Auf der Walz sein

Handwerk heute

Auf der Walz sein

Mit der "Walz" oder der "Tippelei" bezeichnet man die Wanderschaft eines Handwerksgesellen nach Abschluss seiner Gesellenprüfung. Der Lehrling wird vom Meister "frei" gesprochen und geht auf die Walz. Seit dem 12. Jahrhundert ziehen junge Handwerker durchs Land, um andere Regionen, Kulturen, aber vor allem neue Fertigkeiten in ihrem Fach kennenzulernen.

Ohne Walz kein Meister

Zwei Wandergesellen warten auf eine Mitfahrgelegenheit.

Zwei Wandergesellen warten auf eine Mitfahrgelegenheit

Vom Spätmittelalter bis Mitte des 18. Jahrhunderts war die Walz Voraussetzung für den Gesellen, seine Meisterprüfung zu beginnen. Im Einzelnen regelten die entsprechenden Zünfte die Dauer und den Ablauf der Wanderschaft. Sinn des Wanderns war es auch, irgendwann einmal den väterlichen Betrieb zu übernehmen.

War ein Wandergeselle in einer fremden Stadt angekommen, musste er sich beim Zunft- oder Zechvater der entsprechenden Organisation seines Handwerks vorstellen. Fand er keine Arbeit, bekam er ein sogenanntes Zehrgeld und reiste weiter. Gesellen wanderten als Freireisende oder "schachtgebunden" (Handwerkervereinigung).

Walz im Wandel

Mit der Zunahme der neu gegründeten Manufakturen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden immer mehr Konflikte mit dem alten Handwerk. Das Wandern verlor an Bedeutung, da die größer werdenden Betriebe Interesse hatten, das in ihrem Unternehmen vermittelte Wissen für sich zu nutzen. Hoch- und Gewerbeschulen wurden gegründet. Nur in wenigen Haupt- und Nebengewerken des Bauhandwerks blieb die Wanderschaft weiter erhalten.

Drei Wandergesellen laufen durch das Regierungsviertel in Berlin.

Wandergesellen in der Hauptstadt

Die Zahl der reisenden Gesellen kann man nicht in konkrete Zahlen fassen; sie unterlag ständigen und großen Schwankungen. So lag Anfang des 20. Jahrhunderts bis Ende der 1920er Jahre die Zahl der Wandergesellen im vierstelligen Bereich. Während der Weltkriege und in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur ging die Zahl der Wanderungen stark zurück, da viele junge Männer zum Militär eingezogen wurden.

Anfang der 1950er Jahre stieg das Interesse an der traditionellen Walz rasch, erreichte aber nie die Dimensionen der Zwanziger Jahre. In der DDR wurde das zünftige Reisen bald verboten; die geltenden Bedingungen der Volkseigenen Betriebe machten das Arbeiten an verschiedenen Arbeitsstellen nahezu unmöglich.

Mit dem wachsenden Wohlstand in der wirtschaftlich aufstrebenden BRD ging auch dort die Motivation, für drei Jahre auf die Straße zu gehen, rapide zurück, sodass in den 1970er Jahren die reisenden Handwerksleute in ihrer traditionellen Kluft eine Seltenheit waren. Die jahrelange Zeit der Entbehrungen hatte man nicht mehr nötig.

Walz heute und Schächte

Anfang der 1980er Jahre waren der Wunsch nach alternativen Lebensweisen und die Emanzipation der Frauen besonders starke Strömungen. Zwei neue Handwerkervereinigungen, sogenannte "Schächte", wurden gegründet. Ihre Strukturen wichen stark von den "alten" Traditionsschächten ab. Und: Sie ließen auch Frauen zu.

Die fünf größten Schächte in Deutschland sind heute:

  1. Die Rechtschaffenen Fremden, die wiederum in zwei unterschiedliche Reisendenvereinigungen unterteilt sind; eine nur für Metall, Stein und Mineralien verarbeitendes Handwerk; das andere nur für sogenannte Holzberufe. Es werden ausnahmslos nur Männer aufgenommen.
  2. Die Rolandsbrüder, die nur "männliche, schuldenfreie und unverheiratete Zimmerer, Maurer, Tischler, Steinmetze, Dachdecker, Steinsetzer, Betonbauer und Holzbildhauer bis Ende ihres 27. Lebensjahres" aufnehmen. Weitere Besonderheit hier: Die Reisenden dürfen sich für die Dauer von drei Jahren und einem Tag nicht weiter als 60 Kilometer ihrem Heimatort (Bannkreis) nähern.
  3. Der Fremde Freiheitsschacht steht für die Pflege des Brauches für Bauhandwerksgesellen nach der Lehrzeit. Es werden männliche Bauhandwerker zugelassen, die sich verpflichten ihren "Heimatort bis auf 50 Kilometer zu meiden, keine Schulden, keine Kinder und einen Gesellenbrief zu haben, sowie unverheiratet und Mitglied einer Gewerkschaft zu sein".
  4. Der Freie Begegnungsschacht wurde 1986 gegründet. Er ist der Zusammenschluss von reisenden und einheimischen Handwerksgesellen mit abgeschlossener Gesellenausbildung in einem traditionellen Handwerksberuf. Merkmal hier ist, dass Frauen wie Männer gemeinsam reisen dürfen; vom Hufschmied über den Goldschmied bis hin zum Konditor wird jedes traditionelle Handwerk aufgenommen.
  5. Bei den Freien Voigtländern reisen seit 1910 Zimmerleute, Maurer, Dachdecker, Steinmetze und Bautischler für mindestens zwei Jahre. Bedingungen hier sind: Besitz eines Gesellenbriefes, dass man ledig und schuldenfrei sowie Mitglied in der Gewerkschaft ist.

Außerdem steigt die Zahl der Freireisenden beiderlei Geschlechts. Sie sind meist stolz auf ihre Ungebundenheit gegenüber den Schächten, halten aber auch sehr an den Traditionen fest: Bannkreis, Kluft, Vorsprechen beim Meister et cetera.

Rituale und Regeln

Zwei Wanderegsellen arbeit auf einer Baustelle und setzen Steine.

Wandergesellen haben Arbeit gefunden

Wer auf die Walz geht, muss sich oft an jahrhundertealte Traditionen halten. Jeder Schacht hat seine eigenen Gebräuche und Rituale. Bei den Rolandsbrüdern wird der "Neue" von einem Altmeister von zu Hause abgeholt und mit einer Zeremonie in die Gesetze und Regeln des Lebens auf Wanderschaft eingeweiht. Während einer zweimonatigen Aspirantenzeit werden die jungen Gesellen auf "Herz und Nieren geprüft" und erst dann auf ihren individuellen Weg geschickt.

Bei allen Schächten findet man noch den Brauch des Vorsprechens. Kommt ein Wandergeselle in eine neue Stadt, so muss er beim dortigen Bürgermeister vorsprechen. WAS dort genau WIE gesprochen wird, zählt zu den großen Geheimnissen der Schächte und wird tatsächlich nur von Geselle zu Geselle weitergegeben. "Das machen wir nicht aus Eitelkeit, sondern zum einen aus Schutz der Tradition und zum anderen zum Schutz vor Missbrauch.

Sonst kommt eines Tages einer als Wandergesell verkleidet, sagt sein Sprüchlein auf und bekommt einen Platz, den eigentlich ein "echter" Handwerker einnehmen sollte! Es soll schon Privileg derer bleiben, die auf der Straße sind!", so Guido Stier, ehrbarer Zentralleiter des Rolandschachtes. Früher wurden bei diesem Vorsprechen auch gleich Botschaften aus der Herkunftsstadt des Wanderers mit übermittelt.

Der Bannkreis zum Heimatort darf bei allen Schächten nur in extremen Notlagen - Tod oder Krankheit eines Angehörigen - gebrochen werden. Kontakt zur Familie darf man via Internet und Handy halten, in der Regel "hat der Wandergeselle keinen Sinn für zu Hause, sodass das eh nicht so oft vorkommt. Neue Eindrücke prasseln täglich auf den Gesellen ein, das muss man verstehen", findet Guido Stier.

Im Handwerkssaal werden heute noch Entscheidungen gefällt und Streitigkeiten geregelt.

In regelmäßigen Abständen treffen sich einheimische Schachtmitglieder der Umgebung mit den fremden, die sich momentan dort aufhalten und in Arbeit stehen, um - im wahrsten Sinne des Wortes - in geselliger Runde Erfahrungen und Ideen auszutauschen. Das hat auch psychologische Gründe. Rolandsbruder Guido Stier: "Wenn man nach Hause kommt von der Walz, hat man sich sehr verändert. Man braucht quasi nochmal eine Reisezeit, um wieder in sein altes Leben zurückzufinden. Deswegen schließt man sich Gesellenschaften an."

Einen wandernden Gesellen erkennt man vor allem an seiner traditionellen Kluft; seine Schachtzugehörigkeit an der sogenannten "Ehrbarkeit".

Die Handwerkerehre steht für Qualität, Zuverlässigkeit, Vertrauen und Ausbildungssicherung sowie für Werte wie Fleiß, Beständigkeit, Hingabe und Treue innerhalb der Ausübung eines Handwerks. Ein Meister spricht den Lehrling vor den Augen seiner Kameraden frei, wenn dieser sich "redlich, fromm und treu sowie gottesfürchtig und ehrliebend gezeigt hat". Dann bekommt er die "Ehrbarkeit" ans Revers gesteckt, die je nach Schacht unterschiedlich aussieht.

Kluft und Zubehör

Drei Zimmergesellen im Zunftgewand versuchen an einer Bundesstraße per Anhalter weiter zu kommen.

Zimmergesellen mit Charlottenburger auf dem Rücken

So wie man sich kleidet, so handwerkert man. Jedes Gewerk hat seine spezielle Kluft. Hier folgen am Beispiel eines Zimmermanns die einzelnen Kleidungsstücke und die Ausrüstung, die stets in Ordnung gehalten werden müssen.

Der Hut kann ein Schlapphut, ein Zylinder oder ein Koks (Melone) sein und bezeichnet seinen Träger als "frei".

Das kragenlose, weiße Hemd wird Staude genannt.

Über dem Hemd trägt man eine Samt- oder Manchesterweste, die mit acht Perlmuttknöpfen besetzt ist. Die Knöpfe müssen in Form eines "Z" angenäht werden.

Die Ehrbarkeit ist ein krawattenähnliches Stück Stoff und hat unterschiedliche Farben: Schwarz wird von den Rechtschaffenen Fremden getragen, Blau von den Rolandsbrüdern, Rot von den Fremden Freiheitsbrüdern und Grau von den Gesellen des freien Begegnungsschachtes. Bei allen wird die Ehrbarkeit mit einer goldenen Nadel mit dem Handwerkswappen des jeweiligen Schachtes am Hemd befestigt. Die Freien Voigtländer Deutschlands tragen eine goldene Nadel mit FVD-Symbol am kragenlosen Hemd.

Die Jacke aus Samt oder Manchester ist mit sechs Knöpfen besetzt.

Die Hose muss einen Schlag von 65 Zentimetern am Hosenbein haben und besteht aus Samt- oder Manchesterstoff.

An den Füßen trägt man schwarze Schuhe oder Stiefel.

Der Ohrring mit dem Handwerkswappen im linken Ohr kennzeichnet den wandernden Lehrling. Sein erster Träger soll ein Verehrer des jüdischen Königs Salomo gewesen sein. Der Ohrring war aus purem Gold; nach seinem Tod konnte der Reisende damit sein Begräbnis bezahlen.

An der Zunftuhrkette befinden sich Wappen der Städte, in denen der Geselle gearbeitet hat.

Wichtigster Begleiter des Gesellen ist der Charlottenburger, ein circa 88 mal 88 Zentimeter großes Tuch, in dem der Lehrling Wechselwäsche, Zahnbürste und Werkzeug trägt. Auf den meist zu einer langen Wurst geknoteten, mit Wappen bedruckten Stoff kommt oben noch der Schlafsack.

Weitere Utensilien sind der Stenz, eine Art gewundener Wanderstab, und das Wanderbuch. Letzteres belegt alle Arbeitseinsätze des Lehrlings, die er während seiner Wanderjahre gehabt hat. Gleichzeitig fungiert es auch als eine Art Reisetagebuch.

Autorin: Tanya Rothe

Weiterführende Infos

Stand: 30.05.2016, 15:41

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