Blinde
Blinde nicht behindern
Blinde möchten vor allem eines: nicht von den Sehenden behindert werden. Dieser Wunsch der rund 155 000 Blinden in der Bundesrepublik wird ihnen nicht leicht erfüllt. Noch immer ist die Auffassung verbreitet, dass Blinde behindert seien, sich in ihrer Umgebung nur schwer zurecht finden.
Blinde können jedoch mehr, als Sehende ahnen, und daraus entstehen viele Missverständnisse. Jeder Blinde kennt die Situation, in der ihn ein hilfsbereiter Mitbürger an den Arm nimmt und über die Straße geleitet – eine Straße, die er gar nicht überqueren wollte! Das gut Gemeinte schlägt oft ins Gegenteil um. Also den Blinden an der Haltestelle doch lieber ignorieren? Das richtige Verhalten liegt zwischen den Extremen: Blinde bei ihren Orientierungsversuchen beobachten und auf Hilfeersuchen reagieren. Denn im richtigen Moment Unterstützung fordern, das haben Blinde gelernt, und dann ist Hilfsbereitschaft gefragt.
Was Sehende nicht sehen können
Blind ist nicht gleich blind – auch wenn das Sehvermögen fehlt. Wie normal sich eine blinde Person orientieren kann, hängt auch vom Zeitpunkt ihrer Erblindung ab. Wer nichts sieht, muss zur Orientierung andere Sinne schärfen - vor allem Gehör und Tastsinn. Für Blinde wie für Sehende aber gilt: Mit höherem Alter wird es schwerer, neue Fähigkeiten zu entwickeln. Deshalb fällt es Menschen, die in höherem Alter erblinden, schwerer als Menschen, die schon seit Geburt oder Kindheit blind sind, Hören und Tasten für die tägliche Orientierung zu entwickeln. So kann ein alter Mensch ohne Sehvermögen völlig hilflos sein, während ein seit Geburt Blinder den täglichen Weg zur Arbeit ohne fremde Hilfe findet.
In speziellen Mobilitätstrainings lernen Blinde sich möglichst selbständig zurechtzufinden. Dazu zählt ganz besonders:
- Das Einschätzen der eigenen Fähigkeiten zur Orientierung im Alltag,
- das Erbitten von Hilfe und
- das Annehmen von Hilfe.
Blinde nehmen mit ihrem ausgeprägteren Gehör und Tastgefühl ihre Umgebung immer anders wahr als Sehende. Die Unebenheiten eines Weges, über die der Sehende vielleicht zu stolpern droht, können dem Blinden wichtiger Anhaltspunkt zur Orientierung sein. Geräusche, die dem Sehenden als lästiger Lärm erscheinen, geben dem Blinden Hinweise darauf, wo er sich gerade befindet.
Was Sehende nicht hören können
Durch intensives Training gelingt es Blinden, das Hörvermögen zu einem exzellenten Ortungs- und Interpretationsinstrument zu entwickeln, mit dem sie wahrnehmen, was Sehende oft nicht mitbekommen. Feine Geräuschnuancen erhalten so Bedeutung. Einen Blinden, der sich nach einem Gespräch in der Einschätzung seines Gesprächspartners getäuscht hat, wird man vergeblich suchen. Während der optische Eindruck in unserer visualisierten Welt bei Sehenden immer wieder Täuschungen und Enttäuschungen hinterlässt, hält die akustische Präsentation nur selten Überraschungen bereit, wie viele Blinde berichten. Dass wir von der optischen, nicht aber von der akustischen Täuschung sprechen, mag ein Beleg dafür sein.
Hör- und Tastsinn werden bei Blinden entsprechend intensiv ausgebildet. Dabei geht es auch darum, Gehörtes richtig zu interpretieren. Während die sehenden ABC-Schützen sogenannte Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen besonders trainieren, kommt bei den Blinden das Erlernen der Blinden-Punktschrift und das Erlernen des Zurechtfindens hinzu. Ziel der Ausbildung Blinder ist neben einem Bildungsabschluss, der dem der Sehenden gleichwertig ist, die Befähigung zu einem möglichst normalen Leben. Zwar benötigen Blinde immer mehr Zeit als Sehende, um sich in neue Situationen einzufinden. Und oft benötigen sie zusätzliche Hilfsmittel. Im Mobilitätstraining jedoch sollen sie lernen, ihre unmittelbare Umgebung und täglich wiederkehrende Alltagssituationen auch ohne fremde Hilfe zu bewältigen.
Mit zusätzlichen Hilfen gelingt es Blinden sogar, über ihr Hörvermögen in die Bilderwelt der Sehenden einzutreten. Dass Blinde fernsehen, ins Kino gehen oder als Fußballfans den Heimatverein bei seinen Spielen anfeuern, ist nichts Außergewöhnliches. Oft ergänzen dann Freunde oder Lebenspartner im Gespräch, was nur mit den Augen zu verstehen ist. Das mag beim Fußball oder zu Hause vor dem Fernsehgerät problemlos sein. Schon im Kino dürfte erläuterndes Gemurmel, mit dem einer blinden Kinogängerin Bilder erklärt werden, zu Ärger im Publikum führen. Neue elektronische Hilfsmittel können hier Abhilfe schaffen.
Wolfgang Neumann-Bechstein, Stand vom 01.06.2009






