichte hat dies keinen Einfluss. Denn hier zählt für die Theologen nur, dass Gott Moses und seine Schar in der Not gerettet hat. An welchem Ort sich diese Rettung nun tatsächlich abgespielt hat – das spielt dabei eine nur untergeordnete Rolle.

Das Gemälde von Frans Francken aus dem 17. Jahrhundert zeigt Moses und die Israeliten nach der Rettung.

Die biblische Kernaussage ist unabhängig vom Ort

Autor: Christina Lüdecke

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Stand: 06.03.2018, 16:32

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