"Alle Menschenaffen lachen!" - Interview
Planet Wissen (PW): Wie kamen Sie auf die Idee, das Lachen zu erforschen?
Professor Carsten Niemitz (C.N.): Hintergrund war unsere Forschung zur Entstehung menschlicher Sprachfähigkeit. Dazu wollten wir die Vorläuferkommunikationen erforschen, also Arten der Kommunikation, die es schon vor der Sprache gab. Die Affen zum Beispiel reden nicht, schreiben auch nicht, aber sie kommunizieren trotzdem und das funktioniert prima. Wir haben uns entschieden, besonders die Mimik, aber auch die Gestik der Affen zu untersuchen.
PW: Welches Ergebnis hat Sie am meisten fasziniert?
C.N.: Vorher gab es keinen harten Beweis, dass menschliches Lachen wirklich etwas Angeborenes ist. Der ist nun erbracht. Lachen und auch das "Aufnehmen" beziehungsweise das Verstehen des Lachens durch das Gegenüber sind genetisch festgelegt. Lachen tritt schon bei Babys auf. Dort hat es nur eingeschränkte Funktion. Durch das Lachen suchen Babys die Zuwendung des Sozialpartners. Deswegen lachen Säuglinge, die ja in der Welt absolut schutzlos sind, sehr viel. Witze verstehen Babys nicht. Sie haben keinen Humor. Es ist ein völlig anderes Lachen als beim erwachsenen Menschen. Es dient der Kontaktaufnahme.
PW: Dann gibt es im Leben des Menschen verschiedene Entwicklungsstufen beim Lachen?
C.N.: Das Babylachen dient der Kontaktaufnahme. Ein Fünfjähriger kann sich schon über eine lustige Situation freuen und darüber lauthals lachen. Dass man jemanden bewusst anlacht, also der Einsatz des Lachens als Strategie, beginnt erst im Schulalter. Das können Kinder erst, wenn sie auch bewusst schwindeln können, etwa im Alter von sechs bis sieben Jahren.
In den folgenden Jahren, etwa bis zur Pubertät, entwickelt sich die Bindungsfunktion des Lachens in der Gruppe. Durch das Lachen entscheidet sich, wer zu einer Gruppe gehört und wer nicht. Lacht die Gruppe mit einem oder mag man selber nicht mit der Gruppe lachen? Das heißt also, die bindende und zugleich auch trennende Funktion des Lachens entwickelt sich vom zehnten Lebensjahr bis zur Pubertät, wenn besonders häufig Gruppenbildungsprozesse auftreten.
PW: Man sagt, dass Kinder bis zu 300-mal am Tag lachen und Erwachsene nur noch 20- mal. Verliert der Mensch im Lauf des Lebens die Fähigkeit zu lachen?
C.N.: Die große Diskrepanz erklärt sich aus der unterschiedlichen Qualität des Lachens. Im Säuglingsalter geht es um Beschwichtigung. Das Kind amüsiert sich nicht im eigentlichen Sinne. Es hat eine völlig andere Funktion als das amüsierte Gemeinschaftslachen der Erwachsenen. Dass Menschen im Alter weniger lustig wären, lässt sich jedenfalls nicht anhand der Lachhäufigkeit nachweisen - und stimmt wohl auch nicht.
PW: Kann man einen echten von einem falschen Lacher unterscheiden?
C.N.: Der kontrollierte Lacher, der höfliche oder hämische Lacher, alle, die vom Gehirn gemacht und nicht natürlich oder spontan sind, gehen mit weniger Mimik einher und setzen langsamer ein. Der echte Lacher ist explosiv. Das Vollbild der Mimik ist nach weniger als einer halben Sekunde da. Wenn es länger dauert, dann weiß das Gegenüber, dass das Lachen durch die grauen Zellen gegangen ist und glaubt es nicht mehr. Er erkennt so, dass es nicht vom Herzen kommt.
PW: Warum geben Menschen überhaupt vor zu lachen?
C.N.: Da gibt es sehr viele verschiedene vorstellbare Situationen. Einmal der Wille zu einer Gruppe zu gehören. Zum anderen geben Menschen häufig vor zu lachen, um höflich zu sein. Lachen hilft auch häufig Situationen zu überspielen, etwa eine peinliche Gesprächslücke. Falsche Lacher werden aber fast immer vom Gegenüber entdeckt. Sogar die Peinlichkeit über diese Situation lässt sich neben dem falschen Lacher zeitgleich im Gesicht des Ertappten ablesen. Die menschliche Mimik ist so komplex, dass sie mehrere Gefühle gleichzeitig ausdrücken kann.
PW: Können Tiere lachen?
C.N.: Alle Menschenaffen lachen. Bei den Affen ist das Atmen, das bei uns den Schall erzeugt, als rhythmisches Vibrieren nachzuweisen. Ein Schimpanse kann richtig lachen, wenn auch nicht sehr laut. Bei den Hundsaffen, zum Beispiel den Pavianen und den Makaken, ist das Lachen in dieser Form noch nicht gegeben. Aber auch sie haben wenigstens ein amüsiertes, sogenanntes Spielgesicht. Das heißt, in Situationen, in denen sie sich amüsieren, zeigen sie lächelnde Mimik, aber noch nicht diese starke akustische Komponente des Lachens.
Das Lächeln hat auch hier Bindungsfunktion. Das ist auch der große Unterschied, der in der Evolution von den Menschenaffen zu den Menschen hinzukommt: Mit der Akustik sieht nicht nur der gegenüber, der ins Gesicht schaut, die Emotion, sondern sie wird an alle im Umkreis gesendet. Schallwellen breiten sich, im Gegensatz zum Licht, in alle Richtungen aus.
PW: Aber selbst wenn einige Affen ein Spielgesicht zeigen und Menschaffen sogar einen ähnlichen Atemrhythmus zeigen wie der lachende Mensch: Wie können Sie sicher sein, dass der Affe lacht? Sie können ja nicht in ihn reinschauen.
C.N.: Wir sehen den Verhaltenskontext. Die Tiere zeigen diese Gesichter, wenn sie sich in amüsanten Situationen befinden.
PW: Es ist also ein Lachen wie beim Menschen?
C.N.: Es ist ein Lachen wie beim Menschen, gerade bei juvenilen Schimpansen, die miteinander fröhlich spielen und sich dabei auch noch kitzeln und herumtollen. Sie haben ein Spielgesicht, sie lachen. Wenn beim Menschen ein "ha ha ha" herauskommt, kommt beim Affen mehr ein Hecheln heraus. Das Lachen ist nicht so vokal wie beim Menschen, das heißt, es ist evolutorisch noch nicht so weit.
PW: Gab es im Gehege der Menschenaffen, die Sie beobachtet haben, einen Clown, über den besonders viele gelacht haben?
C.N.: In Zoos werden häufig Orang-Utan-Kinder zusammen mit Schimpansenkindern in einem Gehege untergebracht. Die Affenkinder spielen miteinander. Die Schimpansenkinder sind in ihrer Entwicklung jedoch weiter und den Orang-Utan-Kindern überlegen. Da kommt es wirklich zu der Situation, dass die Schimpansenkinder Schabernack mit dem Orang Utan treiben. Dabei kann man beobachten, dass es auch so etwas wie Schadenfreude gibt - ähnlich wie bei Menschen.
PW: Eine Studie aus dem Jahr 2004 will den besten Witz der Welt gefunden haben. Glauben Sie, dass es den gibt?
C.N.: Den besten Witz der Welt gibt es nicht. Das soziale Gefüge - weniger der kulturelle Hintergrund - entscheidet, worüber die Leute lachen. Es gibt natürlich politisch unkorrekte Witze, über die man nicht lachen kann. Viele Witze in vielen Gesellschaften arbeiten ja mit dem Prinzip der Diskriminierung, dabei gibt es Grenzen des guten Geschmacks. Über die Bayern darf man Witze machen, über den Ostfriesen auch. Macht man aber den gleichen Witz über einen Schwarzafrikaner oder über einen Juden, lacht keiner mit.
Hier ist der kulturell-historische Hintergrund natürlich wichtig. Aber viel wichtiger erscheint mir, in welchem Verhältnis die Leute innerhalb der Witz-Situation zueinander stehen. Also wenn man Leute zusammenwürfelt, die sich nicht besonders gut kennen, dann lachen die in den ersten Tagen sehr häufig miteinander. Kennen sie sich dann seit zwei Wochen, lässt die Anzahl der Lacher nach.
Einfache Anlässe werden zum Lachen genommen, die man nach mehreren Tagen schon gar nicht mehr lustig findet. Das heißt also, es kommt viel mehr auf das soziale Geschehen an als auf den kulturellen Hintergrund. Es wird ausgelotet, wer bereit ist, sich mit wem auf eine Wellenlänge einzulassen.
Interview: Götz Bolten, Stand vom 04.11.2005
Sendung: Lachen tut gut, 09.03.2012







