Protonentherapie

Krebs

Protonentherapie

Die Protonentherapie gilt als eine vielversprechende Möglichkeit, Krebs zu behandeln. Die positive Wirkung von Protonenstrahlen bei der Behandlung von Krebs ist seit Jahrzehnten bekannt. Doch die dazu notwendigen Teilchenbeschleuniger gab es lange nur in großen Physik-Forschungsinstituten. Inzwischen hat die Industrie spezielle Beschleuniger für Krankenhäuser entwickelt. Weltweit entstehen zahlreiche Protonentherapiezentren, so auch in München.

Mit 650 Millionen Kilometern pro Stunde zum Tumor

Als Protonen bezeichnet man die positiv geladenen Teilchen eines Atomkerns, im Gegensatz zu den neutralen Neutronen. Mithilfe elektrischer Felder können Protonen beschleunigt werden. Außerdem lassen sie sich aufgrund ihrer Ladung mit Magneten lenken. Das nutzt die Protonentherapie, um Tumore tief im Gewebe oder an schwer zugänglichen Bereichen punktgenau zu bestrahlen. Weltweit wurden bereits mehrere Zehntausend Krebspatienten mit Protonen behandelt, vor allem bei Tumoren im Auge, im Gehirn, an der Schädelbasis, an der Wirbelsäule und im Becken.

Im Berliner Hahn-Meitner-Institut ist ein Patient millimetergenau auf dem computergesteuerten Behandlungsstuhl mit Gesichtsmaske und Beißblock positioniert - zur Vorbereitung auf eine Augen-Tumor-Therapie mittels Protonenstrahl.

Protonen-Beschuss zerstört Augentumore

Protonenstrahlen bestehen aus Wasserstoff-Atomkernen. Sie werden mithilfe von gigantischen Maschinen, die ein Fußballfeld lang und fast drei Stockwerke hoch sind, auf etwa 650 Millionen Kilometer pro Stunde beschleunigt und in den menschlichen Körper geschossen. Die Protonen bewegen sich, von zwei je fünf Tonnen schweren Magneten gelenkt, auf einer geraden Bahn direkt zum Tumor. Auf ihrem Weg geben sie nur wenig Strahlung ab.

Erst wenn sie zum Stillstand kommen, entfalten sie ihre volle Dosis und zerstören den Tumor. Das ist auch ihr großer Vorteil gegenüber Röntgen- und Gammastrahlen, die momentan noch überwiegend zum Einsatz kommen. Diese zerstören weit mehr gesundes Gewebe, weil sie einen hohen Anteil ihrer Energie bereits zu Beginn ihrer Reise durch den Körper freisetzen.

Kein Haarausfall trotz Bestrahlung

Ein Patient erhält eine Infusion.

Trotz Protonen: Die Chemotherapie bleibt Standardtherapie

Der große Vorteil der Protonentherapie: Laut der Experten vom Schweizer Paul-Scherrer-Institut spüren die Patienten normalerweise nichts davon. Zudem sind bislang nur geringe Nebenwirkungen bekannt. Nur in Ausnahmesituationen, wenn zum Beispiel bestimmte Hirnbereiche bestrahlt werden, kann es zu Sinnesreizungen wie zum Beispiel Lichtblitzen kommen. Da die Strahlung nur dort wirkt, wo sie abgegeben wird, fallen auch nicht die Haare aus, wenn der Kopf bestrahlt wird.

Wenn die Schleimhaut der Blase und des Enddarms mit der Protonenenergie in Berührung kommt, kann es zu Reizerscheinungen und Entzündungen kommen, die aber für gewöhnlich nach dem Ende der Behandlung schnell wieder abklingen. Der Tumor wird mit kleinen Einzeldosen so lange beschossen, bis die berechnete Gesamtdosis erreicht ist, die ihn zerstören soll. In der Regel dauert die gesamte Behandlung zwischen 25 und 37 Bestrahlungstage.

Große Erwartungen trotz fehlender Studien

Der große Nachteil der Protonentherapie: Sie ist teuer und zeitaufwändig. Rund 150 Millionen Euro hat allein der Bau des Münchener "Rinecker-Zentrum für Protonentherapie" verschlungen. Noch ist die Protonentherapie deutlich teurer als eine herkömmliche Strahlenbehandlung. Außerdem konnte noch nicht grundlegend erforscht werden, bei welchen Krebsarten die Teilchentherapie tatsächlich wirksamer ist.

Nachgewiesen wurde die Überlegenheit der Protonen gegenüber der konventionellen Strahlentherapie bei bösartigen Tumoren von Iris und Aderhaut im Auge sowie bei Knorpeltumoren der Schädelbasis. Allerdings sind diese Tumore im Vergleich zu anderen Krebsarten sehr selten.

Trotz der bisher fehlenden Studien rechnen Forscher, Medizinunternehmen und Unikliniken damit, dass sie mit der Protonentherapie in Zukunft Erfolge feiern werden, vor allem bei Lungenkrebs im Frühstadium, Gefäßknäueln im Gehirn oder Magenkrebs, der vom Chirurgen nicht ganz entfernt werden konnte. Auch Kinder und Jugendliche, die an Krebs erkrankt sind, könnten von ihr profitieren. Denn bei ihnen ist die Gefahr, dass durch eine konventionelle Strahlentherapie eine zweite Krebserkrankung ausgelöst wird, sehr hoch. Mit einer Protonentherapie könnten die Ärzte dieses Risiko ausschließen.

Autor: Michael Ringelsiep

Stand: 01.10.2015, 11:07

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