Gewalt
Materielle und immaterielle Gewalt
Der Blick in die deutsche polizeiliche Kriminalstatistik zeigt: Fast sechs Millionen Straftaten wurden im Jahr 2010 erfasst. Fast jeder 30. Fall davon zählte als Gewaltkriminalität: 201.243 Fälle in dem Jahr, 551 pro Tag. 2218 Fälle von Mord und Totschlag führt die Liste auf, 7724 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung, 48.166 Raubdelikte und 142.903 Fälle von gefährlicher und schwerer Körperverletzung. All diese Fälle sind Beispiele für die sogenannte materielle Gewalt. Dabei wird eine Person, ein Tier oder ein Gegenstand angegriffen und physisch geschädigt.
Immateriell ist Gewalt hingegen, wenn sie psychisch ausgeübt wird, etwa durch demütigende Worte oder Liebesentzug. Isolationshaft, Schlafentzug, Reizentzug, Waterboarding und ähnliche Methoden der psychischen Gewalt werden auch als "weiße Folter" bezeichnet, weil hierbei das Opfer gefoltert wird, aber keine körperlichen Spuren zu sehen sind – die Seele hingegen kann dabei stark beschädigt werden.
Gewalt verfolgt verschiedene Ziele
Warum Menschen Gewalt anwenden, kann verschiedene Gründe haben: Mal soll einer Person – gegen ihren Willen – Schaden zugefügt werden; mal soll das Opfer dem eigenen Willen unterworfen werden; und mal soll die Gewalt als Gegengewalt auf eine vorangegangene Tat gelten. Der Zweck einer Gewalttat lässt sich auch noch anders unterscheiden: instrumentell, wenn der Täter mit der Gewalt ein bestimmtes Ziel erreichen möchte, expressiv hingegen, wenn der Täter zur Selbstdarstellung gewalttätig wird.
Statistik: Die Opfer der Gewalt (1'23")
Zur Video-Großansicht
Der Sozialtheoretiker Jan Philipp Reemtsma unterscheidet drei Typen: die lozierende Gewalt, die raptive Gewalt und die autotelische Gewalt. Bei der lozierenden Gewalt soll jemand oder etwas "entfernt" werden, damit der Weg zu den eigenen Interessen frei wird – Beispiele sind Mord und Krieg. Raptive Gewalt bedeutet, sich eines anderen Körpers zu bemächtigen, um ihn dann für seine eigenen Interessen zu nutzen – das geschieht etwa bei einer Vergewaltigung. Und autotelisch bedeutet Selbstzweck; hierbei wird also Gewalt um ihrer selbst Willen ausgeübt, vor allem als Lustgewinn – wie etwa beim Foltern.
Gewalttätige Männer, gewalttätige Frauen
Männer sind gewalttätiger als Frauen, sagen die einen. Nein, Frauen sind schlimmer, sagen die anderen. Seit Jahren streiten Wissenschaftler darüber, was nun stimmt. Für jede Position gibt es Studien, die die eigene Meinung untermauern. Doch selbst Überblicksartikel, sogenannte Meta-Analysen und Reviews, kommen zu keinem eindeutigen Schluss.
Aus dem Rahmen fällt eine Studie aus Großbritannien, bei der 271 einjährige Kinder untersucht wurden: Jeweils drei Babys kamen um ihren ersten Geburtstag herum mit ihrer Familie in das Labor der Forscher, das wie für eine echte Geburtstagsparty dekoriert war, Spielzeug für alle inklusive. Dort beobachteten die Psychologen, wie sich die Babys verhielten, ob sie zum Beispiel ein anderes Kind mit einem Spielzeug schlugen: "Es wurden keine Geschlechtsunterschiede in der Aggressivität beobachtet", schrieben die Forscher 2011. Allerdings habe sich gezeigt: Jene Babys, deren Mutter während der Schwangerschaft an Gemütsstörungen gelitten hatte oder eine Vorgeschichte mit Verhaltensproblemen aufwies, waren aggressiver als die anderen.
Vielleicht lässt sich das Dilemma, ob nun Frauen oder Männer gewalttätiger sind, so auflösen: Männer neigten eher zu direkter, nach außen gerichteter, körperlicher Gewalt, und Frauen bevorzugten indirekte, verdeckte Aggressionen, meint der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth. Soll heißen: Männer schlügen eher zu, Frauen würden eher Intrigen spinnen, stalken und beschimpfen. Einen Grund für diesen Unterschied sieht Roth in den ausgeprägten Geschlechterrollen: "Mädchen schlagen nicht" und "Ein Junge muss sich wehren können" seien nach wie vor gängige Erziehungsfloskeln.
Gewaltpotenzial im Gehirn entdecken
Ein anderer entscheidender Faktor für Gewalt könnte das Gehirn sein. Das legen mehrere wissenschaftliche Untersuchungen von Roth und anderen Hirnforschern nahe. Am populärsten ist die Frontalhirn-Hypothese. Das Frontalhirn kontrolliert Angst, Ärger und Aggression. Bei verurteilten Mördern war der Stoffwechsel in dieser Hirnregion weniger aktiv als bei nicht gewalttätigen Personen, hat der US-amerikanische Hirnforscher Adrian Raine herausgefunden. Allerdings galt dieses Ergebnis nur für jene Verurteilten, die im Affekt gehandelt hatten – jene Verurteilten, die den Mord lange geplant hatten, hatten ein normal funktionierendes Frontalhirn.
"Wenn man in so einem Gehirn sieht, dass ein Stück des Frontallappens fehlt, dann kann man vermuten, dass diese Menschen entweder gewalttätig sind oder zumindest ihre Impulse nicht zügeln können", folgerte der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth im Südwestrundfunk. Dennoch: Es gibt nicht die eine Ursache dafür, dass jemand gewalttätig wird. Erfahrungen aus der Kindheit, eine vererbte Neigung zu Gewaltausbrüchen und andere Faktoren können eine Rolle spielen – entscheidend ist wohl eine Kombination von Risikofaktoren.
Franziska Badenschier, Stand vom 20.02.2013
Sendung: Zivilcourage - Einschreiten statt wegschauen, 20.02.2013
Verwandte Themen bei Planet Wissen
- Gewalt in der Pflege
-
Pflegebedürftige sind besonders anfällig für Gewalt: Die alten oder kranken Patienten können sich kaum oder gar nicht wehren, wenn sie unnötigerweise ans Bett geschnallt werden oder sie ein Pfleger mit Medikamenten ruhigstellt.
- Sexuelle Gewalt im Tierreich
-
Sex unter Tieren hat häufig nichts mit Zärtlichkeit zu tun: Gottesanbeter-Weibchen fressen das Männchen nach dem Sex, und Stockenten ertränken das Weibchen schon einmal, wenn auch eher aus Versehen.









Seite teilen