Entscheidungen

Psychologie

Entscheidungen

Wir stehen täglich vor unzähligen Entscheidungen: Margarine oder Butter aufs Brot? Ziehe ich die blaue oder die schwarze Hose an? Gehe ich zuerst in den Supermarkt oder zur Post? Manchmal muss man sich sogar für Grundsätzliches entscheiden, das das ganze Leben umkrempeln kann: Welcher Beruf ist der richtige für mich? Und für welchen Partner entscheide ich mich? Die große Frage dabei: Wie trifft der Mensch eigentlich seine Entscheidungen?

Der Nutzen ist entscheidend

In der Psychologie geht man grundsätzlich davon aus, dass der Prozess des Entscheidens darin besteht, zuerst Alternativen zu benennen und Informationen zu sammeln, um danach die Wahlmöglichkeiten zu bewerten. Auf dieser Basis kommt es zu einer Handlungsabsicht, zu einer Entscheidung. Dabei spielt der zu erwartende Nutzen eine entscheidende Rolle.

Allerdings schränkte der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Herbert Simon ein: Der Mensch ist nicht fähig, den maximalen Nutzen zu erreichen, da er bei seinen Entscheidungen niemals alle Alternativen und Konsequenzen kennen kann.

Ein Beispiel: Wer nicht weiß, welchen Beruf er erlernen soll, kann nicht alle auf dieser Welt existierenden Berufe kennenlernen und aus der Flut an Informationen die richtigen Konsequenzen ableiten.

"Begrenzte Rationalität" nennt Simon das. Er formuliert deshalb die "satisficing rule": Vor der Entscheidung wird überlegt, welche Ansprüche erfüllt werden müssen. Sobald eine Option diese Ansprüche erfüllt, wird diese gewählt.

Mensch steht an Weggabelung.

Welchen Weg nehmen?

Möglichkeiten genau prüfen

Simons Einwände führten dazu, dass sich die Entscheidungsforschung verstärkt damit beschäftigte, herauszufinden, welche anderen Strategien – neben der Nutzenmaximierung – Menschen anwenden, um zu einer Lösung zu kommen.

Dabei unterscheiden die Wissenschaftler zwischen analytischen und nichtanalytischen Strategien. Bei der Anwendung analytischer Entscheidungsstrategien werden die Alternativen genau betrachtet und ihre Folgen bewertet.

Dabei berücksichtigt man entweder alle Elemente einer Option – zum Beispiel Preis, Motorenleistung und Farbe beim Autokauf – oder aber nur ein einziges Kriterium, das alle anderen Alternativen aussticht – beispielsweise wenn man unbedingt ein rosafarbenes Auto möchte und nur ein Hersteller dieses anbietet. Nach dieser Analyse wird dann die Entscheidung getroffen.

Rosafarbenes Auto.

Autokauf: Die Farbe kann zum wichtigsten Kriterium werden

Die Erfahrung ist wichtig

Anders bei nichtanalytischen Strategien: Davon ist die Rede, wenn man Münzen wirft oder sich am Verhalten anderer Menschen orientiert. Oft aber spielt bei den nichtanalytischen Strategien die Erfahrung eine Rolle, vor allem bei alltäglichen Entscheidungen: Durch Routine entscheiden wir uns ohne großes Nachdenken für Butter oder Margarine, für Seife oder Duschgel.

Psychologen haben festgestellt, dass man nur selten von seinen Gewohnheiten abweicht, selbst wenn es Fakten gibt, die vielleicht dagegen sprechen.

Erst wenn es zu negativen Folgen dieser Routineentscheidung kommt, sind die Menschen bereit, davon abzurücken. Wer also täglich den Bus nimmt und mittags schwere Kost verdaut, obwohl er weiß, dass es gesündere Alternativen gibt, bevorzugt möglicherweise erst dann Fahrrad und Salat, wenn ihm sein Arzt zu hohe Cholesterinwerte präsentiert.

Die Macht der Intuition

Anknüpfend an die Routine gibt es eine weitere Größe, Albert Einstein zufolge sogar eine sehr wichtige: "Alles, was wirklich zählt, ist Intuition!" Sie ist ein Zusammenspiel sämtlicher Erfahrungen und Erinnerungen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben.

Bei einer intuitiven Entscheidung brauchen wir keine Vielzahl an Informationen, oft entscheidet man sich spontan. Schuld daran ist offenbar unser Gehirn: Während der Neokortex, der jüngste Teil unserer Großhirnrinde, für das bewusste Denken zuständig ist, empfängt die Amygdala (Mandelkern) im Zwischenhirn Empfindungen.

Diese leitet sie an den Neokortex weiter, der dadurch in seiner Arbeitsweise beeinflusst wird. Gefühle können also unser rationales Denken beeinflussen, uns intuitiv entscheiden und handeln lassen.

Gefühl siegt über Verstand

Der portugiesische Neurowissenschaftler Antonio R. Damasio kam als einer der ersten seiner Zunft auf diesen Gedanken, nachdem er über Monate hinweg einen Tumorpatienten untersuchte und sein Verhalten beobachtete – der Mann, den er Elliot nannte, hatte nach der Entfernung des Tumors, bei der Teile seines Gehirns beschädigt wurden, die Fähigkeit zu fühlen verloren und konnte plötzlich keine Entscheidungen mehr treffen.

Diese Erkenntnis kam völlig unerwartet, denn von der Antike bis ins 20. Jahrhundert war die herrschende Meinung: Menschen handeln rational. Gefühle stören dabei nur.

Freier Wille oder nicht?

Strittig ist in der Entscheidungsforschung jedoch die Diskussion um die Freiheit des menschlichen Willens. Ein Teil der Gehirnforschung ist überzeugt: Es gibt keinen freien Willen, weil neuronale Aktivitäten im Gehirn die Entscheidung fällen, bevor der Betroffene sie bewusst äußert.

Diese Annahme beruht vor allem auf einem Experiment des Physiologen Benjamin Libet, das er 1979 durchführte: Dabei sollten Versuchspersonen einen sich bewegenden Uhrzeiger beobachten und zu einem bestimmten Zeitpunkt, den sie sich merken sollten, die Hand heben.

Libet zeichnete die Gehirnaktivitäten auf und befragte die Probanden nach dem Versuch. Sein Ergebnis: Kurz bevor sich die Testpersonen fürs Armheben entschieden, war dieser Entschluss bereits im Gehirn gefallen.

Auch wenn sich die Naturwissenschaftler noch nicht einig sind, ob wir frei entscheiden oder nicht – für die Soziologen William und Dorothy Thomas stand fest: "Wenn die Menschen Situationen als real definieren, dann sind sie in ihren Konsequenzen real."

Dieses sogenannte Thomas-Theorem bedeutet übertragen auf die freie oder willenlose Entscheidung: Wer glaubt, frei zu entscheiden – der tut es auch.

Autorin: Irina Fernandes

Weiterführende Infos

Stand: 30.11.2016, 09:30

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