Alzheimer
Alois Alzheimer, Namensgeber einer Krankheit
Tübingen, 1906. In der Klinik für Gemüts- und Nervenkranke an der Uni Tübingen, heute die Universitätsklinik für Psychiatrie, hält der Nervenarzt Alois Alzheimer einen Vortrag, der ihn berühmt machen soll. Er beschreibt eine bis dahin unbekannte Form der Demenz, das "eigenartige Krankheitsbild" seiner Patientin Auguste Deter. Bei der 55-Jährigen habe sich eine rasch zunehmende Gedächtnisschwäche bemerkbar gemacht, sie habe sich in ihrer Wohnung nicht mehr zurechtgefunden, Gegenstände hin und her geschleppt und sie versteckt. Zuweilen habe sie geglaubt, man wolle sie umbringen und begonnen, laut zu schreien. Über fünf Jahre lang hatte der Arzt seine Patientin beobachtet und den Verlauf des Verfalls akribisch in der Krankenakte notiert. Nach dem Tod seiner Patientin sieht Alois Alzheimer seine Vermutung bestätigt, dass den dokumentierten Veränderungen biologische Ursachen zugrunde liegen. So war die Hirnrinde dünner als normal. Alzheimer fand zudem Eiweißablagerungen in Form von Plaques und wies dank eines neuen Färbemittels erstmals auch eine Veränderung der Neurofibrillen nach. Sein Kollege, der Psychiater Emil Kraepelin, benannte 1909 die mit diesen Veränderungen assoziierte Krankheit nach ihrem Entdecker: Alzheimer.
Heute gilt sie laut Weltgesundheitsorganisation als eines der größten medizinischen Probleme weltweit. Schätzungen zufolge werden im Jahre 2030 rund 2,5 Millionen Bundesbürger an einer Demenz leiden. Generationen von Forschern sind den Ursachen von Alzheimer, dieser speziellen Form der Demenz, auf der Spur. Doch auch über 100 Jahre nach der Entdeckung Alois Alzheimers bleiben noch viele Rätsel zu lösen.
Verfall in mehreren Stufen
Von der Diagnose bis zum Tod des Patienten dauert die Alzheimer-Krankheit durchschnittlich sieben Jahre. Es beginnt mit leichter Vergesslichkeit: Die Brille wird verlegt, die Geldbörse ist unauffindbar. Die Betroffenen erkennen Orte nicht wieder, an denen sie schon einmal waren und beim Reden verlieren sie den Faden. Vor allem kurz zurückliegende Ereignisse werden vergessen. Viele Patienten können ihre Gedächtnisprobleme zunächst vertuschen. Sie notieren sich alles auf kleine Zettel oder schleppen eine Zeitung mit sich herum, um das aktuelle Datum parat zu haben.
Je weiter die Alzheimer-Demenz fortschreitet, umso stärker sind die Gehirnfunktionen beeinträchtigt und umso mehr Fähigkeiten verliert der Patient. Es wird immer schwerer, die ganz alltäglichen Dinge zu meistern. Die Fähigkeit zu Assoziieren schwindet, zum Beispiel dass Schuhe und Socken an die Füße gehören, oder was mit Essbesteck zu tun ist. Selbst vertraute Personen erkennt der Demente nicht immer, die eigene Wohnung wird ihm fremd. Der Patient vernachlässigt sein Äußeres, Verfolgungswahn oder Halluzinationen können sich einstellen. Nun lässt auch die Erinnerung an weit zurückliegende Dinge nach.
Patienten, die das Stadium der schweren Demenz erreichen, sind schließlich völlig pflegebedürftig. Sie werden zunehmend inkontinent, müssen gefüttert werden. Nach und nach nimmt auch die Fähigkeit zu gehen immer mehr ab, die Gefahr von Stürzen steigt. Versagen die für Bewegung zuständigen Areale im Gehirn, wird der Patient bettlägerig. Allerding erlebt nur eine Minderzahl der Betroffenen dieses Spätstadium.
Der Tod der Nervenzellen
Wenn der Patient erstmals durch starke Vergesslichkeit auffällt, hat sein Gehirn schon einen jahrzehntelangen Veränderungsprozess hinter sich. Unbemerkt sind zahlreiche Nervenzellen mit ihren Verbindungen abgestorben. Ein Leben lang haben Milliarden von Schaltungen zwischen den Nervenzellen alle Erinnerungen gespeichert. Sie machen die komplexe Persönlichkeit eines Menschen aus. Nun gehen sie unwiederbringlich verloren.
Der Verfall beginnt an Hirnstellen, die mit Gedächtnis und Informationsverarbeitung zu tun haben. Hier verbindet sich Erlerntes mit neuen Sinneseindrücken. Durch den Verlust von Nervenzellen und ihren Verbindungen können eintreffende Sinnesreize nicht mehr richtig verarbeitet und mit dem Erlernten verknüpft werden. Schuld an der Zerstörung der Nervenzellen sind unter anderem Eiweiße, die sich schließlich als Plaques zusammenlagern. Die sogenannten Amyloid-Plaques bilden immer größere und widerstandsfähigere Verklumpungen, die sich zwischen die Nervenzellen schieben.
Risikofaktor Alter
Wieso kommt es im menschlichen Gehirn zur Bildung von Plaques und damit - früher oder später - zu Alzheimer? Bislang kennt niemand die volle Antwort darauf. Nur eines ist sicher: Mehr oder weniger entwickeln wir alle diese Hirnveränderungen. Größter Risikofaktor ist das Alter. Die Alzheimer-Demenz stellt sich bevorzugt bei Menschen über 65 Jahren ein. In Deutschland leiden etwa fünf Prozent aller Menschen über 65 an einer Demenz. Bei der Altersgruppe der 80- bis 90-Jährigen sind es 20 Prozent, bei den über 90-Jährigen 40 Prozent. Insgesamt entwickelt heute in der westlichen Welt ein Drittel der Menschen die Demenz. Häufigste Ursache für die Demenz: die Alzheimer-Veränderungen des Gehirns. Das erklärt auch die Zunahme der Krankheit in heutiger Zeit, denn zu Alois Alzheimers Zeiten starben die meisten Menschen, ehe sie eine Demenz erleben konnten. Dank guter Hygiene und medizinischer Versorgung von Kindheit an ist die Lebenserwartung in Deutschland rapide gestiegen. Der Preis für die gewonnenen Jahre ist unter anderem Alzheimer.
Nur in seltenen Fällen verursacht ein genetischer Fehler die Krankheit. Dann kann sie vererbt werden. Allerdings tritt Alzheimer in diesen Fällen auch vor dem 60. Lebensjahr auf. Inwiefern genetische Anlagen bei "gewöhnlichem" Alters-Alzheimer eine Rolle spielen, ist noch nicht geklärt. Auch vieles andere bleibt bis heute reine Spekulation. So kommen lange zurückliegende Schädel-Hirn-Verletzungen als Mitauslöser in Frage.
Unsichere Diagnose
Bei jedem Patienten mit einer Alzheimer-Demenz kommt der Punkt, an dem die Veränderungen spürbar werden. Wer bemerkt, dass sich etwas bei ihm verändert und Klarheit haben möchte, sollte zunächst zum Hausarzt gehen. Dabei ist natürlich besonders von Vorteil, wenn der Hausarzt seine Patienten schon länger kennt, denn dadurch fällt es leichter, Veränderungen der geistigen Leistungsfähigkeit zu erkennen. Mit einem kurzen psychologischen Test lässt sich herausfinden, ob die Fähigkeit des Wiedererinnerns beeinträchtigt ist: Viele Patienten können sich einen Begriff unmittelbar einprägen und schnell wiedergeben. Aber ein paar Minuten später sind diese Begriffe dann weg, aus dem Gedächtnis gelöscht.
Mit einer körperlichen Untersuchung versucht der Arzt dann andere Krankheiten mit gleichen Symptomen auszuschließen. Denn Ursache für starke Vergesslichkeit können auch andere Hirnerkrankungen, Depression oder körperliche Erkrankungen sein. Dabei werden unter anderem bildgebende Verfahren wie Kernspin- oder Computertomografie eingesetzt. Alzheimer-typische Veränderungen lassen sich aber im Frühstadium der Krankheit auch mit diesen konventionellen Verfahren oft noch nicht erkennen.
Weitere Klarheit bringen die fachärztliche Untersuchung durch einen niedergelassenen Psychiater oder in Gedächtnissprechstunden. Hier werden die Tests umfangreicher, die Aufgaben anspruchsvoller. Es soll herausgefunden werden, ob Vergesslichkeit und Erinnerungslücken für das Alter des Patienten noch akzeptabel sind oder bereits das Symptom einer leichtgradigen Demenz. Mittlerweile haben sich allerdings Verfahren etabliert, die sehr früh, teilweise bereits Jahre vor Ausbruch erster klinischer Symptome, Hinweise auf eine Alzheimer-Erkrankung geben können. Mittels der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) ist es möglich, den Zuckerstoffwechsel im Gehirn sichtbar zu machen. Dieser ist bei Alzheimer-Veränderungen in bestimmten Arealen vermindert. Anhand des Nervenwassers, des sogenannten Liquors, kann die Konzentration bestimmter Eiweiße untersucht werden, die zeigt, ob sie sich bereits im Gehirn angelagert haben. Dazu gehören das Beta-Amyloid, das zu den gefürchteten Plaques verklumpt, oder das Tau, das durch zerstörte Neuronen freigesetzt wird.
Völlige Sicherheit bringt nach dem Tod des Patienten die Autopsie. Feingewebliche Untersuchungen klären, ob sich die zerstörerischen Plaques und Neurofibrillen abgelagert haben.
Das Wohlbefinden erhalten
Der Alzheimer-Krankheit liegt ein "neurodegenerativer", also Nervenzell-zerstörender Prozess zugrunde, der sich bis heute nicht gezielt stoppen lässt.
Allerdings lassen sich Faktoren, die das Gehirn zusätzlich schädigen können, gut beeinflussen: erhöhter Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker, Fettleibigkeit, Bewegungsmangel und vor allem Depression. Die Symptome der Erkrankung lassen sich mit Medikamenten abmildern.
Zusätzlich geht es vor allem darum, das Wohlbefinden und das Selbstwertgefühl der Erkrankten so lange wie möglich zu erhalten. Eine der wichtigsten Regeln lautet dabei: Fordern, aber nicht überfordern! Straffes Gedächtnistraining führt dem Patienten nur sein eigenes Versagen vor. Besser ist es, seine noch vorhandenen Fähigkeiten sanft zu fördern und in den Alltag mit einzubeziehen. Der Patient braucht das Gefühl, nützlich zu sein. Auch wenn es stets dieselben Handtücher sein sollten, die er faltet.
Patienten mit einer Alzheimer-Demenz büßen zwar an intellektueller Leistungsfähigkeit ein, nicht aber ihr Gefühl: Bis zu ihrem Tod sind sie sehr empfänglich für atmosphärische und emotionale Eindrücke. Wichtig im Umgang mit ihnen ist daher der Tonfall der Stimme, nicht das Gesagte. Der Patient spürt genau, ob man ihn mag oder vielleicht unbewusst ablehnt. Kleinkinder und Haustiere können da wahre Seelentröster sein: Sie gehen völlig unbeschwert mit dem Erkrankten um und vermitteln ihm Wärme und Zuneigung.
Julia Ucsnay/Andrea Wengel, Stand vom 14.10.2011
Sendung: Alzheimer - Der lange Weg ins Vergessen, 14.10.2011
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- Gehirn im Alter
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- Hirnforschung
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