Renaissance

Neuzeit

Renaissance

Die Renaissance gehört zu den schillerndsten und unvergänglichsten Epochen der Menschheit. Mit grenzenlosem Selbstvertrauen bricht der Mensch im Europa des 15. und 16. Jahrhunderts auf zu neuen Ufern und revolutioniert Kunst, Kultur und Wirtschaft. Kulturelle Eliten sorgen für einen einzigartigen Modernisierungsschub. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstehen grandiose Bauwerke, Gemälde und Kunstwerke, die zu den bedeutendsten Werken der Menschheit gehören.

Beginn des Kapitalismus

Kuppel des Doms von Florenz.

Florenz ist die Wiege der Renaissance

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts begegnen wir im Nordwesten und im Süden Europas einem einzigartigen historischen Phänomen, das als das goldene Zeitalter der Renaissance in die Geschichtsbücher eingeht und den Kontinent fast zwei Jahrhunderte in Atem hält. Der Mensch beginnt intensiv über sich selbst nachzudenken. Verstand und Sinne werden zu Instrumenten, mit denen er das bisherige Weltbild infrage stellt und seine Umgebung neu gestaltet.

Es ist die Zeit der Entdecker und Gelehrten, aber auch der Künstler und Mäzene. Amerika wird entdeckt, der Buchdruck erfunden. Kunst und Kultur erleben eine Revolution, Literatur und Wissenschaft setzen ungeahnte schöpferische Kräfte frei. Architektur, Malerei, Musik und Goldschmiedekunst setzen Maßstäbe, die für Jahrhunderte Gültigkeit erlangen.

Florenz - Wiege der Renaissance

In dem blühenden toskanischen Stadtstaat Florenz und im damals niederländischen Flandern nehmen die wegweisenden Neuerungen um 1400 ihren Anfang. In Florenz herrscht damals der mächtige Clan der Medici, in Flandern regieren die burgundischen Herzöge. Die Machthaber erweisen sich als Glücksfall für die Kunst. Sie werden zu bedeutenden Mäzenen, die ihrerseits auf ein selbstbewusstes Bürgertum in aufstrebenden Stadtstaaten treffen.

Es ist die Zeit des Protokapitalismus, ein rasanter Wettbewerb entspinnt sich zwischen Staaten und Städten, Handelshäusern, Familien und Herrschern. Noch heute kennt unser Wortschatz Begriffe aus dem frühen italienischen Bankwesen wie Giro und Konto, Kredit und Bankrott - Begriffe, die von italienischen Bankiers wie den Medici erfunden und geprägt wurden. Durch die fortschreitende Stadtentwicklung und den Beginn systematischer Handelsbeziehungen kommt es innerhalb kurzer Zeit zu einer ökonomischen Blüte, die wiederum auf außergewöhnlich viele Talente unter Künstlern und Handwerkern trifft.

Mafiöse Clans

Die Gartenseite des Palazzo Pitti

Mächtige Palazzi werden erbaut

Der Wettbewerb beginnt unter den Städten, Handelshäusern, Familien. Einige adlige Familien werden zu mächtigen Clans, die geradezu mafiaähnlich organisiert sind. In Florenz sind es die Peruzzi, Pazzi, Strozzi - und vor allem die Medici. Die Familien melden Herrschaftsansprüche an, jeder Clan will die Oberhand über die anderen Familien gewinnen. Die Clans haben Geld, Macht, sie besitzen sogar Privatarmeen, die sie unbarmherzig gegeneinander ins Feld führen. Und noch heute kann der Tourist ihre mächtigen, festungsartigen Palazzi - wie den der Strozzi oder der Medici - innerhalb der Florentiner Stadtmauern bestaunen, damals das weithin sichtbare Statussymbol für Stand, Rang und Macht einer Familie.

Florenz - das war für die Renaissance der richtige Ort zur richtigen Zeit. Und das Schicksal der Stadt verknüpft sich mit dem der Familie der Medici wie mit keiner anderen. Die Medici werden zum Motor der Renaissance in Florenz und auch über die Grenzen der Stadt hinaus. Ihre Geschichte beginnt mit Cosimo de Medici, einem erfolgreichen Bankier in Florenz, der Bill Gates seiner Zeit, der sagenhafte Reichtümer anhäuft. Sein Vater hat das Bankhaus gegründet - Cosimo baut es aus und machte es seinerzeit weltberühmt.

Oligarchen an der Spitze des Staates

Die Medici werden so ungeheuer reich, weil sie zu den Bankiers des Papstes in Rom aufgestiegen sind - in einer sehr wichtigen Zeit des Papsttums. Die Medici besitzen ungeheure Güter, Ländereien, Manufakturen, Handelshäuser, Bergwerke und Minen. Sie investieren gewinnbringend in den Handel mit Tuchen und Seide. Vor den Fuggern, die bald in Augsburg von sich reden machen werden, sind die Medici die größten Magnaten Europas.

Und Cosimo de Medici stiftet. Wegen Steuerhinterziehung und krummer Geschäfte plagt ihn das schlechte Gewissen und möglicherweise die Angst um sein Seelenheil. Das Franziskaner-Kloster San Marco, die Medici-Kirche San Lorenzo, schließlich die erste große öffentliche Bibliothek Europas finanziert er aus eigener Tasche. Er investiert aber auch in Künstler und Talente seiner Zeit - Cosimo ist ein echter Mäzen. Sein Enkel, Lorenzo il Magnifico - Lorenzo der Prächtige, wird Cosimo an Berühmtheit sogar noch übertreffen.

Obwohl er weit weniger glänzende Geschäfte abschließt als sein Großvater, denn zu Lorenzos Zeiten ist das Haus Medici finanziell bereits im Abstieg begriffen, so erlangt er doch Berühmtheit als mächtiger Politiker und Renaissancefürst, ist beliebt als kluger Schöngeist, als Gönner und kunstsinniger Sammler, der mit Nachdruck die Kunst und Wissenschaft der toskanischen Republik Florenz fördert. Ohne die Medici geht im Florenz der Renaissance nichts, sie regieren den Stadtstaat gestützt auf politische Allianzen und erkaufte Bündnisse.

Gemälde: Cosimo I. Medici, Herzog der Toskana.

Cosimo I. Medici, Herzog der Toskana

Nach außen gibt sich Florenz als Republik mit beinahe demokratischem Anschein - nach innen ist es ein merkwürdiges politisches Gebilde mit plutokratischen und oligarchen Zügen - eine Stadt gelenkt von den reichen und mächtigen Cliquen ihrer Zeit. Reichtum und Macht - es sind die neuen Adelsprädikate in jener Zeit. Doch der Adel bekommt zunehmend Konkurrenz. Eine Art Revolution vollzieht sich: der Aufstieg des Bürgertums.

Bürger an der Macht

Einer der wichtigsten Faktoren der Renaissance ist der Geist der Konkurrenz, des Wettbewerbs. An ihm nehmen die Herrscher teil, Familien, Händler, aber auch die Stadtstaaten, die ihre Macht nach außen repräsentieren wollen. Im Zeitalter der Renaissance kämpfen sie untereinander in Kriegen und wechselnden Bündnissen um die Vormachtstellung, nachdem sie sich in langwierigen und schweren Freiheitskämpfen von den deutschen Kaisern gelöst haben: die Seerepublik Venedig, die norditalienischen Städte Mailand und Ferrara, in der Toskana Florenz, Siena und Pisa - ihnen ebenbürtig der Kirchenstaat mit Rom als Zentrum. Zeichen ihrer damaligen Macht und Größe findet man heute noch überall durch die Kirchen, Paläste, Plätze und Kunstwerke jener Epoche.

Ihre Blütezeit verdanken die italienischen Stadtstaaten und Seerepubliken den Kreuzzügen und den daraus resultierenden neuen Handelsstrukturen. Es ist der Handel mit seinen immensen Investitionen und Gewinnen, Gütern und ständig zunehmendem Warenstrom, der für ein neues Selbstbewusstsein jener Händler sorgt, die durch ihn vermögend werden. So fördern Wettbewerb, Handel und Kriege einen neuen sozialen Typus, den freien Städter, den Bürger. Plötzlich können Menschen gesellschaftlich aufsteigen, die nicht von Geburt dem Adel angehören oder in den kirchlichen Institutionen Karriere machen. Wer tüchtig und wem Erfolg beschieden ist, dem wird der Aufstieg zu den gesellschaftlich höheren Weihen nicht verwehrt.

Der Handel beschleunigt das Leben, der frühe Kapitalismus fördert neben dem Austausch von Gütern auch den Austausch von Ideen und Kunst. Florenz, am Puls der neuen Zeit, entwickelt sich zur zentralen Drehscheibe im Geld- und Handelsverkehr. Intensive Geschäftsbeziehungen entstehen zu Rom und Venedig, aber auch zu blühenden Handelszentren nördlich der Alpen - etwa Flandern. Von dort werden nicht nur Waren, sondern auch Kunstwerke importiert. Wer im Florenz des 15. Jahrhunderts etwas auf sich hält, der erwirbt für unvorstellbare Summen ein Bild des bereits unter Zeitgenossen hochgerühmten Niederländers Jan van Eyck oder des Flamen Rogier van der Weyden - der nachweislich Florenz sogar einen Besuch abstattet.

Diese prachtvolle neue Kunst, die mit neuartigen Techniken realistisch die Gegenwart, das Lebensgefühl der neuen Zeit einfängt und abbildet, stößt auf Erstaunen und viel Bewunderung unter den Florentiner Künstlern und Handwerkern. Die Impulse aus dem Norden treffen auf fruchtbaren Boden, die jungen florentinischen Talente stehen bereits in den Startlöchern, um dem goldenen Zeitalter der Renaissance ihren unvergesslichen Stempel aufzudrücken.

Autor/in: Gregor Delvaux de Fenffe

Stand: 21.11.2014, 12:00

Darstellung: