Venedig

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Gondeln statt Autos, Kanäle statt Straßen - Venedig ist eine einzigartige Stadt mit einer einzigartigen Geschichte: mit prachtvollen historischen Bauten, zahlreichen Kunstschätzen und einem ganz eigenen romantischen Charme - wie ein Gemälde, in dem man spazieren gehen kann. Venedig ist lebendige Geschichte - und kämpft dabei mit ganz modernen Problemen: Die Stadt droht im Meer zu versinken und im Müll der Touristen zu ersticken.

Kanäle statt Straßen

Das Foto zeigt mehrere geschmückte und bunt bemalte Gondeln auf dem Canal Grande.

Stadt der Gondeln und Kanäle

Venedig ist im Wasser zu Hause. Inmitten einer Lagune eines flachen Binnenmeeres wurde die Stadt auf mehr als 100 Inseln erbaut. Diese Inseln sind durch über 400 Brücken miteinander verbunden. Mehr als 150 Kanäle dienen als Straßen - der gesamte Verkehr findet auf dem Wasser statt. Zwar gibt es auch Straßen in Venedig, genau genommen über 3000 Gassen und Gässchen, doch diese können nur zu Fuß benutzt werden. Autos, Motorroller und Fahrräder sind in der Lagunenstadt verboten. Sogar Notdienste wie Polizei und Feuerwehr sind mit Booten unterwegs. Früher waren Gondeln das traditionelle Fortbewegungsmittel in Venedig. Heute fahren damit allerdings hauptsächlich Touristen. Die Einheimischen dagegen nutzen überwiegend Motorboote.

Häuser auf Stelzen

Blick über die Dächer von Venedig.

Venedig steht zum Teil auf Holzpfählen

Lange glaubte man, Venedig stehe auf einem Wald von Baumstämmen. Das stimmt allerdings nur zum Teil: Die Stadt steht auf dem sandigen und matschigen Boden der zahlreichen Inseln. Die Fundamente, auf denen die Mauern der Palazzi und Kirchen errichtet wurden, sind meist vier parallele, senkrecht zum Kanal angeordnete Mauerreihen, die bis zu 80 Zentimeter tief in den Boden gebaut wurden.

Nur die kanalseitigen Fassaden ruhen tatsächlich auf Baumstämmen: Um zu verhindern, dass die Mauern an den Ufern abrutschten, rammte man drei Meter lange Pfähle aus Eiche, Erle oder Pappel mit jeweils einem halben Meter Abstand in den Boden. Die Zwischenräume wurden dann mit Lehm und Schlick gefüllt und bildeten so ein solides Fundament. Um das Faulen des Holzes zu verhindern, musste dieser Holz-Lehm-Block allerdings komplett unter Wasser liegen. Die Gebäude selbst sind zum großen Teil Konstruktionen aus Holz, Kalkstein und Ziegelsteinen aus Ton. Diese besondere Bauweise ist so stabil, dass sie Jahrhunderte überdauert hat.

Dennoch sind die Bauwerke vom Wasser bedroht. Venedig droht in der Lagune zu versinken. Denn der sandige und matschige Untergrund der Inseln, auf denen die Fundamente stehen, gibt unter dem gewaltigen Gewicht der Bauwerke nach. So sinkt die Stadt jedes Jahr um einige Millimeter - in den vergangenen hundert Jahren insgesamt um 23 Zentimeter. Inzwischen sind viele Erdgeschosse schon nicht mehr bewohnbar.

Tintoretto, Tauben und Touristen

Ein Platz mit vielen Menschen und Tauben.

Hunderte Tauben tummeln sich auf dem Markusplatz

Der Mittelpunkt Venedigs ist der Markusplatz (Piazza San Marco) mit Dogenpalast, Campanile und Markuskirche. Früher symbolisierte er, in Marmor gefasst, die Macht der Republik. Heute wimmelt es hier von Touristen. Cafés, Restaurants und Souvenirläden säumen den Rand des ehrwürdigen Platzes. Auf ihm tummeln sich Hunderte Tauben, die vor allem bei den Touristen als Fotomotiv sehr beliebt sind. Daneben hat der Markusplatz vor allem Kunstliebhabern einiges zu bieten. Die Basilica di San Marco gilt als einer der erstaunlichsten Sakralbauten des europäischen Mittelalters und als das am reichsten ausgestattete mittelalterliche Bauwerk Venedigs. Der Dogenpalast beherbergt zahlreiche Gemälde bedeutender Künstler wie Jacopo Tintoretto oder Francesco Guardi.

Zu den beliebtesten Zielen der Touristen gehören außerdem die Rialtobrücke und die Insel Murano, auf der sich das Zentrum der venezianischen Glasbläserei befindet. Dazu kommen zahlreiche Palazzi und Kirchen, Museen und Theater, verwinkelte Gassen und versteckte Plätze. Wegen seiner außergewöhnlichen Architektur und dem großen Reichtum an Kunstschätzen zählt Venedig seit 1987 zum Unesco-Weltkulturerbe.

Schattenseiten des Tourismus

Gelbe Stühle stehen in langen Reihen vor einem Café am Markusplatz.

Der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle Venedigs

Der Tourismus ist die Haupteinnahmequelle Venedigs. Einschließlich der auf dem Festland gelegenen Vorstädte hat die Stadt rund 270.000 Einwohner. In der stark schrumpfenden Altstadt selbst leben aber nur knapp 60.000 Menschen. 50 Prozent der Venezianer sind direkt in der Tourismusbranche beschäftigt, dazu kommen täglich 40.000 Pendler. Jedes Jahr kommen Millionen Touristen nach Venedig. Die Zahlen schwanken zwischen 15 und 30 Millionen Besuchern. Die meisten davon sind Tagesgäste, die nicht gesondert registriert werden. Das italienische Fremdenverkehrsamt zählte dagegen 2014 nur etwas mehr als 2,5 Millionen Übernachtungsgäste, die sich für mehr als einen Tag in der Stadt aufhielten. Dennoch gilt die "Perle der Adria" als meistbesuchte Stadt Italiens.

Doch der Tourismus hat auch Nachteile. Er verdrängt die städtische Infrastruktur: Supermärkte oder kleine Bäckereien müssen Souvenirläden oder überteuerten Cafés weichen. Die Bedürfnisse der Touristen werden bedient, die der Einheimischen bleiben dabei zuweilen auf der Strecke: Größere Einkäufe erledigen die meisten Venezianer auf dem Festland.

Auch die überteuerten Mieten machen den Einheimischen zu schaffen. Da die meisten Gebäude baufällig sind, kommen zur Miete vielerorts hohe Kosten für Renovierungsarbeiten dazu. Zahlreiche Häuser sind inzwischen an reiche Ausländer vermietet und dienen als Zweitwohnsitz oder Feriendomizil. Das führt dazu, dass viele Palazzi die meiste Zeit des Jahres leer stehen. Vor allem junge Leute können sich das Leben in Venedig nicht leisten. Das Durchschnittsalter der Bevölkerung liegt, obwohl es eine Universität mit rund 23.000 Studenten gibt, bei 46 Jahren.

Ohnehin hat Venedig für junge Leute nicht viel zu bieten: Clubs, Diskotheken oder Kinos gibt es nur wenige, die Drinks in den Bars sind touristisch teuer. Auf dem Festland dagegen betragen die Mieten nur ein Drittel von dem, was in Venedig verlangt wird. So hat sich in den vergangenen 40 Jahren die Zahl der Einwohner halbiert. Ein Trend, den die Stadtväter aufhalten müssen, wollen sie nicht, dass Venedig zu einem historischen Freizeitpark, einer Art Disneyland des 15. Jahrhunderts, verkommt.

Abendstimmung auf dem Markusplatz, im Hintergrund die monolithische Säule mit dem Markuslöwen und die Kirche San Giorgio Maggiore.

Einzigartige Geschichte und romantischer Charme

Und noch ein Problem versucht die Stadt in den Griff zu bekommen: den Müll. Pro Jahr fallen in Venedig ungefähr 58.000 Tonnen Müll an, den vor allem die Touristen verursachen. Gerade Tagestouristen sind für die Stadt keine große Freude. Da die Preise für Getränke und Snacks in Venedig enorm hoch sind, bringen viele Besucher selbstgemachte Lunchpakete mit und verzehren diese auf Plätzen und Treppen der Stadt. Den Abfall lassen viele einfach fallen. Die Tagestouristen bringen also wenig Geld und viel Müll in die Stadt. Die Müllabfuhr aber ist in Venedig aufwendig und teuer, da der Müll mit speziellen Booten aufs Festland transportiert werden muss. So ist der Tagestourismus für Venedig eigentlich ein Minusgeschäft.

Doch von all diesen Problemen bekommen viele Touristen gar nichts mit. Denn die Schönheit der Stadt übt nach wie vor eine besondere Faszination auf ihre Besucher aus. Schon Johann Wolfgang von Goethe war von der "göttlichen Republik" bei seinem ersten Besuch tief beeindruckt und schrieb 1829 in der "Italienischen Reise": "Alles, was mich umgibt, ist würdig, ein großes respektables Werk versammelter Menschenkraft, ein herrliches Monument, nicht eines Gebieters, sondern eines Volks. Und wenn auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfüllen, böse Dünste über dem Sumpfe schweben, ihr Handel geschwächt, ihre Macht gesunken ist, so wird die ganze Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick dem Beobachter weniger ehrwürdig sein. Sie unterliegt der Zeit, wie alles, was ein erscheinendes Dasein hat."

Autor/in: Josefine Fehr

Stand: 08.05.2014, 13:00

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