Gedächtnis

Illustration eines menschlichen Gehirns

Forschung

Gedächtnis

Mnemosyne ist die Mutter der Musen, sagten die Griechen über die Göttin des Gedächtnisses. Im mythologischen Kosmos gab es jedoch auch Lethe, den Fluss des Vergessens. Aus ihm tranken die Seelen der Verstorbenen, um die Erinnerung an leidvolle irdische Erfahrungen auszulöschen. Bis heute beschäftigt das Gedächtnis Philosophen, Künstler und Wissenschaftler. Kein Wunder: Unser Gedächtnis ist der geistige Kitt, der aus Erfahrungen Lebensgeschichten macht.

Das Gedächtnis - Bibliothek, Computer oder Theater?

Skulptur des griechischen Philosophen und Naturforscher Aristoteles

Aristoteles glaubte, dass sich das Erinnern im Herz abspielt

Jedes Wort, jeden Gedanken, sogar das Gefühl für uns selbst und andere verdanken wir unserem Gedächtnis. Ohne seine bindende Kraft zerfiele unser Bewusstsein in Einzelteile, gelebte Augenblicke. Seit frühesten Zeiten rätseln Philosophen und Wissenschaftler über die Natur des Gedächtnisses.

"Was ist denn das, womit wir uns erinnern, welche Kraft hat es und woher hat es sein Wesen?", rief Cicero im ersten Jahrhundert aus. Die Vorstellungen orientierten sich meist am Stand der zeitgenössischen Speichertechnik. Platon verglich um 400 vor Christus das Gedächtnis mit einer Wachstafel, in die sich unsere Erfahrungen eingraben.

Nach der Erfindung des Buchdrucks lag die Parallele zu einem Buch oder einer Bibliothek nahe. Später sollten dann Fotoapparat, Tonband oder Computer veranschaulichen, wie das Gehirn unsere Erinnerungen aufzeichnet. Kreativer und näher am heutigen Stand der Forschung ist ein Vorschlag aus der Renaissance: das Gedächtnis als Theater.

Nicht zu allen Zeiten galt das Gehirn als Ort des Erinnerns und Vergessens. Aristoteles etwa glaubte an das Herz als Sitz der Seele, in der sich auch das Erinnern geistiger Bilder vollzöge. Wer darüber heute lächelt, sollte sich die jüngste Forschungsgeschichte vergegenwärtigen. Noch in den 1960er Jahren kursierte beispielsweise die Theorie der Gedächtnismoleküle. Demnach waren Erinnerungen in Form verschiedener Eiweißstoffe im Gehirn gespeichert.

In einem Experiment brachten Vertreter dieser Forschungsrichtung Plattwürmern bei, das Licht zu meiden. Danach verfütterten sie die Tiere an Artgenossen, die dann angeblich auch dem Licht entflohen. Die "New York Times" titelte daraufhin: "Verspeisen Sie ihren Professor!"

Kätzchen im Hirn

Noch immer ist die komplizierte Sprache unseres Gehirns nicht entschlüsselt. Sicher ist, dass die Erinnerung - etwa an eine Katze - keinesfalls als Bild eines kleinen Kätzchens im Gehirn gespeichert ist. Eine Katze ist wahrscheinlich in verschiedenen Netzwerken von Nervenzellen gespeichert. Zusammen bedeuten diese "Tier", "Mäuse jagen", "Samtpfote", "Garfield", "Miauen" und vieles mehr, was wir mit einer Katze verbinden.

Unser Hirn besteht aus etwa 100 Milliarden Nervenzellen (Neuronen), die zu einem riesigen Netz verbunden sind. Wird eine Nervenzelle von einem ankommenden Reiz erregt, leitet sie einen elektrischen Impuls mithilfe von Botenstoffen an ihre Nachbarzellen weiter: Sie "feuert". Erinnern wir uns nun beispielsweise an die Katze unserer Nachbarin, so entspricht das einer ganz speziellen Kombination von Nervenzellen, die in einem bestimmten Rhythmus feuern.

Wenn wir etwas Neues lernen und unser Gedächtnis dies speichert, dann verstärken sich die Verbindungen zwischen bestimmten Neuronen. Je häufiger sich das Erlebnis wiederholt, desto stärker wird das Neuronennetz zusammengeschweißt, desto dauerhafter ist die Erinnerung. Unser Gedächtnis teilt sich die anfallende Arbeit auf: Die Eigenschaften der Dinge, an die wir uns erinnern, sind denjenigen Regionen zugeteilt, die auch für die Wahrnehmung dieser Eigenschaften zuständig sind.

Erinnern wir uns etwa an einen Ball, so ruft unser Gedächtnis die Informationen über Farbe, Form und Funktion dieses Balls von verschiedenen Orten des Gehirns ab. Alle zusammen lassen in Sekundenbruchteilen das Bild des Balls vor unserem geistigen Auge entstehen.

Ein Speicher für Fakten, einer fürs eigene Leben

Ein Liebespaar, dass sich küsst

Die erste Liebe – ein Fall fürs Langzeitgedächtnis

Unser Gedächtnis besteht aus drei Hauptsystemen. Das sensorische Gedächtnis speichert eintreffende Reize für Bruchteile von Sekunden. Was wichtig ist, gelangt ins Kurzzeitgedächtnis. Hier bleibt die Information einige Sekunden lang erhalten. Zeit genug, um etwa einen Satz zu begreifen, ohne seinen Anfang schon wieder zu vergessen.

Ins Langzeitgedächtnis gelangt, was wir für längere Zeit oder dauerhaft behalten. Das Langzeitgedächtnis kann noch weiter unterteilt werden: Gespeicherte Informationen stehen uns entweder bewusst oder unbewusst zur Verfügung. Bewusst sind uns die Inhalte des episodischen Gedächtnisses.

Es speichert unsere eigene Lebensgeschichte: Erinnerungen an den ersten Kuss, die Flitterwochen, an das heutige Frühstück. Das semantische Gedächtnis dagegen ist für unser Faktenwissen zuständig. Es nimmt den Namen der japanischen Hauptstadt ebenso auf wie die chemische Formel für Wasserstoff.

Unser Gehirn erinnert sich an viel mehr, als uns bewusst ist. Etwa an Bewegungsabläufe: Beim Gehen oder Radfahren erinnern wir uns unbewusst daran, welche Muskeln wann aktiviert werden müssen. Diesen Gedächtnistyp nennt man das prozedurale Gedächtnis.

Erinnern und Vergessen

Noch bis vor wenigen Jahrzehnten glaubten die Wissenschaftler, unser Gedächtnis funktioniere so unbestechlich wie ein Computer: Es zeichne getreulich alles auf, was wir erleben. Heute steht fest, dass Erinnern wohl eher einem Puzzlespiel gleicht. Die Lücken füllen wir aus, indem wir raten.

Erinnern wir uns etwa an einen Porsche, den wir am Vormittag an der Ampel gesehen haben, mag uns das Bild zwar klar vor Augen stehen. Würden wir seine Einzelheiten aber noch einmal mit dem Original vergleichen, fänden sich gewiss bedeutende Unterschiede. Beim Prozess des Merkens spielen Gefühle eine große Rolle. Wir speichern vor allem das, was uns an einem Erlebnis interessiert. Je stärker unsere emotionale Beteiligung, desto dauerhafter die Speicherung.

Was aber passiert, wenn wir etwas vergessen? Darüber gibt es zwei Theorien. Die eine geht davon aus, dass die in unserem Gehirn gespeicherte Erinnerung einfach mit der Zeit verblasst und schließlich ganz verschwindet. Dann müssten wir jedoch umso mehr vergessen, je mehr Zeit seit dem zu erinnernden Ereignis vergangen ist. Dies konnte bislang noch nicht bewiesen werden.

Die zweite Theorie ist plausibler: Sie besagt, dass wir bestimmte Dinge vergessen, weil sie von neuen, interessanteren Eindrücken überlagert oder gestört werden. Wir finden somit nur noch schwer Zugang zu alten Informationen.

Gedächtnis und Kultur

Unser Gedächtnis fasziniert nicht nur die Natur-, sondern auch die Kulturwissenschaftler. Das Phänomen schlägt gewissermaßen eine Brücke zwischen Molekül und Geist, zwischen dem nüchtern betrachteten Netz von Nervenzellen und unseren persönlichen und gemeinsamen Erfahrungen. In unserer Sprache bedeutet Gedächtnis daher keinesfalls immer nur das faktische Dasein von etwas Biologischem.

So prägte die Soziologie den Begriff des kollektiven oder kulturellen Gedächtnisses. Er fällt oft im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Holocaust. Wer diesen Begriff benutzt, geht davon aus, dass es analog zum individuellen Gedächtnis einen Mechanismus auf gesellschaftlicher Ebene gibt. Ihm fällt die Aufgabe zu, unseren Bezug zur Vergangenheit zu regeln.

Autorin: Julia Ucsnay

Weiterführende Infos

Stand: 13.04.2016, 09:25

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