Das "Mädchenorchester"

Auschwitz

Das "Mädchenorchester"

Nur sehr wenige Menschen haben den Holocaust überlebt, darunter einige Musikerinnen des sogenannten "Mädchenorchesters" von Auschwitz. Sie konnten überleben, weil sie etwas mehr zu essen bekamen, weil sie ihren Körper pflegen durften, und weil sie ihre Persönlichkeit behalten konnten. Als Musikerinnen waren die jungen Frauen in Auschwitz mehr als nur eine Nummer, sie hatten eine Identität.

Musik in Konzentrationslagern

Während die "Schutzstaffel" (SS) den Massenmord an Millionen von Menschen organisierte, sorgte sie sich um das Wohl der eigenen Leute. Die Leitung eines Konzentrationslagers organisierte deshalb Konzerte und andere Kulturveranstaltungen, die das SS-Personal unterhalten sollten. Ein eigenes Orchester gehörte zum "guten Ton" eines Konzentrationslagers.

Schwarzweiß-Foto einer jungen Frau. Sie trägt ein langes Kleid, hält in der linken Hand eine Geige, in der rechten einen Geigenbogen und blickt lächelnd nach unten.

Alma Rosé war in Auschwitz Kapellmeisterin

Die Orchester hatten aber auch noch andere Aufgaben: Morgens und abends spielten sie am Tor Marschmusik, damit die Arbeiter in militärischer Ordnung schritten und die Bewacher sie gut abzählen konnten. Musik wurde ebenfalls eingesetzt, wenn Selektionen vorgenommen wurden. Kamen die Deportierten mit den Zügen an der Rampe im Lager an, wurde die Musik zur Ruhigstellung benutzt. Die Ankommenden sollten so lange im Glauben belassen werden, dass es im Lager "ja gar nicht so schlimm" sein kann, bis sie selektiert und in die Gaskammern geschickt worden waren.

Orchester gab es in fast allen Konzentrationslagern. Schon im Januar 1941 hatte Auschwitz ein Männerorchester. Juden waren in dieser ersten Zeit im Orchester nicht zugelassen. Bald aber wollte jedes Lager sein eigenes Orchester haben. Auf dem Gelände gab es Orchester in den Lagern Birkenau, Monowitz, Golleschau und Blechhammer. Aus Mangel an Musikern durften nun auch Juden im Orchester spielen. Im Frauenlager in Auschwitz-Birkenau wurde eine Jüdin sogar als Kapellmeisterin eingesetzt: die Musikerin Alma Rosé.

"Wenn wir nicht gut spielen, kommen wir ins Gas"

Schwarzweiß-Foto einer Gruppe Männer, die vor einer Gebäudewand stehen. Einige spielen Blas-, andere Streichinstrumente, zwei Männer spielen Akkordeon.

Das KZ Janowska hatte ein Männerorchester

Alma Rosé wurde 1906 als Tochter des angesehenen Musikers Arnold Rosé in Wien geboren. Ihre Mutter war die Schwester von Gustav Mahler. Alma Rosé galt schon früh als hochbegabt, stand aber im Schatten der berühmten Männer in der Familie. 1932 gründete sie mit den "Wiener Walzermädeln" ihr eigenes Orchester, mit dem sie durch ganz Europa auf Tournee ging.

Mit der Machtübernahme der Nazis änderte sich ihr Leben: Sie beschränkte ihre Tourneen auf immer weniger Länder und floh schließlich 1939 mit ihrem Vater nach England. Ein Engagement in den Niederlanden brachte sie zurück auf den Kontinent. Als die Deutschen in den Niederlanden einfielen, musste sie wieder fliehen. Auf ihrem Weg in die Schweiz wurde sie verraten, verhaftet und nach Auschwitz deportiert.

Als Alma Rosé im Juli 1943 im Lager eintraf, kam sie in den Block, in dem Josef Mengele seine Experimente an Menschen machte. Da sie ihren bevorstehenden Tod erahnte, bat sie darum, noch einmal auf der Geige spielen zu dürfen. Die Lagerleiterin Maria Mandel erkannte ihr Talent. Maria Mandel, die wegen ihrer besonderen Brutalität später zum Tode verurteilt wurde, wollte ein eigenes Orchester im Frauenlager Birkenau aufbauen. Dafür nahm sie sogar in Kauf, eine Jüdin als Leiterin des Orchesters einzusetzen.

Alma Rosé war eine leidenschaftliche Künstlerin und eine strenge Lehrerin. "Wenn wir nicht gut spielen, kommen wir ins Gas", sagte sie und widmete all ihre Energie der Zusammenstellung eines guten Orchesters. Schon nach kurzer Zeit verfügte ihr Orchester über ein breites Repertoire anspruchsvoller Stücke. Ihr Ansehen, nicht nur bei den Orchestermitgliedern, war hoch. Immer wieder gelang es ihr deshalb, auch Jüdinnen in das Orchester aufzunehmen.

Alma Rosé leitete das Orchester bis zu ihrem Tode im April 1944. Wie sie gestorben ist, bleibt ungewiss. Einige vermuteten, sie hätte sich vergiftet, andere behaupten, sie sei vergiftet worden. Tage zuvor hatte sie schon über Kopfschmerzen geklagt. Indizien weisen daruf hin, dass sie möglicherweise an einer Gehirnhautentzündung gestorben ist.

Über ihren Tod war offensichtlich sogar die SS bestürzt. Mitten im Vernichtungslager, wo die SS täglich Menschen ermordete, wurde sie auf ein weißes Tuch gebettet. Die Musikerinnen durften an ihrem aufgebahrten Leichnam vorbeigehen, um sich zu verabschieden.

"Eine zuverlässige Gemeinschaft"

Die Musikerinnen waren ein wild zusammengesetzter Haufen, von denen nur die wenigsten über eine Musikausbildung verfügten. Dennoch gelang es Alma Rosé, aus ihnen ein richtiges Orchester zu machen. Für alle bedeutete es ein ungeheures Glück, im Orchester aufgenommen zu werden. Ein Glück, das häufig einem Zufall zu verdanken war.

So erzählt die Sängerin Eva Steiner, wie sie im Lager vor lauter Hunger die Blockwartin gefragt hatte, ob sie vielleicht ein Stück Brot bekäme, wenn sie singen würde. Eine SS-Frau, die ihren Gesang hörte, wollte sie sofort zum Orchester bringen. Eva Steiner hatte den Mut zu sagen, dass sie nur mit ihrer Mutter gehen würde. Das Unvorstellbare passierte: Am nächsten Tag kam auch ihre Mutter zu dem Orchester, als eine der Notenschreiberinnen.

Porträtfoto der grauhaarigen Anita Lasker-Wallfisch

Mitglied des Orchesters: Anita Lasker-Wallfisch

Die Gruppe bestand zusammen mit den Notenschreiberinnen aus etwa 40 Mitgliedern, die sich die Hälfte einer Baracke teilten. Unter ihnen waren Jüdinnen und Nicht-Jüdinnen aus allen möglichen Ländern Europas. Anita Lasker-Wallfisch spielte Cello im "Mädchenorchester". Sie schreibt in ihren Erinnerungen: "Trotz aller Unterschiede ... bildeten wir eine zuverlässige Gemeinschaft, die ihr elendes Dasein und die Aussicht auf ein ebenso elendes Ende miteinander teilte, voller Besorgnis um einander, voller Wärme und Freundschaft."

Trotz einiger Privilegien mussten die Musikerinnen jederzeit damit rechnen, vergast zu werden. Die meisten der jüdischen Mitglieder hatten ihre Verwandten schon verloren. Jetzt mussten sie fröhliche Musik spielen, während die Selektionen vorgenommen wurden.

Sie mussten ohnmächtig mit ansehen, wie um sie herum Menschen getötet wurden. Sie mussten spielen, wenn SS-Leute an ihrer Baracke vorbeikamen, um sich etwas vorspielen zu lassen. An Sonntagen gaben sie regelmäßig Konzerte. Diese fanden manchmal draußen zwischen den Lagern statt, so dass die Frauen aus beiden Lagern ihnen zuhören konnten.

Im Oktober 1944 - sowjetische Truppen hatten schon das Lager Majdanek befreit - wurden fast alle Orchestermitglieder im Viehwaggon nach Bergen-Belsen transportiert. Das Lager Bergen-Belsen war schon bald überfüllt mit Menschen, die aus anderen Konzentrationslagern dorthin getrieben worden waren. Krankheiten und Seuchen brachen aus.

Die Menschen starben reihenweise, überall lagen Leichen. Die Gruppe hielt weiterhin zusammen. "Das ergab sich ganz natürlich," schreibt Anita Lasker-Wallfisch, "unsere Gemeinschaft war zweifellos das wichtigste Element in unserem Kampf ums Überleben." Im April 1945 wurde Bergen-Belsen von den Engländern befreit.

Autorin: Sine Maier-Bode

Stand: 26.10.2015, 11:06