Wirtschaftswunder

Deutsche Geschichte

Wirtschaftswunder

Sich endlich einmal satt essen und eine Wohnung haben, so lauteten die Wünsche der Nachkriegszeit. Die Normalität sollte wieder beginnen – nach dem Krieg, nach der Zeit der wirtschaftlichen und politischen Ungewissheit. Und tatsächlich: Die Bundesrepublik bekam eine neue Währung, eine neue Verfassung, eine neue Regierung mit Kanzler Adenauer und eine neue Hauptstadt.

Der Traum vom guten Leben

In der Bergbau-Leitstelle in Essen-Heisingen kommt ein griechischer Gastarbeiter mit Koffern an und wird von anderen empfangen.

In der Bergbau-Leitstelle in Essen-Heisingen kommt ein griechischer Gastarbeiter mit Koffern an und wird von anderen empfangen.

Ein neues Jahrzehnt fängt an: die 50er – in die Geschichte der Bundesrepublik geht es ein als das Jahrzehnt des Wirtschaftswunders, das erst durch die Bergbaukrise Anfang der 60er Jahre beendet wird. Die Weichen hat Ludwig Erhard, Vordenker der Währungsreform und erster Wirtschaftsminister der Bundesrepublik, gestellt. "Soziale Marktwirtschaft" heißt die neue Wirtschaftsordnung. "Wohlstand für alle" – so der Slogan der CDU vor der Bundestagswahl 1957 – soll diese Wirtschaftsform bringen. Jeder, der etwas leistet, soll sich auch etwas leisten können.

Die Förderung der Industrie steht am Anfang des wirtschaftlichen Aufschwungs. Als Basis und Energielieferanten werden Bergbau und Stahlindustrie aufgebaut, später gewinnen Maschinenbau, Chemie und Elektroindustrie an Bedeutung. Die Produktion von Konsumgütern für den privaten Bedarf spielt allerdings in der ersten Hälfte der 50er Jahren keine große Rolle. Auch die Löhne wachsen am Anfang der 50er Jahre nur langsam, die Gewinne der Unternehmen fließen in den weiteren Ausbau. Dass sich die Bundesrepublik so schnell von den Kriegsfolgen erholt, verdankt sie vor allem der Unterstützung der westlichen Alliierten. Im Kalten Krieg benötigen diese einen starken Bündnispartner an der Nahtstelle der Blöcke. Statt weitere Demontagen hinzunehmen, profitiert die Bundesrepublik vom "Marshallplan", der Aufbauhilfe der USA für die kriegszerstörten europäischen Länder.

Vollbeschäftigung

Mann am Führerstand einer Druckpresse in den 50er Jahren.

Die deutsche Wirtschaft wirbt mit Superlativen

In den Jahren 1950 bis 1963 nimmt die Industrieproduktion real um 185 Prozent zu. Es gibt genügend Arbeitskräfte, die zahlreichen Vertriebenen und Flüchtlinge können beim Aufbau der Wirtschaft gut eingesetzt werden. Frauen allerdings, die am Ende des Krieges und in den ersten Jahren danach in vielen Bereichen der Wirtschaft arbeiten, werden wieder nach Haus geschickt. Die Männer sind aus dem Krieg zurück. Das Frauen- und Familienbild der Adenauer-Regierung sieht eine Berufstätigkeit von Frauen nur bis zur Eheschließung vor.

Ende der 50er Jahre mangelt es sogar an Arbeitskräften. Unternehmer beginnen, ausländische Arbeitskräfte einzustellen. 1955 wird das erste Anwerbeabkommen mit Italien unterzeichnet, ab 1960 folgen vor allem weitere Mittelmeerländer: Portugal, Spanien, Griechenland und die Türkei. Das Wort "Gastarbeiter" entsteht, denn die Anwerbung sieht nicht vor, das die ins Land geholten Arbeitskräfte auch auf Dauer bleiben. 1964 wird der millionste Gastarbeiter am Kölner Hauptbahnhof begrüßt. Meist arbeiten sie als ungelernte Arbeiter in Fabriken und auf dem Bau, später vor allem im Bergbau, auch wenn sie daheim andere Berufe gelernt hatten.

"Made in germany"

Der VW Käfer wird ein Symbol für das Wirtschaftswunder. Das millionste Exemplar rollt als vergoldetes Sondermodell im Werk Wolfsburg 1955 vom Band. Auch der Elektrobereich boomt: Waschmaschinen, Kühlschränke, Fernsehgeräte und Radioapparate sind Verkaufsschlager. Firmen wie Krupp, die durch Rüstungsproduktion im Zweiten Weltkrieg in Verruf gekommen waren, durch Bomben stark zerstört und nach Kriegsende demontiert wurden, erholen sich in den 50er Jahren. Lokomotiven, Industrieanlagen, Maschinen und Motoren werden in alle Welt verkauft. Die Bundesrepublik als Industriestandort lockt viele Investoren aus dem Ausland an - der Außenhandel blüht. "Made in Germany" wird zum Qualitätsmerkmal für Exportgüter.

Werkshalle in den 50er Jahren voll mit Arbeitern, Fotografen und einem Käfer, darüber das Schild mit der Aufschrift '1 Million'.

Der millionste Käfer

Ludwig Erhard hat sich stets gegen den Begriff "Wirtschaftswunder" gewehrt, sah er doch den wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik als eine Folge von harter Arbeit, Wiederaufbauleistung und - in den ersten Jahren - dem Verzicht auf die Erfüllung persönlicher Konsumbedürfnisse. Kein Wunder, das über Nacht gekommen war. Durch den Aufbau der Wirtschaft findet die Bundesrepublik auch wieder die Wertschätzung anderer Länder, die zuvor als Kriegsfeinde die Deutschen verachtet hatten. Die Bundesdeutschen gewinnen einen neuen Nationalstolz, ohne dass eine ausführliche politische Auseinandersetzung über Krieg und Nationalsozialismus vorausgegangen wäre.

Konsum und Wohlstand

Ab Mitte der 50er Jahre steigt auch der private Kaufkraft an, während die Lebenshaltungskosten stagnieren. Also bleibt mehr Geld übrig für den Konsum. Die Deutschen geraten in einen wahren Kaufrausch: Möbel, Autos, Reisen, Elektrogeräte. Erhards Konzept vom "Wohlstand für alle" scheint aufzugehen. Die Massenfertigung von Konsumgütern verbilligt die Preise für ehemals unerschwingliche Dinge wie Radios, Fernseher oder Waschmaschinen. Die Bundesregierung unterstützt den Traum vom "Häuschen im Grünen" mit zinsgünstigen Baukrediten. An dem wachsenden Wohlstand haben alle Anteil: auch die Arbeiter und - nach einer Rentenreform 1957 - die Alten. Soziale Sicherheit, Vollbeschäftigung - in den 50er Jahren bilden sich die Maßstäbe für eine Lebensqualität, die heute als selbstverständlich gilt.

Zwei Ausprägungen der Lust am Konsum sind die "Fresswelle" und die neue "Reiselust". Ging es nach dem Krieg vor allem darum satt zu werden, futtern sich in den 50er Jahre viele Deutsche "Wohlstandsbäuche" an. Gute Butter, echter Bohnenkaffee - üppiges Essen ist gefragt. Und nach und nach ändern sich auch die Essgewohnheiten: das helle Weizenmehl, vormals den Kuchen vorbehalten, wird mehr und mehr für Brot verbacken - die Amerikaner haben es mit ihrem Toastbrot vorgemacht. Konserven und Tiefkühlkost lösen das frische Gemüse aus dem eigenen Garten ab. Reisen machen Lust auf exotische Kost.

Eine Frau öffnet in den 50er Jahren einen Holz-Kühlschrank mit Barfach.

Wohnen in den 50er Jahren

Überhaupt das Reisen: In den 50er Jahren scheint für viele Bundesbürger der Urlaub wieder in den Bereich des Möglichen zur rücken. Anfangs besuchen die Bundesdeutschen vor allem noch ihre Verwandten, später ziehen sie in Pensionen und Fremdenheime. Anfang der 60er Jahre fährt jeder dritte Deutsche einmal im Jahr in den Urlaub. Auch wenn das Fernweh groß ist - Italien bleibt für die meisten ein Wunschtraum. Die Reiseziele liegen zunächst noch in der Nähe: die Nordseeküste, Mittelgebirge wie das Sauerland, der Schwarzwald oder Bayern. Busunternehmen bieten Fahrten auch für die, die sich noch kein eigenes Auto leisten können. Und die Autobesitzer entdecken eine neue preiswerte Variante des Urlaubs: das Camping. Ab Mitte der 60er Jahre fliegen die ersten Reisegesellschaften regelmäßig "Mallorca - den Germanengrill im Mittelmeer" (so der Text einer Fernsehreportage von 1965) an.

Autor/in: Hildegard Kriwet

Stand: 13.08.2014, 13:00

Darstellung: