Wenn die Dörfer sterben

Alte Frauen sitzen auf einer Dorfbank, um Neuigkeiten auszutauschen.

Landleben

Wenn die Dörfer sterben

Traditionelle Fachwerkhäuser, glückliche Hühner, ein beschauliches Leben im Grünen – dieses Klischee bestimmt noch oft die Vorstellungen vom typisch deutschen Dorf. Doch die Idylle bröckelt: Deutschlands Dörfer verwaisen und vergreisen. Viele Orte kämpfen um ihre Existenz.

Einstige Bedeutung

Mehr als 30.000 Dörfer gibt es in Deutschland – von Deutschlands kleinster Gemeinde Wiedenborstel in Schleswig-Holstein mit gerade mal einem Dutzend Einwohnern bis zu Gemeinden mit mehreren tausend Einwohnern.

Über viele Jahrhunderte hatte das Dorf seine feste Rolle: Die Landwirte der Dörfer produzierten die Lebensmittel, mit denen auch die Städte versorgt wurden. Auf dem Land entstanden Handwerk und verarbeitendes Gewerbe, Kleinbetriebe boten Arbeitsplätze.

Von wegen: gute alte Zeit

Doch die "gute alte Zeit" war beschwerlich: Die Dorfbewohner hatten lange, harte Arbeitstage, sie litten unter hohen Abgaben an die Obrigkeit und hatten gleichzeitig nur wenig Rechte. Wer im Dorf geboren war, der blieb auch dort – allerdings nicht immer freiwillig. Die Bauern durften das Gut ihres Leibherren nicht verlassen und auch nicht ohne seine Zustimmung heiraten.

In manchen Gegenden Deutschlands, beispielsweise Westfalen, Württemberg und Hessen, blieb die Leibeigenschaft noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten.

Mit dem Ende der Leibeigenschaft und dem Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert begann die große Abwanderung in die Städte, Land- und Forstwirtschaft nahmen immer weiter ab, Industrie und Dienstleistungen hingegen zu.

Historische Schwarzweißaufnahme: Landarbeiter bei der Roggenernte im Taunus, 1929.

Die Arbeitstage waren lang und hart

Ohne Landwirtschaft kein Dorf

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich die Situation der deutschen Dörfer grundlegend. Viele Menschen, die im oder nach dem Zweiten Weltkrieg in den Dörfern untergekommen waren, wanderten in die Städte ab.

Gleichzeitig vollzog sich in der Landwirtschaft ein großer Wandel: Vor allem technische Neuerungen sorgten für mehr Produktivität und damit weniger Arbeitsplätze.

Die Betriebe wurden größer, viele kleine mussten ganz aufgeben. Heute arbeiten weniger als drei Prozent aller Erwerbstätigen in Forst- und Landwirtschaft. Um 1800 waren es noch 80 Prozent gewesen. Bauer war damals der häufigste deutsche Beruf.

Mähdrescher und Traktor bringen die Wintergerstenernte auf einem Feld in Thüringen ein.

Moderne Maschinen ersetzen die Handarbeit

Mit diesem Wandel änderte sich auch das Gesicht des Dorfs. Zu kleine Höfe im Ortskern wurden zugunsten von Aussiedlerhöfen aufgegeben. Neubaugebiete am Dorfrand boten zwar bequeme Wohnverhältnisse, doch sie sorgten auch dafür, dass die Ortskerne ihre Funktion und letztlich viele Bewohner verloren.

In den 1960er und 1970er Jahren verzeichneten die Dörfer wieder mehr Zuzüge, viele Städter zog es "aufs Land". Letztlich profitierten davon aber vor allem die Randgebiete der Städte, nicht die abgelegenen Dörfer auf dem Land.

Wenn der letzte Laden geht...

Arbeitsplätze außerhalb, Supermärkte auf der grünen Wiese – diese Entwicklung führte bei fast alle Dörfern zum gleichen Problem: Die ursprüngliche Infrastruktur der Orte wurde kaum noch genutzt. Nacheinander schlossen Bäcker, Metzger, Lebensmittelläden, Gaststätten und Bankfilialen. Doch für viele Orte kamen außer dem Verschwinden der Landwirtschaft noch weitere Probleme hinzu.

Bundeswehrstandorte in ländlichen Regionen wurden geschlossen, die Industrie in Bereichen wie Stahl, Schiffsbau, Bergbau baute ab, an Küstenorten fiel die Fischerei weg – allesamt lebensnotwendige Einnahmequellen für die Dörfer in der Nähe. Nach der Wiedervereinigung fehlte den Dörfern im ehemaligen innerdeutschen Grenzgebiet plötzlich die Zonenrandförderung.

Blick auf einen verlassenen Einkaufsladen in Sachsen-Anhalt.

Die alten Geschäfte sind nicht mehr gefragt

Nur die Alten bleiben

Fängt die Infrastruktur eines Dorfs erst an zu bröckeln, ist der Abwärtstrend kaum noch aufzuhalten: Wer keine Einkaufsmöglichkeiten bieten kann, kann auch seine Bewohner nicht halten und schon gar keine neuen hinzugewinnen.

Ziehen junge Berufstätige und Familien weg, stehen bald Schulen und Kindergärten leer. Der öffentliche Nahverkehr wird eingeschränkt, sobald er zu wenig genutzt wird. Das Dorf ist im Grund nur noch mit dem Auto erreichbar. Der Weg zum nächsten Arzt wird vor allem für ältere Leute ohne Pkw rasch zur Tagesreise.

Auch Unternehmen sind von diesem Wandel betroffen: Steht ihnen nicht genügend qualifiziertes Personal vor Ort zur Verfügung, verlieren sie an Wettbewerbsfähigkeit. Junge Leute mit guter Ausbildung, die an manchen Orten keinen geeigneten Arbeitsplatz finden, ziehen wiederum in die Stadt. Für sie bietet das Dorf immer seltener eine Perspektive.

Der Ansiedlung neuer Unternehmen steht oft ein weiteres Hindernis im Weg: Fast alle sind heutzutage auf eine schnelle Internet-Anbindung angewiesen. Doch einen Anschluss ans Breitbandnetz bekommen meist nur diejenigen, die genügend Kunden im Ort bieten können.

Ein Mädchen erzählt mit zwei ältereren Bauern auf einem Bauernhof, die auf einer Sitzbank für aufgestaptem Brennholz sitzen.

Die Jungen kommen nur noch zu Besuch

Die Politik ist gefragt

Viele Dörfer, in denen der Abwärtstrend bereits eingesetzt hat, werden es ohne Hilfe kaum schaffen, zu überleben. Zumindest in manchen Bereichen ist die Politik gefragt: Das kann eine Regelung bei der Bereitstellung von Breitbandnetzen sein, aber auch ein geänderter kommunaler Finanzausgleich.

In den meisten Bundesländern bekommen die Dörfer pro Einwohner ohnehin schon eine geringere Zuweisung als die Städte. Jeder, der wegzieht, hinterlässt eine weitere Lücke, der finanzielle Spielraum der Gemeinden wird noch kleiner.

Das Problem der schrumpfenden und sterbenden Dörfer ist bisher in den neuen Bundesländern besonders groß. Es hat den Westen jedoch längst erreicht. Es wird diskutiert, einzelne Aktionen sollen dem Trend entgegensteuern.

Doch nicht immer treffen die Wünsche und Nöte der Dörfer bei Politikern auf offene Ohren: Während sich die einen der Rettung der Dörfer verschreiben, sprechen andere schon offen davon, ganze Orte einfach aufgeben zu wollen.

Autorin: Martina Frietsch

Weiterführende Infos

Stand: 11.01.2017, 11:32

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